Freiheit für die Füße: was bringt das dem Geist?

haltungDas Wachstum, das wir im Zuge der Umstellung auf Barfuß-Laufen erleben, führt im optimalen Fall auch zu einer erheblichen Zunahme geistiger Freiheit, die es uns erlaubt, souveräner im Leben zu stehen als zur „Schuh-Zeit“.

Die nachfolgenden Betrachtungen gehen von meiner Erfahrung aus, dass das Barfuß-Laufen nicht nur zu einem robusteren Bewegungsapparat, sondern auch zu einer geänderten Lebenseinstellung führt.

Un-Bedingtheit

Erst wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, für bestimmte Zustände oder Tätigkeiten keine Werkzeuge mehr zu benötigen, nimmt man die außerordentliche Befriedigung wahr, die ein bedingungsloses Leben bringt. Nicht von etwas oder jemandem abhängig zu sein, etwas jederzeit zu sein oder zu können, ist ein erhabener Zustand. Brillenträger könnten alles wieder ohne Brille scharf und kontrastreich sehen, Gelähmte würden sich wieder vollständig bewegen können. Ein unvorstellbarer Gewinn!

Wer sich an das Laufen ohne Schuhe gewöhnt hat, weiß, dass er jederzeit schnell und weit laufen kann, ohne erst Laufschuhe besorgen (und anziehen) zu müssen. Gelingt es, diese Unbedingtheit auf weitere Bereiche des Lebens auszudehnen, dürfen wir uns glücklich nennen. Nur zur Erinnerung: die Befriedigung durch Konsumgüter nutzt sich fast immer schnell ab und muss dauernd erneuert oder durch noch bessere, leistungsfähigere Produkte gesteigert werden, von denen wir unser Glück abhängig machen. Funktionieren sie nicht richtig, sind wir enttäuscht; arbeiten sie wie erwartet, machen wir uns abhängig von ihnen; beides ist ziemlich schlecht.

Barfuß-Laufen kann ein erster Schritt sein, Glück durch Unabhängigkeit und Freiheit von Bedingtheit zu erfahren.
Barfuß-Laufen darf kein Selbstzweck sein, sonst wird es selbst zum Objekt der Begierde.
Barfuß-Laufen kann ein Begleiter sein wie eine Meditation, aber als Ziel taugt es nicht.

Aus dem Schatten der Masse heraustreten

Barfuß im Supermarkt: nichts für Kleingeister und Ängstliche

Wer mit blanken Füßen in einem Supermarkt einkauft, wird mindestens als seltsamer Mensch angesehen, oft sogar als unberechenbarer Sonderling. Man merkt das daran, dass die an uns vorbeigleitenden Blicke an unseren Füßen hängenbleiben, um dann rasch den Rest unserer Erscheinung zu mustern. Schließlich muss man ja schnell feststellen, ob von uns Gefahr ausgeht, um notfalls noch rechtzeitig reagieren zu können. Als Gewohnheits-Barfüßler sind wir mittlerweile in der Lage, auch auf die allerdümmste Frage eine passende Antwort geben können. Wer erst seit kurzem unten ohne unterwegs sind, findet hier genügend Stoff zum Nachlesen. Wir müssen nur ein bisschen flexibel mit unseren Reaktionen sein, denn beim Einkaufen sind oft Kinder dabei, die natürlich viel schneller erkennen, dass hier etwas Außergewöhnliches stattfindet. Und wenn ein Kind erst in gut wahrnehmbarer Laufstärke gegenüber Mami oder Daddy fragt: „Was ist mit dem Mann? Warum hat der denn keine Schuhe an?“, könnte sich das Elternteil gedrängt fühlen, uns gegenüber irgendeinen seltsamen Sermon zu konfabulieren. Der Umgang mit solchen Naturen ist oft nicht so einfach, wenngleich auch meistens ungefährlich.

Tatsächlich gefährlich wird es, wenn eher grobmotorisch veranlagte Kunden im Supermarkt unterwegs sind, die nicht darauf achten, wohin sie ihren Einkaufswagen schieben. Schlimmstenfalls bekommt man das Gefährt in die Achillessehne gerammt. Ich habe mir daher angewöhnt, beim Anstehen an der Kasse immer einen Fuß mit der Sohle nach hinten auf die abgewinkelten Zehen zu stellen.

Was uns aber unabhängig von hackenrempelnden Einkaufswagen immer gewiss ist: eine besondere Aufmerksamkeit, die stärker wach hält als ein doppelter Espresso und uns mit erhobenem Haupt durch die Konsumgüter-Gassen schlendern lässt. Ob wir es wollen oder nicht: das Gefühl, be(ob)achtet zu werden, verändert uns spürbar. Als gute Botschafter einer guten Sache natürlich eher zum Menschenfreund als zum arroganten Besserwisser und -macher!

Barfuß im Wald: zwischen belächelt und bewundert

Waldwege – und ich meine hier eher die unkomfortablen und mit Schotter, Ästen und Steinchen gespickten – nötigen den Fußgängern einigen Respekt ab, wenn sie uns an sich vorbeischweben (oder, bei noch untrainierter Sohle: vorbeitapsen) sehen. Anders als beim Laufen auf Asphalt oder im Supermarkt fühlt jeder Mensch mit intakten Spiegelneuronen, dass der Untergrund unangenehm sein muss. Entsprechend fallen dann auch Kommentare und Ansprache aus. Je nachdem wie eilig man es hat, entsteht bei unserer Antwort ein Dialog, der uns den Fußgängern näherbringt, weil sie ein Verständnis für einen zwar ungewöhnlichen, aber doch zutiefst natürlichen und schließlich auch nachvollziehbaren Vorgang entwickeln. Ich habe ausnahmslos die Erfahrung gemacht, dass diese Menschen bei den darauffolgenden Begegnungen immer freundlich bis fröhlich reagieren.

Für unser Selbstbewusstsein ergibt sich daraus die Freiheit, ungewöhnliche Dinge ohne Angst vor der Reaktion unserer Umwelt tun zu können und die Stärke, dies auch sanft und ohne jede Aggression vermitteln zu können.

Barfuß im Zug: wenn es zieht

Sein Leben in vollen Zügen zu genießen ist in der engeren Auslegung eher schwierig, auch wenn die Zugluft bei hohem Fahrgastaufkommen durch die vielen Körper eher reduziert wird. „Im Zug gesessen“ ist daher auch eher bei leeren Zügen eine übliche Begründung für die Erkältung unserer Mitreisenden, wenn uns die Luftströme der Wagenklimatisierung in der wärmeren Jahreszeit ungehindert treffen.

ice_luftzugIm ICE – mit dem ich von Zeit zu Zeit unterwegs bin – hat man den Luftauslass (blauer Pfeil) in das untere Ende der Seitenverkleidung eingebaut, so dass ein kalter Luftstrom genau auf die Füße trifft. Von kalten Füßen sind traditionell eher Frauen betroffen, weil sie sich trauen, im Sommer offene Schuhe zu tragen. An den Business-Tretern der Männer streicht der kalte Strom unbemerkt vorbei. Barfuß ist es jedoch ohne Zweifel am schlimmsten. Wie nicht anders zu erwarten, entsteht auch aus diesem Nachteil für Barfuß-Läufer sogleich wieder ein Vorteil: wer es mit der Zeit ertragen gelernt hat, auch mal kalte Füße zu haben, profitiert von der relavtiven Wärme im Rest des Körpers, und so geschieht es nicht selten, dass die anderen Fahrgäste ihr Jacket um die Schultern hängen oder sich mit sonstigem Stoff verhüllen, während ich – ohne zu frieren – im kurzärmeligen T-Shirt neben ihnen sitze. Und wie auch im Supermarkt sollten wir nicht hochnäsig auf die fröstelnden Zeitgenossen schauen, sondern eher dankbar dafür sein, dass wir mit solchen seltsamen Umweltbedingungen weniger Probleme haben.

Disziplin und Fokussierung

Disziplin klingt immer ein wenig streng, so als müsste man sich aber auch jeden Spaß verkneifen. Ich spreche von Dispziplin im Zusammenhang mit dem Barfuß-Laufen weniger als Voraussetzung für den Erfolg denn als fast automatisch eintretende Folge: wer vom Schuh-Läufer zum Barfuß-Läufer wird, durchlebt eine Vielzahl von neuen und damit ungewohnten Situationen, die man am besten meistert, in dem man sich nicht ohne wichtigen Grund von seinem Ziel abbringen lässt. Genau das ist aber der wichtigste Teil der Selbstdisziplin: das Verfolgen eines Ziels, ohne dass man sich ablenken lässt. Natürlich gibt es auf dem Weg zum Barfuß-Läufer jede Menge kleiner Männchen im Ohr, die einem einflüstern wollen, dass es anders doch einfach bequemer und angenehmer ist. Wer aber dabei bleibt und dann auch zwangsläufig erfolgreich wird, lernt Disziplin quasi nebenbei. Gleiches gilt auch für die Fokussierung, die sich nur in einem anderen zeitlichen Rahmen abspielt. Während die Disziplin dafür sorgt, dass wir immer wieder barfuß laufen, bringt uns die Fokussierung beim einzelnen Lauf weiter. Sei es dadurch, dass wir sie als Konzentration auf den Weg / Untergrund wahrnehmen oder dadurch, dass wir die gesamte Körperwahrnehmung – ausgehend von der Fußsohle, aber mit der Zeit auch immer mehr mit dem Rest des Körpers – intensiviert bekommen.

Schließlich bringen uns Disziplin und Fokussierung Erfolg und Genuss, wenn wir uns heute schon auf Terrain schnell, leicht und flüssig fortbewegen können, das uns gestern noch Schmerzen bereitete.

Nie mehr erkältet

Wir irritieren nicht mehr unser Temperaturempfinden. Wir bekommen als Dank einen Schutz gegen Erkältungen. Und verlieren die Angst vor ihnen, wenn es uns doch mal kalt sein sollte.

Wie das?

In unserer hochtechnisierten (und kommerziell für alle Lebensumstände mit passenden Schutzprodukten ausgestatteten) Welt schwingt immer die latente Angst vor Krankheiten mit. Die Signale des Körpers („Schmutzige Finger oder Füße: Hilfe, alles voller Keime!“ oder „Mir ist kalt, ich kriege ne Erkältung“) werten wir als Befehl, schützende Produkte zu konsumieren. Diese geben uns – der Placebo-Effekt lässt grüßen – wieder ein gutes Gefühl. Es ist dabei völlig egal, ob wir beim ersten Frösteln gleich ein paar Paracetamol-Bömbchen einwerfen oder andauernd unsere Finger mit Desinfektions-Tüchern der bösen Keime und des guten Schutzmantels berauben. O-Ton eines großen Herstellers: „Nicht alle Gegenstände, mit denen wir täglich in Berührung kommen, sind hygienisch sauber.“ Das stimmt, und das ist auch gut so, sonst wäre unser Immunsystem so unintelligent wie diese Werbung.

Das Laufen ohne Schuhe zwingt uns, von solchen paranoiden Vorstellungen abzurücken, sonst könnten wir es nicht tun. Wer barfuß unterwegs ist, bekommt im schlimmsten Fall extrem dreckige Füße. Wer dann jedoch die letzten Meter über eine leicht feuchte Wiese läuft, bekommt sie auch wieder von ganz alleine sauber. Die Beobachtung des ausbleibenden Gesundheitsschadens macht uns locker, so wie uns auch das Ausbleiben einer Erkältung nach stundenlangem Stehen auf kaltem Boden locker macht, es sein denn, unsere Autosuggestion ist bereits so konsumhörig konfiguriert, dass wir uns selbst „krankdenken“. Ich hoffe, dass ihr alle noch nicht so weit gekommen seid!

Wer eine zeitlang in dem wachsenden Bewusstsein gelebt hat, einen immer robusteren und wehrhafteren Körper zu haben, traut sich im Gegenzug auch immer mehr zu. Ohne die Gedanken, krank zu werden, können wir auch kalte Temperaturen gut ertragen. Das fühlt sich dann so an wie „Mir ist kalt, aber ich friere nicht“ und wir freuen uns, dass sich die Haare auf dem Arm aufstellen (Gänsehaut) und wir dadurch ein bisschen wärmer werden. Man kann das tatsächlich fühlen!

Ganz eklatant ist jedoch der Effekt, sich im ganzen Körper wärmer zu fühlen, wenn man barfuß auf kaltem Boden läuft, als wenn man wärmende Schuhe trägt. Mit Huaraches (den Laufsandalen der Tarahumara-Indianer) oder ähnlichen Schuhen ist der Effekt ebenfalls spürbar, aber nicht so deutlich. Ich kann mir das nur so erklären, dass die gesamte Temperatursteuerung des Körpers irritiert wird, wenn man künstlich warme Füße erzeugt. Unabhängig von der exakten Ursachenanalyse darf ich mich darüber freuen, dass sich das Thema Erkältung bei mir erledigt hat, seitdem ich barfuß laufe.

Für das Bewusstsein kommt diese Entwicklung einer Heilung gleich: wir können jetzt einfach ohne Schutzprodukte als freie Menschen in der Welt sein, die nicht gleich in Panik verfallen, wenn sie mal ihren Taschenschirm, die Desinfektionstücher oder die Reiseapotheke vergessen haben. Wir sind wieder ganz.

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