But-ter-weich

Auch wenn wir in den letzten Tagen oft Sonne hatten: der klare Himmel nachts und die kalten Luftstöme haben die Temperaturen am Morgen nie über 2 Grad steigen lassen. Heute hatten wir mal 5 Grad und das erzeugt bei mir fast automatisch einen Startschuss…

Es ist dann, als ob auf dem Thermometer statt der Zahl die Aufforderung steht: „Heute barfuß laufen!“.

So auch heute morgen. Lange Hose, langes Laufshirt (kurzes drunter), keine Mütze, keine Handschuhe, keine Fußschuhe; auch nicht die, von denen die Hersteller immer dreist behaupten, man würde in ihnen wie barfuß laufen: glaubt’s ihnen nicht, denn das ist eine werbetechnische Lüge!.

Schon beim Start wusste ich, auf was ich mich einlasse, denn nach mehrjähriger Übung kenne ich auch die Änderung im Gefühlsleben meiner Sohlen, wenn ich bei kalten Temperaturen auf steinigem Grund (wie in meinem Wald) laufe: nach einiger Zeit verwandeln sich die scharfen Piekser der Steinchen in ein leicht brennendes Drücken, dann verschwindet das Feingefühl aus Zehen und Sohle, danach erzeugen alle Steine nur noch ein dumpfes Drücken. Interessant: Temperaturunterschiede des Bodens (trockene vs. feuchte Stellen) sind nach wie vor wahrnehmbar.

Dann endlich – nach ca. 20 Minuten, wenn’s kälter ist, auch früher – ist der Moment gekommen, wo der steinige Boden nicht mehr stört. Die Bewegung ist nach wie vor weich, um alle Unebenheiten schon mit Zehen und Ballen abzufangen, bevor sie auf die Fußknochen treffen, aber das Sohlengefühl sendet jetzt keine Alarmsignale mehr aus. Wohlgemerkt: ich spüre alle Steine noch, bin ihnen daher nicht hilflos ausgeliefert, aber sie drücken nur noch sanft. Und jetzt fängt der ganze Genuß an: das Laufen ist einzigartig weich, der Fuß kann frei arbeiten, Beine und Rücken nehmen den sanften Druck von unten auf und geben ihn beim Abdruck auch wieder sanft an den Boden ab. Das Ganze erinnert mehr an ein Fließen als an Laufen.

Genau das durfte ich heute morgen wieder 11 km lang genießen. Zieht man die 20 Min. Gefühls-Anpassung ab, sind’s immer noch 8 km. 8 km purer Genuss!

Als ich noch mit Schuhen lief, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass mich das Barfuß-Laufen so begeistern würde. Und ich weiß auch ganz genau, dass das nur derjenige versteht, der es nicht nur einmal ausprobiert hat, sondern der so lange dabei geblieben ist, bis er robuste, starke Füße bekommen hat, die ihm diesen Genuss ermöglichen.

Ich wünschte, ich könnte allen Läufern nur ein einziges Mal dieses Gefühl vermitteln, aber das ist unmöglich. Zwar könnte man erwarten, auf einem weichen Rasen oder auf dem gerade noch vom zurückweichenden Wasser benetzten Sand am Strand ein ähnliches Gefühl zu bekommen, aber das stimmt einfach nicht: ohne eine gut entwickelte Fußmuskulatur fühlt sich der Fußaufsatz und mit ihm das ganze Laufen längst nicht so gut an.

Wer aber über längere Zeit auch die manchmal unangenehmen Begleiterscheinungen der Umstellung auf das barfüßige Laufen in Kauf genommen hat, weiß, was ich meine: der Lohn fürs Durchhalten ist unvergleichlich.

4 Gedanken zu: But-ter-weich

  1. Hallo Wolfgang,

    wenn das Wetter so weitermacht, dann starte ich mit meinen ersten Real-Barfuß-Versuchen für dieses Jahr auch bald. Nachdem Du mir die Sorge mit dem Asphalt genommen hast, werde ich – ganz entgegen meiner sonstigen Vorlieben – mit ein paar Läufen auf der Straße beginnen.

    Freu mich schon darauf, mal wieder ein paar neue Reize einzubauen 😉

    … und was einen wirklich weiterbringt und wertvoll ist, das muss eben meist hart erarbeitet werden. Aber das ist irgendwie auch gerecht – oder?

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hi Sebastian,

      ich wünsch‘ dir alles Gute für die Real-Barfuß-Lauferei (schöner Ausdruck); eine Tetanus-Schutzimpfung hast du ja sicher, oder?

      Das mit dem harten Erarbeiten kann gar nicht so schlimm werden, wenn man klein anfängt und nicht zu schnell die Strecken verlängert. Die Knochen, Bänder und Sehnen (und nicht zuletzt die Fußsohle) brauchen nun mal viel Zeit, um stark zu werden. Sie hatten bei uns Zivilisierten ja auch alle Zeit der Welt, um schwach zu werden. Aber so wie ich dich kennengelernt habe, bist du vernünftig genug, die Sache nicht zu übertreiben, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang, das liest sich sehr, sehr schön, freue mich für dich, dass du soweit bist und das Barfußlaufens voll genießen kannst.

    Neidisch bin ich nicht, würde es auch gerne ausprobieren, eher sehr vorsichtig, bereite ich meine über 37 Jahre (das muss man sich erst einmal rein ziehen !!) in teilweise schwer gedämpftem Material verwöhnten Füße seit ca. 3 Jahren auf WENIG vor, habe aus Leichtsinn, den ich mir kaum verzeihen kann, einen Ermüdungsbruch riskiert. Daher jetzt meine doppelte und dreifache Vorsicht.

    ABER – und jetzt kommt das ABER – ich bin schon relativ weit ab von Dämpfung, trage entsprechend weniger Material an meinen mir sehr wichtigen Füßen – glaube nicht, dass ich soweit kommen werde wie du, aber für mich schon ein großer Fortschritt. meine sehr zivilisierten Füße bis hierher “ entwöhnt “ zu haben.

    Da ich nicht darauf verzichten möchte, meine fast täglichen Ausflüge mit wenigsten15 km fortzuführen, werde ich wohl bei jetzt bewährtem Material bleiben. Bin damit sehr zufrieden und weiterhin auf dem Trip nach weniger. Mal sehen, wohin mich mein Weg führen wird, das Wichtigste jedoch für mich die Unversehrtheit – und nicht zu vergessen – der Wohlfühlfaktor, obgleich es auch hier keine Garantie gibt.

    Finde es gut, dass du es geschafft und richtig Freude daran gefunden hast !

    1. Liebe Margitta,

      es lebe die Vielfalt! So viele Läufer es gibt, so viele Leidenschaften gibt es auch.
      Nichts wäre schlimmer, als wenn alle nur nach einer einzigen Methode glücklich sein könnten…

      Als ich mit der Lauferei vor vergleichsweise mickrigen 15 Jahren anfing, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, mal über Schuhe nachzudenken. Mir war wichtig, dass ich meine in vielen Jahren Projektarbeit verlorene körperliche Fitness zurück bekam. Und wie es bei jedem Menschen ist: man folgt mehr oder minder instinktiv einem Plan und landet irgendwo, und an jeder Gabelung des Wegs ändert sich der Plan ein wenig. Es kommen Ereignisse und Erfahrungen, und jeder halbwegs neugierige und am Leben und seiner Entwicklung interessierte Mensch versucht immer das Beste aus seinem Zustand zu machen.

      So bin ich beim Laufen ohne Schuhe gelandet (nicht bei Kälte und nicht bei langen Strecken im steinigen Taunus, so robust bin ich noch lange nicht) und du beim Laufen mit wenig Dämpfung, und die Hauptsache ist, dass man sich dabei wohl fühlt, was man macht und weiß, warum man es macht.
      Und genau wie du, so muss auch ich über das schreiben, was mich umtreibt, begeistert und leider manchmal auch entsetzt.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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