Das Speed-Paradoxon

Läufer wissen so was. Je schneller man läuft, umso heftiger knallts. Der Aufprall des Fußes auf den Boden wird stärker und der Schuh muss mehr aushalten. Nicht nur der Schuh: alle Gelenke, vom Fuß bis hoch zum Hals, kriegen mit, dass die Post abgeht. Ich dachte bislang immer, dass das auch für Barfuß-Läufer gilt.

Mein Hauswald bietet eine schöne 5km-Runde, nie langweilig, weil’s mal links, mal rechts rum geht, leicht bergauf und bergab, auf schmalen und breiteren Wegen. Leider aber fast überall auf Steinen und Steinchen, die für den Barfuß-Läufer alles andere als angenehm sind. Kombiniert man dieses Sohlengefühl mit der Erkenntnis aus dem vorigen Absatz, kommt eine Ahnung auf, warum mein Projekt Eichwald20, das ich als einziges von dreien letztes Jahr nicht abgeschlossen habe, so anspruchsvoll ist: die 5km-Runde in unter 20 Minuten – also eine 4er Pace oder 15 km/h, und das ohne schützende Sohle, puh!

Irgendwie piekst mich dieses Projekt noch immer, und ich habe große Lust, es dieses Jahr zu packen. Also dachte ich mir, wäre ein schneller Trainingslauf auf der Runde eine gute Vorbereitung. Übertreiben wollte ich es nicht, zumal ich seit einer längeren Erkältung noch nicht so lange wieder laufe. Also sollte es eine Runde in 21 Min. werden. Wenn dann der Trainingszustand besser wird (und das Gewicht wieder etwas geringer, vielleicht 3 oder 4 kg), sollten die 20 Minuten doch zu knacken sein. Respekt aber hatte ich vor allem wegen der Steine im Boden: mit voller Wucht auf eine unnachgiebige Kante zu treten kann mehrere Tage Beschwerden machen und sollte daher unbedingt vermieden werden.

Ich lief mich also so leidlich warm (es sind von zu Hause bis zum Wald etwa 800m), machte noch ein bisschen Zehengymnastik und dann gings los. Die ersten 200m ist die Strecke noch gnädig. Heißt: am Rand des Wegs gibt es kaum Steine, so dass man seinen Speed „in Ruhe“ finden kann. Danach 20m Schotter vor einer Straßenüberquerung und dann tritt man ein paar hundert Meter mit jedem Schritt auf Steine. Komisch: schon beim Schotter merkte ich, dass ich irgendwie festere Sohlen zu haben schien als sonst. Das setzte sich so fort bis kurz vor der zweiten Straßenüberquerung. Vor dieser liegen größere, lockere Steine, auf die man sogar in festen Schuhen nicht treten sollte, weil sie wegrollen, während man auf ihnen aufsetzt. Auf diesem ca. 40m langen Stück nahm ich Geschwindigkeit raus. Danach gings wieder schneller weiter und ich merkte, dass der Boden nicht der limitierende Faktor sein würde: bei der halben Strecke zeigte die Uhr 10:25, also nur 5 Sekunden schneller als die halbe Vorgabe. Erst eine halbe Runde gelaufen, und schon am Keuchen! Kurz kam mal der Gedanke auf „Mach langsamer, du weißt doch jetzt, dass es die Sohlen gut mitmachen!“, aber dafür habe ich mich sofort geistig mit voller Wucht in den Hintern getreten. Also mehr mit den Armen gearbeitet und dabei gemerkt, dass es die nicht mehr an höheres Tempo gewöhnte Lunge ist, die alles begrenzt. Also ein wenig tiefer, aber langsamer geatmet und bis zum Ende durchgehalten. 20:40 stand auf meiner Uhr, und die Füße taten mir kein bisschen weh. Erledigt war ich nur, weil ich schon lange keinen Tempolauf mehr gemacht hatte.

Wie erklärt sich aber der Sohlen-schonende Effekt des schnellen Laufens, dieses so deutlich spürbare, aber sehr willkommene Speed-Paradoxon?

Ich habe erst mal zu Hause nach Aufnahmen gesucht, auf denen unterschiedliche Laufgeschwindigkeiten zu sehen sind. Gefunden habe ich diesen Artikel vom November 2014: Trügt mein Gefühl? Wenn man die Laufband-Aufnahme abspielt und die in Normalgeschwindigkeit wiedergegebenen Aufnahmen, die mich von vorne zeigen, vergleicht, sieht man ganz eindeutig, dass das Laufband bei den höheren Geschwindigkeiten stärker nach unten federt. Also kann es nicht sein, dass bei mehr Speed nur mehr Vortrieb entsteht. Nein, es gibt auch einen sichtbar stärkeren Impact. Warum aber fühlt sich der Boden im Eichwald so viel weniger steinig an, wenn man barfuß schneller läuft?

Meine einzige Erklärung ist die spezielle Konstruktion unseres Fußes, der zwei Gewölbe hat und geniale Zuggurtungen, enorm elastische Bänder und Sehnen. Ich glaube inzwischen fest, dass es diese Konstruktion ist, die bei höherer Belastung fester und trotzdem elastischer wird, so dass bei kürzerem – wenn auch deutlich härterem – Bodenkontakt der Impact viel besser verarbeitet wird und damit – wider Erwarten – ganz prima zu ertragen ist.

Habt ihr eine andere Erklärung?