Den Grund begreifen

Eines der Grundbedürfnisse intelligenter Lebewesen ist das Verstehen. Wir wollen immer wissen, warum etwas geschieht, suchen nach Ursachen, erforschen Zusammenhänge, gehen den Dingen auf den Grund. Oft müssen wir bei unseren Untersuchungen etwas anfassen, berühren, greifen. Das Be-Greifen ist oft untrennbar mit dem Verstehen verbunden, vor allem wenn die Ebene des Verstehens nicht die des Verstandes, sondern die des Körpers ist. So wie die Art, in der unsere Zehen beim Laufen den Untergrund be-greifen.

In klassischen Laufschuhen ist den Zehen eine passive Rolle zugedacht: man wählt die Zehenbox so, dass sie nicht zu eng ist (um die unbeliebten blauen Zehen zu vermeiden); die Sohle des Schuhs ist im Zehenbereich hochgezogen, damit man bei der Vorwärtsbewegung des freien Beins nicht am Boden hängenbleibt. Weil die Zehen in solchen Schuhen keine aktive Aufgabe haben, verkümmern ihre Muskeln und die Durchblutung wird auf das notwendige Maß reduziert. Was geht dabei verloren? Die Zehen:

  • werden nicht an der Analyse des Bodens (Unebenheiten etc.) beteiligt
  • können nicht helfen, die Fußform an die Bodenstruktur anzupassen
  • werden nicht genutzt, um die Härte des Bodenkontakts zu verringern
  • werden nicht zur Vorspannung des Fußes eingesetzt, was die Stabilität des Fußes beeinträchtigt.

Der Barfußläufer hat die Möglichkeit, den Boden mit den Zehen zu (be-)greifen. Beobachtet man kleine Kinder, sieht man, wie sie mit den Zehen Greifbewegungen ausführen. Der Vorgang ist absolut natürlich. Leider verlernen wir durch das Tragen von Schuhen das Bedürfnis, mit den Zehen zu greifen. Wenn wir dann laufen, bleiben unsere Zehen passiv. Der Umsteiger aufs Barfuß-Laufen muss es sich erst wieder angewöhnen, den Grund zu begreifen.

Ich habe in den letzten Wochen begonnen, mich auf diese Greifbewegung zu konzentrieren. Ich habe festgestellt, dass die Zehen schon nach kurzer Zeit extrem ausdauernd werden: man kann ohne jeglichen Muskelkater bei einem 2-Stunden-Lauf bei jedem Schritt mit den Zehen greifen. Der Fuß bekommt durch das Greifen eine höhere Spannung und kann viel besser auf Unebenheiten reagieren. Der ganze  Lauf wird dynamischer, ohne dass dies wahrnehmbar mehr Kraft kostet. Und das Beste am Schluss: die Achillessehne wird entlastet, weil der ganze Fuß mit seiner höheren Spannung auf den Impact vorbereitet ist.

Die ganze Reihe positiver Effekte erfahren nicht nur Barfuß-Läufer, sondern auch klassische „Schuh-Läufer“, deren Fußbekleidung flexibel ist oder zumindest weit genug, die Zehen bei der Greifbewegung nicht zu behindern. Ich bekomme aus meinem Verein die Rückmeldung, dass das Zehengreifen sowohl eine andere Bewusstheit beim Laufen erzeugt als auch der Achillessehne gut tut. Was allerdings ausschließlich Barfuß-Läufer vollumfänglich begreifen, ist der Zustand des Bodens: Rauhigkeiten, kleinste bis ganz große Unebenheiten, Temperatur und vieles mehr. Bei mir stellt sich zunehmend ein Gefühl in Sohle und Zehen ein, als würde ich den Boden mit der Hand berühren. Indem ich ihn begreife, verbinde ich mich mit ihm.

Das Laufen mit aktivem Zeheneinsatz ist nicht nur durch seine Fuß-kräftigende Wirkung eine optimale Verletzungsprävention, sondern macht auch viel mehr Spaß als mit passiven Zehen. Probiert’s selbst aus!