Analoge Macht

Wir bauen die neue Welt. Aus digitalen Bausteinen. Weil wir uns seit Gutenberg auf schriftliche Informatiosübertragung spezialisiert haben, brauchen wir Augen = Kameras. Für die Information, was mit uns los ist, haben wir weitere Sensoren (Puls, Blutdruck, Lage, Atmung etc.). Eigentlich alles, was wir selbst auch schon mit unseren Sinnen wahrnehmen können, nur eben digital. Und damit technisch übertragbar und von Dritten verarbeitbar. Ob die Dritten nun Smartphone heißen oder NSA, ist völlig egal. Alles, was verarbeitet werden kann, wird verarbeitet. Wir müssen nur noch auf die Empfehlungen der Dritten warten. Für die Pulsuhr-Fans heißt das: „Mach langsam!“ oder „Gut gemacht, du läufst in deiner OwnZone“. Träger von Fitness Tracker-Armbändchen lassen sich morgens berichten, wie sie in der Nacht geschlafen haben. Alle Nutzer dieser Informationen aber teilen ein Schicksal: sie überlassen die Beurteilung ihres Zustands einem Dritten.

In diesem Beitrag werbe ich dafür, eine digitale Pause einzulegen und die analoge Macht wiederzuentdecken. Keine Angst, meine Botschaft lautet nicht: „zurück auf die Bäume“, sondern: „baue zwanglos auf das beste System!“. Natürlich am Beispiel Laufsport.

Zunächst eine Frage: wie stellen wir sicher, dass wir effizient laufen?

Durch die Eigenwahrnehmung unseres Körpers, genannt Propriozeption. Sie informiert uns über Gelenkwinkel, Muskelspannungen, die Lage im Raum etc.. Lasst euch mal bei Gelegenheit von Ian Waterman beeindrucken, dem einzigen Menschen, der sich ohne Propriozeption normal aussehend bewegen kann (-> BBC-Film auf dailymotion.com).

Schaut man sich den Begriff in der Wikipedia an, findet man eine Studie, bei der ein besonderer Anteil der Propriozeption an der Leistungsfähigkeit in bestimmten Sportarten nachgewiesen wurde; je besser die Eigenwahrnehmung, umso effizienter die Bewegung.

Zurück zur digitalen Pause: wenn wir jetzt annehmen dürfen, dass nicht die Pulsuhr, sondern die Propriozeption das wesentliche Element für die Steigerung unserer Effizienz ist, können wir uns aufs Wesentliche konzentrieren: auf die Bewegung selbst. Nicht auf deren Beurteilung durch digitale Dritte. Was glaubt ihr, warum bislang noch kein Gadget auf dem Markt ist, das uns erlaubt, ähnlich wertvolle Rückschlüsse auf die Effizienz unserer Bewegungen zu bekommen wie es unser Bord-Infosystem Propriozeption kann? Weil die Menge der gelieferten Informationen deren algorithmische Verarbeitung in einem tragbaren Kleinstrechner (wie ein Smartphone) hoffnungslos überfordern würde. Und selbst wenn die Informationsflut verarbeitbar wäre: wie sollte uns das Gerät wohl mitteilen, dass beim nächsten Schritt der Musculus adductor brevis eine 7,8% höhere Spannung braucht als beim letzten, um eine Geländeunebenheit auszugleichen? Und wie sagt uns das Gerät, dass wir den benötigten Wert getroffen haben, wenn es uns gleichzeitig ca. 300 ähnliche Meldungen durchgeben müsste, damit Laufen überhaupt funktionieren kann?

Digital-Fans werden jetzt einwenden, dass wir selbst solche Infos doch auch nicht in der beschriebenen Quantität verarbeiten. Fast richtig, aber nur fast: solche Infos kommen nur dann ins Bewusstsein (wird gerne mit wir selbst verwechselt), wenn sie eine erhebliche Wichtigkeit bekommen. Ohne diese Wichtigkeit werden sie aber dennoch von unserem Gehirn verarbeitet, völlig automatisch, mit unglaublicher Präzision und dank der parallelen Architetur unseres Zentralorgans auch superschnell. Ein letzter Beweis: man stelle sich einen Menschen vor, der über eine Wurzel stolpert. Blitzschnelle Reflexe sorgen für die optimale Ausgleichsbewegung und verhindern den Sturz. Würden wir auf unseren digitalen Begleiter warten, bis dieser eine Warnung ausspricht (Siri: „Dein Gleichgewicht ist instabil, bitte reiße unverzüglich den rechten Oberschenkel hoch und mach einen großen Schritt nach vorn. Spanne dann das rechte Bein und den Bauch an, damit du einen Sturz vermeiden kannst!“), wäre klar, was passiert.

Warum feilen denn dann so wenig Läufer an der Propriozeption?

  • Weil es bequemer ist, sich ein neues Gadget zuzulegen und sich damit auf Nebenschauplätzen (Herzfrequenz, HF-Variabilität, was man halt so messen kann) zu tummeln. Macht ja auch Spaß, mit so was rumzuspielen und es mit dem hoffnungslos veralteten Gerät, das letztes Jahr neu erschien, zu vergleichen.
  • Weil es schwierig ist, suboptimale Bewegungen zu erkennen und zu ändern.
  • Weil es oft zunächst einen Rückschritt bedeutet. Bestes Beispiel ist der Golfprofi Tiger Woods, der mehrfach in seiner Karriere Bewegungen bewusst neu lernte, um Sackgassen bei der Weiterentwicklung verlassen zu können.

Dabei macht es richtig Spaß, die Eigenwahrnehmung zu genießen, wenn man mal ein bisschen sein Laufen variiert: Körper strecken, Becken rotieren, Neigung und Schrittlänge verändern und dabei immer darauf achten, ob man – bei gleicher Geschwindigkeit – leichter läuft oder nicht. Oder bei gleicher Anstrengung (Herzfrequenz; kann man auch spüren – mindestens die Veränderungen) schneller läuft. Und mit der Zeit wird die Innenwahrnehmung immer intensiver und die Steuerungsmöglichkeiten nehmen immer mehr zu.

Freies Laufen macht auf Dauer den allermeisten Spaß. Man braucht dazu keinerlei begleitende Gegenstände. Das geht immer und überall. Dank der analogen Macht, die in jedem von uns steckt.

Ob man dann noch eine Steuerung durch Gadgets oder Laufplattformen braucht, sollte jeder selbst entscheiden. Ich weiß nur: je mehr Technik, umso mehr Schein-Kontrolle für mich. Je mehr Internet-Connectivity, desto mehr Kontrollmöglichkeiten für Leute, die ich gar nicht kenne.

Deshalb das Beitragsbild mit der zugeklebten WebCam.

8 Gedanken zu: Analoge Macht

  1. Hallo Wolfgang,

    Sehr interessanter Beitrag. Den Begriff Propriozeption kannte ich noch nicht, wohl aber das, was er beschreibt. Ich bin gerade an der Schwelle, meinen Polar ins Altenteil zu entlassen und schwanke zwischen Neuanschaffung und mehr Selbstwahrnehmung. Dieser und dein Kommentar zum vergangenen Beitrag könnten den Ausschlag geben für letzteres. Denn wenn ich ehrlich bin, macht einen wesentlichen Reiz eines neuen Gadgets die auf den Kauf folgende – sehr kurzweilige – Freude am Konsum. Insofern freue ich mich auch auf dein Fazit zur aktuellen Lektüre. Diese Falle beschäftigt mich noch weit mehr als die digitale, die ja nur eine Facette davon ist. Kurz: ich komme mir manchmal wie eine Marionette vor, die weiß, dass sie durch scheinbar unsichtbare Fäden gesteuert ist. Sie bringt aber nicht den Mut auf sie zu durchtrennen. Die Kunst besteht wohl darin, irgendwie auszubrechen und trotzdem ein Teil des Ganzen zu bleiben…

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      ich weiß, wie schwer es ist, der Konsumfalle zu entgehen. Auch ich habe ein ganzes Arsenal an Gadgets, siehe das Bild in diesem Beitrag meines vorigen Blogs. Das ist ja noch lange nicht alles.

      Der Kauf eines solchen Geräts macht wirklich Spaß, weil es einem eine Fülle lustiger kleiner Beschäftigungen bringt, die irgendwie mit unserer Lieblingsbeschäftigung, dem Laufen, verbunden sind. Da es aber irgendwann immer dieselben lustigen kleinen Beschäftigungen sind, die mit all diesen Geräten verbunden sind, und da eine Menge weniger lustige Beschäftigungen im Schlepptau mitkommen (Updates/Upgrades, Akku laden und weitere, an sich gar nicht lustige Tätigkeiten wie Konto beim Hersteller einrichten und zur Belohnung dafür pausenlos Mails bekommen etc.), habe ich den Spaß am Kaufen verloren, weil meine Kauffreude gleich schon durch die Erwartungen dieser Versklavung durch die Gadgets getrübt wird. Und schon bin ich froh, so was nicht gekauft zu haben, so wie die Schachtel Pralinen, die man stehen lässt und sich freut, dass einem nicht übel wird.

      Wirkliche Freiheit basiert auf dem Verzicht auf Technik-Süßigkeiten, die später gerne zu Zahnschmerzen werden. Wenn man sich nicht um Heerscharen zu ladender Akkus kümmern muss, ist das eine nicht zu unterschätzende Freiheit. Wir müssen nur lernen, diese Art von Freiheit zu genießen. Ist ein bisschen wie eine Entziehungskur, lohnt aber auf der ganzen Linie 🙂

      Und – davon bin ich überzeugt – tatsächlich hört die Marionette auf, mit dem Ganzen verbunden zu sein, wenn sie erst die unsichtbaren Fäden erkannt und durchtrennt hat. Das „Ganze“ ist nämlich der Kokon, der uns den Blick auf die ent“fesselte“ Welt verstellt. Aber das merkt man erst, wenn man es wagt, die ersten Fäden zu durchtrennen. Ich bin auch noch nicht soweit, dies richtig zu tun, aber ich ahne schon, wie groß die Welt hinter dem Kokon ist 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang, du sprichst mir aus der Seele, bestätigst in deinen Worten mein Tun, das ich bezüglich des Laufens schon seit (eigentlich) immer befolge. Der Körper diktiert, was er wann, wie möchte – ich folge ihm – vielleicht ein Grund mit, warum ich jetzt im 38. Jahr mit unbändiger Freude laufe und laufe und laufe……………..:?:

    1. Liebe Margitta,

      du sagst es. Ohne unsere Körperlichkeit ist unser Geist kalt und empfindungslos. Unser Körper bringt uns die guten Gefühle (Herzklopfen und Schmetterlinge im Bauch beim Verliebtsein; Gänsehaut bei einem schönen Erlebnis etc.). Seinem Körper zu vertrauen bringt so viel mehr als einem kleinen Stück Technik zu vertrauen. Leider halten viele Menschen die Technik für perfekter, ganz wie in dem alten Witz:

      „Wie wars denn im Urlaub?“
      „Weiß nicht, hab mir die Bilder noch nicht angeschaut.“

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  3. Lieber Wolfgang,
    das Eine schließt das Andere doch nicht kategorisch aus. Ich habe 2010 auf sämtliche Dinge wie Streckenmessung, Pulsmessung und ähnliches verzichtet und ja ich habe mich weiterentwickelt und meinen Laufstil angepasst und umgestellt auf barfuß laufen und minimalistische Schuhe, was aber, seit ich diese technischen Gimmicks wieder verwende, weiterhin passiert. Ich finde man muss nur das richtige Maß finden und das gilt für beide Tendenzen.

    Mein „Laufcomputer am Handgelenk“ soll nicht die Signale meines Körpers ersetzen und berechnete Regenerationszeiten sind m.E. Mumpitz. Allerdings kann ich an meiner Herzfrequenz sehr viele Dinge ergänzend zu den Körpersignalen ablesen. Oft habe ich noch keinen Schimmer, dass mich eine Krankheit ereilt, aber die Herzfrequenz will beim Laufen nicht so richtig ansteigen oder sich rasch erholen und schon bin ich gewarnt und kann meine geplante Distanz oder die Höhenmeter anpassen. Wohl gemerkt, das alles passiert schon ohne körperliche Signale. Das ist nur ein Beispiel von vielen, allerdings sollte man seinen Körper kennen und keinen falschen Ehrgeiz entwickeln wollen. Die gewonnenen Daten müssen auch richtig interpretiert werden.

    Mit Propriozeption kenne ich mich von Berufs wegen schon sehr gut aus und trainiere meinen Körper auch abseits des Laufens hinsichtlich richtiger Bewegungsabläufe und Wahrnehmung, was mich vor Verletzung schützt und mir mehr Sicherheit auf den Trails verleiht.

    Ich bin der Meinung, man sollte dies nicht zu dogmatisch sehen. Es kommt immer auf die richtige Bewertung der Technik an.

    Salut

    1. Lieber Christian,

      auf der sachlogischen Ebene kann und will ich dir nicht widersprechen: wer Technik mit Augenmaß einsetzt und den Versuchungen widersteht, die Beschäftigung mit den technischen Möglichkeiten zum Selbstzweck werden zu lassen, dem kann die Technik duchaus nützen, wobei du ein kleines Gegenargument ja selbst geliefert hast: man muss die Daten interpretieren lernen; das muss man – wenn man sich noch nicht allzuweit von seiner Körperlichkeit entfernt hat – bei seinen Körperwahrnehmungen nicht, denn das kann unser Gehirn von ganz alleine, so wie die Hirne der Tiere dies auch ohne Technik können.

      Auf der Ebene meiner Beobachtungen meines Umfelds stelle ich jedoch sehr häufig eine Technikzentrierung fest, bei der das Laufen gerne zur Nebensache gerät, weil man geile Gadgets miteinander vergleicht und jeder am liebsten das neueste hat. Und genau an dieser Stelle bin ich für mich (der Blog behandelt meine Erfahrungen) dogmatisch, weil ich mich wesentlich besser fühle, seitdem ich diese technischen Einflüsterungen losgeworden bin. Ich freue mich für dich, dass du nicht an der Technik hängst wie die nordamerikanischen Ureinwohner am Feuerwasser, aber viele andere Technik-Benutzer geraten langsam über den Treibsand der Messbarkeit in einen psychologisch unangenehmen Sog der Selbstoptimierung mittels Zahlen, der potenziell eher zur Unzufriedenheit führt. Ich will hier nur anregen, das ganze auch mal sein zu lassen, damit man auch mal wieder die andere Seite sieht und sich dann für die persönlich beste Option entscheiden kann.

      Dennoch: ich freue mich immer über deine Kommentare; scheu dich nicht, darin auch direkter zu werden, wenn du was nicht gut findest! Nur so kann ein guter Diskurs entstehen und mit ihm eine Weiterentwicklung.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  4. Hallo Wolfgang
    Interessanter Beitrag mal wieder, ich schrieb was ähnliches (allerdings wesentlich platter) vor einigen Monaten („Ihr seid Borg“), aber eigentlich nur um mich ein wenig über diese Gadgetverliebtheit auszulassen.
    Als grundparanoider Mensch stehe ich eh nicht auf viel Kontrolle, trage zwar meißtens meine GPS Uhr beim Laufen (manchmal mit, manchmal ohne Pulsgurt), aber hab mich dem Gerät nie überlassen, sondern nutze es eigentlich nur um Distanz oder Höhenmeter gelegentlich zu prüfen und durch die Dokumentation (lokal auf meinem Rechner) langfristig meine Laufstiländerungen zu beobachten.
    Den Puls zb checke ich unterwegs nie, hab da überhaupt kein Bedürfnis nach. In Monschau zb hatte ich meinen Brustgurt vergessen, war mir allerdings ziemlich egal.
    „Je mehr Internet-Connectivity, desto mehr Kontrollmöglichkeiten für Leute, die ich gar nicht kenne.“ Wasser auf meine Mühlen 🙂 Kein Strava, kein Facebook oder ähnliches, da lasse ich die Finger von, niemand weiß wo die Daten irgendwann mal landen.
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      danke für den Hinweis auf deinen Beitrag „Ihr seid Borg“! Den habe ich gerade das erste Mal gelesen, sofern ich keinen bislang unentdeckten Alzheimer habe. Hat mir viel Spaß gemacht, vor allem das Ausmaß deines Erstaunens, mit wie viel Zeugs manche Läufer rumrennen. Herrlich!
      Leider ist das ja inzwischen nicht weniger, sondern viel mehr geworden.

      Ich bin jedenfalls froh, jederzeit loslaufen zu können, auch wenn dann doch noch gewartet wird, bis der letzte Laufkollege (bzw. dessen Garmin) seine Satelliten hat, damit er wenigstens nach dem Laufen erfährt, wo er denn gelaufen ist. Insofern ist solche Technik dann doch gesundheitsfördernd, denn: Lachen ist die beste Medizin, auch wenn es nur ein Belächeln ist.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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