Achill – Geschichte einer Heilung

Wer die Schwachstelle eines Systems mit einem gängigen Begriff umschreiben will, benutzt häufig dafür das Wort „Achillesferse“. Anders ausgedrückt: wenn es überhaupt Probleme gibt, dann an dieser besonderen Stelle.

Was aber macht denn die Achillesferse so interessant, dass sie sich von der Antike bis in beinahe jedes Läuferforum immer wieder und vor allem berechtigterweise so in den Vordergrund spielen kann? Und wie habe ich meine eigenen Probleme mit dieser sehr speziellen Körperregion lösen können?

Ihren Ursprung hat die Achillesferse – wie könnte es bei diesem Namen anders sein – bei Achilles, dem Helden der griechischen Mythologie. Als Sohn einer Göttin und eines Menschen war er sterblich. Das passte seiner Mutter nicht ins Konzept, und so machte sie den Versuch, ihn durch Eintauchen in den Styx (der Fluss am Übergang zur Unterwelt) unverwundbar zu machen. Dummerweise blieb die Stelle, an der sie ihn bei diesem Tauchgang festhielt, von der Zauberbrühe verschont, so dass er genau dort, an seiner rechten Ferse, verletzlich blieb, was ihn schließlich doch das Leben kostete, wurde er doch durch einen Pfeil genau dort getroffen (siehe Bild oben). Dumm gelaufen! Immerhin haben die nachgeborenen Anatomen Achilles zum Namensgeber der dicksten und stärksten Sehne im menschlichen Körper gemacht, und so können wir heute oft und gerne über diese bekannte Schwachstelle im Läuferleben labern, auch ohne dass sie durch eine beim Tauchgang versehentlich ausgesparte Stelle so empfindlich wurde.

Was aber macht unsere Achillessehne so empfindlich?

Beim Laufen kriegt sie den Aufprall auf den Boden ab und wird auch beim Abdruck mächtig gespannt. Je nach Lauftechnik ist sie dauernd unter Spannung (Vorfußlauf) oder bekommt zwei mal pro Schritt einen kräftigen Zug (Fersenlauf). Anders als die Muskeln, in die sie übergeht, wird sie aber kaum mit Blut versorgt. Dadurch kann sie sich nach Überlastungen nur langsam regenerieren. Ist sie erst mal so gereizt, dass man einen entzündlichen Prozess bereits als Wärme tasten kann, besteht die Gefahr, dass ihr Gewebe umgebaut wird, was die Elastizität verringert und sie noch stärker für Verletzungen anfällig macht. Ein Teufelskreis!

Ich habe vor etwa einem Jahr durch ein blödes Experiment meine beiden Achillessehnen so gestresst, dass sie nicht nur entzündet waren, sondern auch bereits am Fersenansatz deutlich sicht- und tastbare Verdickungen bekamen. Ergebnis: schon nach kürzeren, langsamen Läufen (5 – 10 km) brauchten die Achillessehnen mehrere Tage, um wieder schmerzfrei zu sein. Die Verdickungen blieben aber und mit ihnen die enorme Empfindlichkeit. In meinem früheren Blog habe ich das ausführlich beschrieben: Zugvögel (2): der Absturz.

Wenn das schon wehtut, sollte man sich fragen, was man falsch gemacht hat!
Wenn das schon wehtut, sollte man sich fragen, was man falsch gemacht hat!

Warum ich vor einem Jahr darauf kam, dass ein barfüßiges Laufen im Wald meine Probleme lösen konnte, will ich hier nicht wiederholen; Tatsache ist aber, dass meine Achillessehnen langsam wieder mehr aushielten.

Wenn ich jetzt – da die Verdickungen vollständig verschwunden sind und mit ihnen die Empfindlichkeit von Achillessehne und Ferse – auf die letztjährige Laufsaison zurückblicke, kann ich die Heilung der Achillessehnen sehr einfach erklären: indem ich gezwungen war, wegen des unangenehm steinigen Waldbodens den gesamten Fuß anzuspannen und damit zu kräftigen, verringerte ich immer mehr die Schläge auf die Achillessehne. Als ganz besonders heilsam hat sich die kleine Greifbewegung der Zehen erwiesen, die den Fuß in eine elastische Spannung versetzt, die die Achillessehne wesentlich entlastet.

Barfuß-Läufer neigen also insbesondere auf unangenehmen Untergründen zum Vorfußlauf. Gerade von Vorfußläufern hört man aber doch immer wieder von Problemen mit Achillessehnen und Waden. Wie passt das zusammen?

Der Hauptunterschied zwischen meinem barfüßigen Vorfuß-betonten Lauf und einem klassischen Vorfuß-Lauf in Schuhen ist eindeutig die Greifbewegung der Zehen. Kombiniert mit einem leicht nachgebenden Knie und gespannter Hüftmuskulatur wird ein elastisches, leichtes, schnelles Laufen ermöglicht, das auch das Hauptproblem der Schuh-Vorfuß-Läufer, die stark gespannten Waden, vermeidet. Vorfußlauf ohne größere Wadenspannung, einfach durch die Kraft der Zehen!

Den Unterschied kann man selbst einmal beim langsamen, bewussten Traben ausprobieren: einmal mit greifenden Zehen laufen (gleichzeitig mit den Fingern greifen hilft; vermutlich ein Überbleibsel des vierbeinigen Laufens) und ein anderes Mal die Zehen anheben, so dass sie nicht mehr an der Spannung des Fußes mitwirken können. Ein Riesenunterschied für die Waden. Und – welch Wunder – auch für die Achillessehne, die die Wadenmuskeln an der Ferse verankert.

Seitdem ich entdeckt habe, wie wenig Kraft die Zehen dafür brauchen, den Fuß vorzuspannen und mit wie viel weniger Kraft in den Waden ich dadurch laufen kann, macht mir die Lauferei und insbesondere der weiche, Vorfuß-betonte Lauf gerade nochmal so viel Spaß.

2 Gedanken zu: Achill – Geschichte einer Heilung

  1. Hallo
    Lese mich grade so durch deine Seiten .. total interessant.
    Laufe selbst seit 3 Jahren und laboriere seit gut 1,5 Jahren an Achillesproblemen.
    Jetzt versuche ich es mit Barfusslaufen. Guter Tip mit der Zehenvorspannung.
    VG. Günther

    1. Hallo Günther,

      natürlich ist die kleine Greifbewegung der Zehen kein Allheilmittel für Achillessehnenprobleme, denn diese können ja viele unterschiedliche Ursachen haben. Ein Freund von mir ist seine Probleme mit dem Achillessehnen-Ansatz an der Ferse einfach dadurch losgeworden, dass er keine Laufschuhe mehr mit fester Fersenkappe trägt. Was auf jeden Fall durch das Zehengreifen (das ja eigentlich ein ganz natürlicher Greifreflex ist) verbessert wird, ist die Spannung im Fuß, die wiederum die unteren Extremitäten gegen Schläge schützt. Und der Schutz fehlt, wenn man die Zehen in Laufschuhen „abschaltet“. Bei allen Umstellungen habe ich aber eines als extrem wichtig erlebt: der langsame, sanfte Übergang.

      Melde dich mal, wenn du absehen kannst, ob dir die Sache mit den Zehen nützt. Alles Gute für Dein Laufen!

      Wolfgang

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