Auf der Eisbahn

Für 7,- € kommt man in der Hauptsaison als Erwachsener in die Eissporthalle Frankfurt. 9000 m2 spiegelglatte Fläche. Braucht man noch Schlittschuhe, kostet das 4,50 €. Das ist nicht viel Geld, wenn man sich dafür den ganzen Tag lang auf rutschigem Grund vergnügen will.

Heute morgen bekam ich das Vergnügen noch günstiger: es hatte – bei Minusgraden am Boden – von gestern abend an geregnet. Im Verkehrsfunk wurde vor Blitzeis gewarnt.
Und tatsächlich: nur der langsam und vorsichtig auf absolut ebener Fläche aufgesetzte Fuß rutschte nicht weg. Im Vergleich zur Eissporthalle war die glatte Fläche ungleich größer: die gesamte Gegend war spiegelglatt, bis auf die salzstrotzenden Straßen.
In der Eissporthalle lässt man sich auf Kufen über ebenen, waagerechten Boden gleiten; hier waren die ebenen Stellen die Ausnahme, und außerdem hatten alle Wege irgendeine Art von leichter bis mittelschwerer Neigung.

Nur das Hirn eines Vollidioten kann bei diesen Verhältnissen auf die Idee kommen, laufen zu gehen.

Oder meines. Die Idee war, mit einer einzigen Trainingseinheit gleichzeitig

  • Feinmotorik
  • Gleichgewichtsgefühl
  • schnelle Reaktionen
  • und nicht zuletzt auch die Muskelkraft

zu verbessern. Soweit die Theorie.

Und die Praxis?

Schon auf den ersten Metern war das ganze ein ziemliches Rum-Eiern.
Nach ca. 100m begann ein leichtes Gefälle und ich musste nur immer ein paar Schritte machen, schon rutschte ich 2-3 m weiter. Noch schwieriger wurde es im Wald: ich hatte erwartet, dass der rauhe, geschotterte Boden des Waldwegs griffiger wäre. Weit gefehlt! Weil der Weg leicht gewölbt war, rutschte ich immer bis zum seitlichen Rand, von dem wegzukommen schon knifflig war. Das Anspruchsvollste aber waren die Flanken der Fuß- und Fahrradspuren, auf denen es überhaupt kein Halten gab. Wenn man Glück hat, rutscht der Fuß nach außen und man kann mit dem anderen Fuß den nächsten Schritt machen. Rutscht er nach innen, legt man sich lang. Folglich lief ich mit breiterer Spur, Tippelschritten und angespannten Adduktoren und dachte an den alten Snowboarder-Spruch: „So lange du von oben auf dein fahrendes Brett schaust, bist du nicht gestürzt.

Wo meine Laufstrecke durch Parks verlief, bin ich über die Wiese gelaufen. Auch dort war es glatt, denn die sonst weichen Unebenheiten hatten sich durch die Minusgrade der letzten Tage stark verhärtet; der Regen auf den Schneeresten tat ein Übriges, um das Rutschen erst gar nicht abreißen zu lassen. Immerhin war das nicht ganz so glatt wie auf den Wegen.

Nach etwa einer halben Stunde merkte ich, dass ich lockerer wurde. Meine Bewegungen hatten sich dem permanenten Rumrutschen angepasst und ich empfand im gesamten Körper ein wachsendes Vertrauen, dass nichts passieren würde. Jetzt fing die Rutscherei sogar an, Spaß zu machen.

Glättemuster aktiviert

Die Leichtigkeit, mit der wir laufen, hängt immer davon ab, wie hoch der Anteil reflektorischer, ermüdungsarmer Bewegungen am Vortrieb ist. Die Muster für langsames Laufen sind anders als die schnellen und die für Trail sind wieder anders als die für den Lauf auf der ebenen Straße. Deshalb ist es auch so wichtig, ab und zu mal mit anderen Geschwindigkeiten und auf ungewohnten Untergründen zu laufen. Ein Fahrtspiel, bei dem auf kurzen Strecken schneller gelaufen wird, kann viel gutes für die Bewegungseffizienz tun, indem es auch die schnelleren Bewegungsmuster aktiviert.

Mein heutiger Lauf hat Muster (re-)aktiviert, die ich nur äußerst selten brauche. Aber wenns mal glatt wird, kann ein schnelles Umschalten auf die geeigneten Bewegungen einiges retten. Vielleicht nur den Lauf, möglicherweise auch den Tag. Im Notfall sogar ein Leben.

Ach ja: gelaufen bin ich mit SoleRunners. Ohne Profil. 1,5mm dicke Sohle, für das maximale Bodengefühl ohne jeden Grip. Wer mich jetzt deshalb für einen Vollidioten hält, dem kann ich nur bedingt widersprechen.

3 Gedanken zu: Auf der Eisbahn

  1. Hallo Wolfgang,

    ich war an dem Tag im Teutoburger Wald unterwegs. Der Freitag war super, alles unter 0 Grad und ne geschlossene Schneedecke. 40km habe ich am Freitag mit 12 kg Rucksack in 10h (mit Pausen) gemacht, also Wandern, nicht laufen.
    Am Samstag habe ich dann nach 3:30h abgebrochen, weil ich grade 10km geschafft hatte und die auch eher neben den Wegen als auf den Wegen. Auf geschlossener Eisdecke die Berge (naja Hügel) rauf und runter ist schon ein besonderes Erlebnis und mit Lauftechnik ist da auch nichts mehr zu reißen. Mit Profil glaube ich auch nicht. Schwerpunktverlagerung durch den Rucksack muss auch erstmal geübt werden. Ich hatte die Solerunner Stiefel an, die haben flache Noppen unter der Sohle, kein richtiges Profil.
    Habe oben auf dem Hermannsweg nur eine Person getroffen, der Rest ist lieber direkt unten geblieben, oder hatten keine Idee, wie man da rauf kommt 😉
    Ich habe da nur mitgenommen, dass man bei seiner Planung der Tagesetappe auf jeden Fall die Wettervorhersage mit einbeziehen sollte und sich einen Plan B bereit halten sollte. Eigentlich waren auch wieder ca. 40km geplant an dem Tag. Mit Lauftechnik kommt man nicht gegen die Schwerkraft an, mit Steigeisen wäre es gegangen, aber Flachlandhügel (Teuto hat maximal 450m) mit Steigeisen ist schon etwas lächerlich…

    Wie du siehst bist du nicht alleine so bescheuert 😉

    1. Hallo Stefan,

      21 Minuten pro Kilometer, das lässt schon vermuten, dass du dich an jenem Samstag eher artistisch als wandernd bewegt hast.
      Ich glaube trotzdem, dass uns solche unfreiwilligen Übungen ne ganze Menge bringen. Und wenn es nur die Genugtuung ist, selbst auf dem denkbar ungünstigsten Untergrund noch vergleichsweise sicher (wenn auch langsam) vom Fleck zu kommen.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

      1. Hi Wolfgang,

        ja bin stolz darauf mich nicht einmal aufs Maul gelegt zu haben. Aber abbrechen ist nicht mein Ding, jetzt muss ich nochmal los, um das zu Ende zu bringen. Und du hast natürlich recht, man strengt ganz andere Muskeln an, um auf den Beinen zu bleiben und mein Gleichgewichtssinn wurde bestimmt auch trainiert. Aber ich habe es nicht durchgezogen, das wurmt mich einfach.

        Grüße und weiter so! Ich hab letztes Jahr auch schon ca 200 km komplett Barfuß gemacht, allerdings nur im Moor und am Strand (Miesmuscheln geben mehr Gripp als Algen).

        Stefan

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