Wie müssen wir unser Umfeld berücksichtigen?

spruecheUnser Umfeld besteht nicht nur aus einem mehr oder weniger großen Laufrevier, dessen Untergründe wir als Barfuß-Läufer beherrschen sollten, sondern auch aus Menschen, die auf unsere Barfüßigkeit reagieren.

Das Laufrevier

Barfuß-Läufer freuen sich darüber, dass sie von Werkzeugen unabhängig sind. Werkzeuge wie Schuhe, Pulsuhren, aber auch Autos oder andere Verkehrsmittel. Die Füße sind unsere Verkehrsmittel. Nicht alle Barfuß-Läufer wohnen aber mitten im Naturschutzgebiet. Selbst wenn in der Nähe ein traumhaftes Laufrevier liegt, so müssen wir doch erst mal dorthin kommen.

Wenn wir das Laufen ohne Schuhe bereits gewohnt sind und entsprechend robuste Sohlen erworben haben, sollten wir auch barfuß zum Laufrevier gelangen, es sei denn der Hin- und Rückweg sind schon länger als die eigentliche Laufstrecke. Falls sich jedoch durch die Addition von Hin- und Rückweg sowie Laufstrecke eine viel zu lange Gesamtstrecke ergibt, sollte man mit dem Rad zum Startpunkt und vom Ziel (klappt natürlich nur bei Rundkursen) wieder heim fahren. Ich habe auch schon den Hinweg mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln zurückgelegt, wenn Laufstrecke und Rückweg meinem geplanten Laufumfang in etwa entsprochen haben.

Sofern zwar die Gesamtstrecke aus Hin- und Rückweg plus Laufstrecke von der Kondition her machbar ist, jedoch nicht von der Robustheit der Sohle, sollte man nicht den Fehler begehen, einen längeren Hinweg in Schuhen zu laufen, da die durch Wärme und ggf. Feuchtigkeit weich gewordenen Sohlen dann umso eher mechanisch angreifbar sind. Wenn das Hinlaufen mit Schuhen nicht vermeidbar ist, bitte offene Schuhe (Huaraches / Laufsandalen) tragen, damit der Weichmacher-Effekt vermieden wird. Oder die Schuhe auf den letzten 500m vor dem Start ausziehen und den Rest barfuß gehen.

Die Leute

Wer etwas ungewöhnliches tut, muss damit rechnen, dass Menschen mit gewöhnlichem Horizont ungewöhnlich reagieren. Barfuß-Laufen ist für Menschen unseres Kulturkreises im 21. Jahrhundert ungewöhnlich, wenn es im öffentlichen Raum stattfindet. Dass man barfuß auf die Welt kommt oder aus der Dusche, wird im Regelfall klaglos akzeptiert. Wer aber außerhalb der eigenen vier Wände ohne Fußbekleidung auftaucht, ist wenigstens einen verwunderten zweiten Blick wert, meistens aber wird so jemand als Sonderling angesehen. Wir reagieren wir Sonderlinge am besten auf diejenigen, die uns für solche halten? Wir müssen zwischen den verschiedenen Gruppen differenzieren:

Umgang mit Nachbarn

Nachbarn, an denen uns gelegen ist, erzählen wir am besten bei einer guten Gelegenheit, was uns dazu motiviert, ohne Schuhe herumzulaufen. Da eine der Stärken des menschlichen Gehirns die zutreffende Interpretation von Mimik und Gestik ist, wird es uns sicher leichtfallen, auf unser Gegenüber passend zu reagieren und nicht eine Standard-Begründung abzuspulen. Nachbarn, die uns nicht mögen, werden ihr Urteil über uns bestätigt sehen, denn sie wussten ja schon immer, dass mit uns etwas nicht stimmt.

Freunde und Bekannte

Wenn es keine Lauffreunde sind, werden sie unsere Barfüßigkeit nur dann als sonderbar empfinden, wenn wir mit ihnen unterwegs oder bei ihnen eingeladen sind. Höflicherweise sollten wir im Falle der Einladung vorher fragen, ob es ihnen recht ist, wenn wir uns ohne Schuhe bei ihnen aufhalten. Gerade peniblere Gemüter, bei denen es üblich ist, die Schuhe vor der Tür zu lassen (aber dafür auf Strümpfen oder in dafür bereitgestellten Schlappen rumzulaufen), stoßen sich an der Vorstellung, dass wir mit derselben Sohle drinnen wie draußen rumlaufen.

Fremde

Mein Tipp: sprecht fremde Personen nicht von euch aus auf eure Barfüßigkeit an! Das könnte schnell als Missionarstätigkeit empfunden werden, und die ist aktuell eher unbeliebt. Wenn euch jemand anspricht, antwortet gerne und auch – wenn es erforderlich ist – ausführlich.

Ist aber ein Ausruf „Guck mal, barfuß!“ schon eine Ansprache, auf die ihr reagieren solltet, oder ignoriert man solche Sprüche am besten? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man es spürt, wenn die Leute was übers Barfuß-Laufen wissen wollen. Syntaktisch erkennt man ein Interesse an einem Kurzgespräch entweder an der deutlich vernehmbaren Frage („Tut das nicht weh?“) oder an einer persönlichen Ansprache, in der „Du“ oder „Sie“ vorkommt („Sie haben wohl Ihre Schuhe vergessen?“).

Wer Spaß daran hat, immer mal wieder anders zu reagieren, findet sicher die eine oder andere Phrase in meinem Artikel „Sprüche für Barfüßler„.

Verwandte

Die Verwandten (zu denen ich auch Ehefrauen und -männer sowie Lebenspartner zähle) habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, weil sie eigentlich die schwierigste Klientel sind. Sie stehen uns so nahe, dass wir Rücksicht auf sie nehmen müssen. Haben unsere Verwandten ihrerseits Probleme, unsere Abartikgeit als Barfüßler gegenüber Dritten zu vertreten, dann haben wir selbst ein Problem. Entweder wir stoßen unsere Verwandten vor den Kopf oder wir dürfen aus Angst vor dem, „was die Leute sagen“, nicht zu einer natürlicheren Lebensweise zurückkehren. Nicht alle Kompromisse müssen faul sein, und wenn wir etwas Fantasie haben, gelingt es uns sicher, auch diese Klippe zu meistern. Man könnte beispielsweise mit Schuhen loslaufen und nach 500m die Dinger unter einem Busch liegenlassen, bis wir wieder zurück sind. Aus den Augen, aus dem Sinn! Nicht dass wir unseren Verwandten verschweigen müssen, dass wir in Wirklichkeit barfuß unterweg sind, aber wir können ihnen beweisen, dass das niemand aus dem näheren Umfeld bemerkt. Meistens gibt es eine allmähliche Gewöhnung aller Beteiligten an das Thema und irgendwann ist dann alles erlaubt.

Hat man allerdings einen Lebenspartner, der den Barfüßler mit dem Hinweis auf die große Liebe bekehren will, dem sei das geniale kleine Büchlein des Psychotherapeuten und konstruktivistischen Philosophen Paul Watzlawik „Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen“ empfohlen.

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