12,23 € gespart

„Mama, hat der kein Geld für Schuhe?“

Eine Kinder-Frage. Sicher hatte das Kind schon mal einen Fernsehbericht über arme Menschen gesehen, die barfuß und in zerlumpten Klamotten umherliefen. Jetzt sah es mich barfuß an sich vorbeilaufen und übertrug seine TV-Erkenntnisse auf mich.

Gar nicht so dumm, dachte ich.  Vielleicht will ich ja gar kein Geld für Schuhe haben…
Mal ausrechnen, was ich so spare beim Ohne-Schuhe-Laufen!

In den vergangenen 7 Tagen bin ich viel gelaufen. So viel wie selten. Das passiert halt, wenn Lust und Gelegenheit zusammenkommen.

Freitag: 33 km (b)
Samstag: 21 km (b)
Sonntag: 29 km (H)
Montag: 13,3 km (davon 3,3 km H und 10 km b)
Dienstag: 10 km (b)
Mittwoch: 19,5 km (b)
Donnerstag: 19,5 km (b)

b = Barfuß, H = Huaraches (meine nordmexikanischen Laufsandalen)

Das sind ca. 113 barfuß-Kilometer (gesamt – also mit den Huarache-Kilometern – rund 145). Hätte ich dafür Schuhe getragen, die 129,90 € gekostet hätten und 1.200 Laufkilometer benutzt werden, hätte dies für die vergangenen 7 Tage einen Verbrauch von 12,23 € bedeutet. Aufs Jahr hochgerechnet…

…das ist natürlich Quatsch! Ich laufe nicht jede Woche 145 Kilometer; manche Wochen kommen nur 50 km zusammen, und auch da laufe ich nicht immer den überwiegenden Teil barfuß. Im Winter beispielsweise gibt es Wochen ohne einen einzigen Barfuß-Kilometer.

Trotzdem wird mir klar, was für eine Materialschlacht das Laufen eigentlich ist und wie viel Geld so allgemein für Laufschuhe ausgegeben wird. Wer also 3.600 km im Jahr läuft und seine Schuhe 1.200 km trägt, bis sie durchgelatscht sind, gibt (wenn man nicht mit den schlimmsten Billigmarken unterwegs sein will) 300 – 450 € allein für Schuhe aus. Schuhe, die dann auf dem Müll landen. Mit Materialien, die nur selten leicht zu recyclen sind.

Wir rechnen weiter: unter der Annahme, dass es 19 Millionen Jogger / Läufer gibt (Quelle) und jeder Läufer nur 1 Paar Schuhe pro Jahr verschleißt, sind das 19 Millionen Paar Schuhe jährlich. Wiegt jeder einzelne Schuh 250 Gramm, so landen jedes Jahr 9.500 Tonnen Laufschuhe auf dem Müll. Um diese durch neue zu ersetzen, also ebenso viele Schuhe inkl. Schuhkartons aus China oder Vietnam heranzuschippern, braucht es 190.000 m3 Raum, also ca. 5.740 Standard-Schiffscontainer mit einer Länge von 20 Fuß (ca. 6 m). Das größte bislang gebaute Containerschiff, die Barzan, könnte immerhin mit einer Ladung den deutschen Drei-Jahres-Verbrauch an Joggingschuhen transportieren.

So, jetzt ist mir ganz schwindelig von der Rechnerei.

Zeit für meine Fragen an euch:

  • Wie viel Paar Schuhe braucht ihr so im Jahr?
  • Schaut ihr darauf, dass die Schuhe aus Recyclingmaterial bestehen?
  • Wer stellt eure Schuhe her?

Für alle, die sich gerade Gedanken um Abfallvermeidung machen: wenn es nicht zu kalt ist und ich wegen des ungünstigen Untergrunds nicht barfuß laufen will, benutze ich selbstgebaute Huaraches. Als Müll fallen nur die Sohle und die Schnürung an. Und die Dinger machen wirklich Spaß, wenn man sich mal an das Schnürchen zwischen den Zehen gewöhnt hat. Weil keine Dämpfung kaputt gehen kann und nur der Abrieb der Sohle die Schuhe altern lässt, kann man sie gut 2.000 km laufen. Für ca. 10,- €, soviel etwa kosten die Sohle und ein paar Meter Schnürband.

luna_sandal

10 Gedanken zu: 12,23 € gespart

  1. Lieber Wolfgang,

    Ich habe nur mal versucht, Laufschuhe nach meinem Gusto zu bekommen, die nicht in China oder sonstwo in Fernost produziert werden. Da hat man quasi keine Chance. Grund: die von den meisten Läufern bevorzugte Dämpfung ist mit den hiesigen Umweltstandards nur schwer in Einklang zu bringen. Da geht es also nicht einmal nur um den Lohnkostenvorteil. Laufschuhe sind leider nicht allzu umweltverträglich.

    Ich kaufe pro Jahr sicher 3 Paar davon (meine Frau würde mich wohl auf 5 hoch korrigieren). Mit meinen ca. 2.500 Laufkilometern täten es sicher 2 Paar, aber ich bin leider weit entfernt von einer hundertprozentigen Trefferquote. Deine obige Rechnung dürfte also sehr konservativ sein.

    Zum Montag: leider habe ich vergessen, dir meinen Fussumriss mitzugeben, sonst wäre jetzt mein erstes Paar Huaraches in Arbeit 😉 hat by the way wieder Spaß gemacht mit dem Barfussläufer unterwegs zu sein.

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      die von mir als Lauf-Bloggerin sehr geschätzte Heidi Schmitt hat eine Zeit lang einen zweiten Blog geführt: Läufer pro Umwelt. Dort hat sie in einem Beitrag zum Laufschuh-Recycling einiges geschrieben, das deine Aussagen zu den Umwelt-unfreundlichen Materialien voll bestätigt. Folgt man den Links in dem 2012 erschienenen Beitrag, ahnt man, dass es um das Thema Umwelt-verträgliche Materialien im Laufschuh eher noch ruhiger geworden ist.

      Das mit dem Fuß-Umriss ist nicht schlimm; du kannst das ganz einfach mit zwei A4-Blättern selbst machen (wenn du ziemlich symmetrische Füße hast, reicht auch ein Blatt). Wie mans macht, steht bei Barefoot Ted: http://barefootted.com/sandals.pdf. Wichtig: die Knöchel-Markierungen nicht vergessen! Schick das Papier einfach im Briefumschlag an meine im Impressum angegebene Adresse, und wenn wir das nächste Mal zusammen laufen, habe ich die fertigen Modelle dabei 🙂 oder ich schick sie dir mit der Post, falls es zu lange dauert.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

      Fast hätte ich’s vergessen: Montag fand ich auch toll. Die Strecken im Wald, die Brotzeit und am Schluss auch der Fahrdienst nach Markt Schwaben. Merci vielmals nochmal dafür und viele Grüße an deine Familie!

  2. Lieber Wolfgang,

    Wie viele Schuhe im Jahr ?
    mindestens 4 Paar

    Recycling-Material?
    Bin sonst sehr umweltbewusst, aber in diesem Punkt bin ich käuflich, habe aber eine kleine Entschuldigung: alle getragenen Schuhe gebe ich weiter, dann werden sie noch zum Spazieren gehen verwendet, bis sie sich irgendwann auflösen !! 😉

    Wer stellt meine Schuhe her ?
    http://www.newtonrunning.com/pages/about-us/

    Und was die Kosten betrifft, ich bin es mir wert ! 😎

    1. Liebe Margitta,

      die Newton Website verrät, dass man sich dort schon ne Menge Gedanken über die Weise macht, wie man als Unternehmen agiert (B-Corp, philanthropists etc.). Damit sind die Newtons schon die bessere Wahl als Schuhe von einem Hersteller, der mit seiner Marke viel verdient, aber den eigentlichen Herstellern in Asien nur wenig Lohn zahlt.

      Ich hatte in meiner Übergangs- und Suche-Zeit auch mal ein paar Newtons (Test in meinem alten Blog), fand sie aber später im Vergleich zu leichteren Schuhen zu schwer und war schließlich froh, sie dann gebraucht weiterverkaufen zu können. So sind sie wenigstens nicht gleich in den Müll gewandert. Aber wer damit gut zurechtkommt, hat sicher Freude an der eigenwilligen Sohlen-Konstruktion, die den Vorfußlauf fördert. Und sicher sind die Modelle seit damals auch weiterentwickelt worden…

      Und die Kosten? Bei aller Materialschlacht, die uns Läufer so begleitet, sparen wir doch zumindest unseren Krankenkassen die Kosten für Herz-/Kreislauf-Medikamente, Diabetes-Behandlung oder Medikamente gegen frühzeitige Vergreisung. Ich denke, das wiegt die Kosten für ein paar gute Laufschuhe sicher auf 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

        1. Ich habe noch einen Mizuno Wave Universe 3 im Keller, der wiegt nur 100 g pro Schuh in Größe 42,5. Mit dem bin ich immer gerne gelaufen, weil er wirklich super leicht war. Als kompletter Schuh ist der nur 30 g schwerer als meine Sandals, die ja eigentlich nur aus Sohle bestehen, das war schon erstaunlich! Aber natürlich hat du recht: deine Newton gehören schon zu den leichtesten Schuhen, die man kriegen kann. Die meisten Schuhe wiegen doppelt so viel. Und erzeugen damit auch doppelt so viel Müll!

          Liebe Grüße
          Wolfgang

  3. Lieber Wolfgang,
    naja, man muss ja nicht den Trend mitgehen und alle 1200 km neue Schuhe kaufen, ich gönn mir einmal pro Jahr FiveFingers und zuletzt 2015 einen neuen Trailschuh, den habe ich noch keinen Kilometer gelaufen, da ich meinen Salomon aus 2012 und 2013 noch habe, beide Schuhe habe ich günstig – ob nachhaltig weiß ich nicht – erstanden und zusammen haben sie knapp 5000 Kilometer runter, und ja, die kann ich nochmal ein paar 1000 Kilometer laufen, ist zwar fast wie barfuß bzw. profillos, aber geht noch 😉
    Barfuß komm ich auf weniger als 500 km pro Jahr, war in der Vergangenheit schon mehr, aber dennoch möchte ich nicht dogmatisch nur auf das eine oder andere setzen 😀

    Salut

    1. Lieber Christian,

      deine Laufumfänge pro Schuh finde ich überaus erstaunlich. Bei mir haben die Schuhe nie so lange gehalten, irgendwas war immer nach spätestens 1.500 km kaputt, meistens hatte das Obermaterial irgendwelche Risse. Ich erinnere mich noch gut an einen Nike Luna Racer, den ich mir kaufte, als er neu herauskam. Der hat gerade mal die Marathon-Vorbereitung und den Wettkampf erlebt, dann hatte er in jedem Schuh einen Riss. Das war allerdings auch der Extremfall und die Schuhe wurden vom Laden zurückgenommen (war trotzdem Müll). Vielleicht sind deine Trail-Schuhe aber auch viel robuster als was ich so immer getragen habe oder ich bin zu viel auf den steinigen Taunuswegen unterwegs gewesen.

      Falls das mit dem Barfuß-Laufen bei mir dogmatisch rüberkommt, steckt da jedenfalls keine dogmatische Absicht dahinter, sondern nur eine seit Jahren wachsende Begeisterung. Und mit diesem Beitrag wollte ich mit dem Titel zwar eine gewisse Sparsamkeit ansprechen, die dir aus deiner Heimat durchaus bekannt vorkommen dürfte, aber eben nicht ganz bierernst. Als ich dann aber die Müllmengen hochrechnete, die wir allein in Deutschland mit Laufschuhen erzeugen, fand ich das von der Dimension her schon nicht mehr spaßig. Trotzdem will ich niemandem den Spaß am Laufen verderben, ganz im Gegenteil: wenn mehr Leute laufen würden, könnte das durchaus eine beruhigende Wirkung auf die ganze aufgeregte Stimmung haben, die uns zur Zeit bei allen politischen und kulturellen Themen begleitet.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  4. Lieber Wolfgang, mir gehts natürlich nicht anders, die Schuhe sind aus irgendeinem Kunststoff, irgendwo in Fernost gefertigt und ich hab viel zu viele. Einige Flop-Käufe sind über Ebay wieder weg gegangen, aber ein paar (für mich nicht mehr taugliche) fristen nun ein trauriges Dasein im Schuhregal. Wegschmeissen möchte ich die nicht, sind ja eigentlich noch laufbar. Immerhin hab ich mir vorgenommen, zumindest in den nächsten Monaten nix neues mehr zu kaufen, sondern was da ist wird erstmal runterzulaufen bis sie völlig hinüber sind, auf Kilometer achte ich da nicht.
    Übrigens wurde ich (ungewollt) im Laufladen darauf aufmerksam gemacht, Schuhe viel länger als eigentlich empfohlen zu laufen. Meine Mizuno Ronin hatten nun eh relativ wenig Dämpfung und ich fand die richtig runtergelaufen eigentlich erst so richtig prima. Der Verkäufer sagte dann dummerweise „dann laufen sie die doch einfach weiter, wir haben keine mit weniger Dämpfung“. Gesagt, getan und ich hab mich plötzlich immer mehr für Minimal-Schuhe interessiert. Wohin das geführt hat und führt, ist bekannt.
    Mir ist in dem Zusammenhang was anderes aufgefallen: Wieviel Stück von „Born to Run“ wurden verkauft? 5 Millionen? Oder sogar noch mehr? Wieviele der begeisterten Leser haben dann begonnen den Laufstil zu ändern? Die Zahl würde mich echt mal interessieren. Die „Laufschuhmafia“ ist offenbar subversiv sehr stark 🙂
    Beste Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      da hast du einen interessanten Aspekt genannt: Schuhe mit wenig Dämpfung verlieren auch wenig Dämpfung, wenn sie alt werden. Je aufwändiger die Dämpfungskonstruktion, desto anfälliger ist sie gegen mechanische Belastung und Materialermüdung. Am besten sehe ich das bei den SoleRunners (1,5mm Sohle, sonst nichts) oder bei meinen Huaraches (je nach Modell 4 oder 6 mm Sohle, sonst nichts); bis auf den Sohlenverschleiß passiert nichts. Denke ich noch zurück an meinen ersten „Rolls Royce“ unter den Laufschuhen, einen Asics Gel Kayano, der fühlte sich nach einem Jahr im Vergleich zu einem neuen Modell schon richtig ausgelaugt an.
      Dummerweise ging bei meinen späteren – weniger gedämpften – Schuhen oft das Obermaterial kaputt, so dass sie auch bei noch intakter Sohle nicht mehr zu gebrauchen waren.

      Jetzt bin ich glücklicherweise an einem stressfreien Punkt angelangt: wenn wirklich mal die Sohle eines Huarache durchgelaufen ist, geh ich in den Keller und schneide mir ein paar neue aus meiner großen Sohlenmaterial-Platte, löchere und binde sie und schon gehts weiter. Im Sommer brauch‘ ich die eh nur im Gebirge und im Winter tuns die SoleRunner, die aber auch lange halten. Schuhkauf ist selten geworden, und ich vermisse ihn so gar nicht 🙂

      „Born to run“ hat sicher den Verdienst, viele Läufer zum Reflektieren der Art, wie sie laufen, gebracht zu haben. Die Laufschuh-Industrie ist auf den Zug aufgesprungen, hat ihr Sortiment diversifiziert und den LKäufern eingeredet, noch weitere Schuhe zu brauchen, um auch natürlich laufen zu können. Und die Orthopäden haben sich über viele Patienten gefreut, die zu schnell umgestiegen sind. Ich hoffe aber immer noch, dass die langfristige Wirkung des Buchs in die richtige Richtung geht!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

Kommentare sind geschlossen.