Salzstreuer im Einsatz

Autsch!

Wer ein Labor betreibt und darin gewisse Experimente vornimmt, ist gut beraten, deren Risiko sorgfältig zu kalkulieren, damit im Problemfall kein größerer Schaden eintritt.

In meinen letzten Beiträgen zum Thema „Laufen bei Kälte“ habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, mich immer weiter in die tiefen Temperaturen vorzuwagen. Bei meinem ca. einstündigen Lauf am Neujahrstag bei -5 Grad sah es so aus, als würde ich die Grenze ein weiteres Mal verschieben können, bis…

Aber alles der Reihe nach: die Beginnphase dieses in flotterem Tempo gepanten Laufs verlief wie erwartet: nach etwa 10 Minuten ging das Gefühl in Zehen und Sohle zurück, aber die Zehen sahen hübsch rosa aus. Es lief sich prima und hätte immer so weiter gehen können, als ich bemerkte, dass der Boden auf den Wegen immer weißer wurde. Jetzt war klar: auch wenn es nicht geschneit hatte, sondern lediglich eine immer dicker werdende Reifschicht den Boden bedeckte, dies wird das erste Mal barfuß auf Schnee sein. Das Laufgefühl war sehr toll, weil ich wider Erwarten kein bisschen rutschte. Vermutlich reichte die Restwärme der schon recht abgekühlten Sohle, um den Schnee unter dem Druck des Standbeins leicht anzutauen, so dass er nicht mehr glatt war.

Das Gefühl in den Füßen blieb konstant leicht taub, aber von innen heraus auch leicht warm, als ich auf schneebedecktes Kopfsteinpflaster kam. Sogar hier gab es kein Rutschen. Inzwischen lief ich ca. eine halbe Stunde, und – hier setzte mein Risikomanagement ein – ich beschloss, es nicht zu übertreiben und wieder nach Hause zu laufen.

Leider kam jetzt, womit ich nicht gerechnet hatte: in der Zwischenzeit war auf den Wegen nach Hause überall Salz gestreut worden, und sehr schnell war der weiße Bodenbelag in eine kalte Flüssigkeit umgewandelt. Bei niedrigen Temperaturen fühlt sich der Boden ohnehin immer kälter an, wenn er nass ist. Das liegt einfach daran, dass die Nässe am Fuß bleibt und ihm auch Wärme entzieht, während er nicht am Boden ist. Bei Streusalz-Wasser kommen allerdings noch zwei sehr üble Nebenwirkungen dazu:

  • die Flüssigkeit wird durch das Streusalz auf unter Null Grad runtergekühlt und ist nochmals deutlich kälter als normale Feuchtigkeit
  • das Salz in der Flüssigkeit greift die Haut an.

Hundebesitzer kennen den zweiten Aspekt, wenn sich ihre Lieblinge im Winter ab und an mit offenen Pfoten rumplagen müssen, falls es nicht möglich ist, Salz-freie Wege fürs Gassi zu finden.

Als ich nach insgesamt ca. 1 Stunde wieder zu Hause ankam, wunderte mich zunächst nur die lange Zeit, die das Gefühl brauchte, um in die Füße zurückzukehren. Statt sonst nach 5-10 Min. wieder beim Normalzustand anzukommen, hielt die Taubheit etwa eine halbe Stunde an. Was danach kam, war ein deutlicher und sehr unangenehmer Auftauschmerz, der erst nach etwa 3 Stunden verflogen war. Das alles wäre noch im Rahmen dessen gewesen, was ich mir im Zuge meiner Gewöhnung an die tiefen Temperaturen hätte zumuten wollen.

Was jedoch wirklich schlimm war: das Salz hatte die Haut an den Zehen angegriffen, so dass ich das Gefühl hatte, sie wäre nur noch halb so dick. Es gab auch deutlich sichtbare Rötungen. Das Gehen war den ganzen Neujahrstag lang eher unangenehm, aber am nächsten Morgen immerhin schon wieder erträglich.

Experiment Teil 2 (der ungeplante Teil)

Jetzt durfte ich beobachten, wie lange die Regeneration dauert. Und tatsächlich: die Wiederherstellung kam von Tag zu Tag spürbar voran, die geröteten Flächen an den Zehen wurden kleiner, und nach 3 Tagen Laufpause konnte ich wieder Geschwindigkeiten oberhalb des Trabens laufen, allerdings – da immer wieder Salz gestreut worden war – nur mit meinen Leguanos.

Am 07.01. (nach 5 Tage Laufpause) hatte mich die Lust am Laufen schon wieder soweit gepackt, dass ich 25 km im verschneiten Taunus gelaufen bin, und am heutigen 07.01. das gleiche noch mal, also in Summe ca. 50 km am Wochenende, ohne noch irgendwelche Nachwirkungen zu spüren. Beide Läufe allerdings nicht barfuß, sondern in Leguanos.

Was bleibt?

Barfuß auf Streusalz werde ich tunlichst vermeiden. Mir war ja schon vorher klar, dass damit nicht zu spaßen ist (das hatte ich in „Barefoot Running“ des US-amerikanischen Barfuß-Läufers Michael Sandler gelesen: „Watch for Rock Salt„), aber dass die Haut so schnell von diesem Teufelszeug angegriffen wird, hatte ich nicht erwartet.

Bis auf weiteres bin ich daher in meinen Leguanos unterwegs; sollte sich allerdings demnächst eine Gelegenheit ergeben, ohne Salzkontakt wieder mal barfuß auf Schnee zu laufen, werde ich das nutzen. Das Gefühl war wirklich sehr angenehm. Und natürlich werde ich weiterhin aus dem Labor berichten 🙂

8 Gedanken zu: Autsch!

  1. Lieber Wolfgang,
    das Streusalz ist wirklich ein Teufelszeug und ich kann mir gut vorstellen, wie es Dir erging. Ich laufe bei Schnee meist nicht länger als 20-30 Minuten ohne Fivefingers und wenn dann nur im Wald wegen dem Salz. Die Feuchtigkeit kühlt dennoch die Füße schneller aus, so dass mir meist 30 Minuten vollkommen reichen. Im Rucksack habe ich dann immer die VFFs und ein kleines Mikrofaserhandtuch, so dass ich dann weiter laufen kann…aber ganz ehrlich, viel häufiger trage ich bei solchen Bedingungen gleich die Trailschuhe und bei Eis sogar die monströsen Icebugs, ist einfacher 😉

    Salut und viele Schneeläufe

    1. Lieber Christian,

      das mit dem Rucksack ist eine gute Idee. Ich dachte schon daran, mit leichten Schuhen (die weichen Leguanos sind gerade meine Favoriten, weil ich inzwischen in beiden SoleRunner Sohlen Löcher habe) bis zum Ende der Salzwege zu laufen, die Schuhe ins Gebüsch zu verfrachten, dann auf Schnee zu laufen und dann wieder in umgekehrter Reihenfolge heim, aber der Rucksack bringt sicher für eine freie Streckenwahl mehr Spaß.

      Danke für den Tipp und liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang, ganz schön tapfer deine Experimente, auf der einen Seite unangenehm, auf der anderen Seite weißt du nun, was du wann zu tun hast und richtest dich danach. Hauptsache, es gibt keine bleibenden Schäden – und in Zukunft bei Salz eben ein wenig geschützt laufen.

    1. Liebe Margitta,

      bislang – auch wenn ich manchmal verrückt wirkende Sachen mache – habe ich mir noch nie bleibende Schäden beim Laufen zugezogen. Das soll auch so bleiben.
      Soll! Garantien gibt es keine, und das ist auch gut so. Wenn alles 100% sicher wäre, würden wir sicher sehr schnell völlig verblöden. Nur wer aufpasst, weil er aufpassen muss, kann sich vor Gefahren schützen. Ich wusste ja vorher schon, dass Streusalz ein übles Zeug ist. Nur dass es so übel ist, hatte ich nicht erwartet. Ich freue mich aber, dass ich darüber schreiben kann, damit andere, die denselben Weg gehen wollen, nicht in dieselbe Falle tappen müssen. So wie ich mich mich über Tipps von anderen freue, die mir weiterhelfen. Laufen und schreiben, so soll das bleiben! (man sieht: ein Dichter werde ich nicht mehr).

      Liebe Grüße und schöne Läufe an der See!
      Wolfgang

  3. Hallo Wolfgang, die Erfahrung hatte ich letztes Jahr ebenfalls einmal gemacht, Streusalz und Rollsplit, schlimmer gehts fast nicht. Meine Füsse waren ein paar Tage extrem beleidigt und ich ein gutes Stück klüger. Und wie du ja weißt, laufe ich ja nicht wirklich lange Strecken ohne Schuhe (im Winter schon gar nicht). Vorteil Rheinland: solche Tage sind hier extrem selten.
    Aber so bekommen wir Menschen mal ein Gefühl dafür was unsere Tiere so im Winter durchmachen. Mal eben eine Gassirunde in der Stadt? Die armen Pfoten.
    Pass gut auf deine Füsse auf, liebe Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      du sagst es. Wir Menschen machen es den Tieren in unserem gemeinsamen Lebensraum schwer, egal ob es die Streusalz-geschädigten Pfoten sind oder die Nanopartikel-belasteten Meeresorganismen. Das Spiel folgt immer der Devise: wer die Macht hat, gewinnt, der Rest verliert. Zeit, nicht mehr mitzuspielen. Oder die Regeln zugunsten der geschändeten Kreatur abzuändern. Wenn ich nur wüsste, wie…

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  4. Hallo Wolfgang und frohes neues Jahr!

    auf dass alle deine Wünsche für das neue Jahr in Erfüllung gehen.

    Ich muss da leider deine Theorie zerstören, warum du nicht gerutscht bist. Bin kein Physiker, aber so viel weiss ich: Wasser auf Schnee/Eis macht es deutlich glätter (Reibung sinkt noch weiter auf nassem Eis). Schlittshuhe machen sich einen ganz kleinen Film Feuchtigkeit auf dem Eis, daher gehts damit so schnell vorwärts.
    Warum du Barfuß nicht gerutscht bist auf dem Raureif kann ich dir aber auch nicht sagen….

    Und noch einen Tipp für alle, die nach einem Schuh suchen, der Veranstalter Vorgaben entspricht, aber geeignet ist für Barfußläufer. Plan-B z.b. lässt keinen mit Huarache, Barfuß, Leguanos oder ähnlichem auf die Strecke. Sofortige Disqualifizierung durch die Streckenposten, falls man es doch macht. Ich schäme mich fast es zuzugeben, aber ich hab die deutlich billiger bekommen (Hersteller 180 EUR, ich hab sie für 120 EUR bekommen): Salomon S-Lab sense 5 ultra. Die Teile sind bisher das beste, was ich von der Schuhindustrie (die ich eigentlich mittlerweile verachte) bekommen habe. Das Carbongewebe ist genial, man merkt den Boden noch, aber da schlägt nix böse durch. Das und der rudimentäre Zehenschutz lässt mich auch Nachts nach schon langer Strecke (und daher schon müde) noch recht sorgenfrei laufen. In dünnen Huarache musst man dann doch deutlich mehr Konzentration aufbringen um sich nicht die Füße kaputt zu machen im Gelände. Gewicht 220g (!!!) – das ist leichter als meine Luna Sandals Oso!

    mfg stefan

    1. Hi Stefan,

      dir auch ein frohes Neues!

      Die Rutscherei werde ich sicher noch untersuchen, da hast du mich jetzt neugierig gemacht. Ich bin auch kein Physiker, nur Füßiker aus Leidenschaft 🙂

      Dass es Veranstalter gibt, die Läufer mit bestimmtem Schuhwerk (oder ohne) disqualifizieren, war mir neu. Da muss ich wohl bei den wenigen Wettbewerben, die ich im Jahr laufe, einfach mal genauer hinsehen oder auch vorher fragen, ob es Restriktionen gibt. Immerhin haben ja schon Top-Athleten wie Abebe Bikila oder Zola Budd bei internationalen Veranstaltungen ihre Spitzenleistungen barfuß erbracht, ohne disqualifiziert zu werden. Da war ich einfach der Meinung, so was dürfte ein Soja-Würstchen wie ich bei unbedeutenden Wettkämpfen auch 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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