Der Atem des Lebens

Von allen lebenslangen Begleitern ist der Atem der seltsamste. Wenn wir ihn nicht beachten, findet er einfach so statt. Auch nachts, wenn wir bewusstlos sind, funktioniert er ganz von alleine. Wir können ihn aber auch steuern. Wenn wir laufen, atmen wir bewusst. Wir spüren, wenn es an der Zeit ist, schneller und tiefer zu atmen. Und wir merken mehr als deutlich, wenn wir uns so anstrengen, dass wir nicht genug Luft bekommen. Dann heißt es Tempo rausnehmen oder – kurz vor dem Ziel – durchhalten und kotzen. Das alles ist gut so, denn hier wird ein Schlüssel zum Läuferglück greifbar.

Wer einen Zustand innerer Ruhe herbeiführen will, meditiert. Bei vielen Meditationstechniken spielt der Atem eine wesentliche Rolle. Auch beim Autogenen Training, einer einfach zu erlernenden Autosuggestionstechnik, ist das ruhige Atmen essentiell.

Das Gegenteil von Ruhe und Gelassenheit ist Panik, ein Zustand von Angst und Schrecken mit hektischer Atmung, die trotz allem nicht verhindert, dass wir zu ersticken glauben.

Niemand erstickt gerne. Fast niemand: der einzige mir bekannte Liebhaber von Schnappatmung ist Horst Schlämmer, aber der ist ja auch kein Läufer, sondern eine Kunstfigur. Anders wir Läufer: wir lieben es, genug Luft zu haben, ganz besonders wenn es die legendäre zweite Luft ist.

Meine glücklichsten langen Läufe sind die, bei denen ich durch die Nase atmen kann. Es fühlt sich an, als könnte ich mich an den Atem anlehnen und würde sanft von ihm getragen. Durch den Mund bekäme ich zwar mehr Luft, aber wenn die Luft durch die Nase ausreicht, entsteht ein Gefühl großer Reserven. Natürlich weiß ich, dass ich Läufern mit vergleichbarer Ausdauer nicht hinterherkomme, wenn sie durch den Mund atmen. Bei einem Wettkampf hätte ich gegen Mundatmer keine Chance, wenn ich gegen sie gewinnen will. Bis vor einem Jahr wollte ich das auch. Bei meinem Barfuß-Marathon-Debut am kommenden Sonntag soll das anders sein: ich habe mir vorgenommen, so lange durch die Nase zu atmen wie es angenehm ist. Ohne auf die Zeit zu achten.

Wenn ich mich von der allgemeinen Hektik nicht anstecken lasse, werde ich zum ersten Mal einen Marathon nicht laufen, sondern leben.

Leben heißt atmen. Unser Atem begleitet uns immer. Wenn wir entspannt atmen, entsteht Glück. Auch beim Laufen.

2 Gedanken zu: Der Atem des Lebens

  1. Ich drücke dir die Daumen für den morgigen Marathon. So, wie das Wetter steht, gehe ich davon aus, du wirst barfuß Laufen.
    Dann kannst du dir, in der Manier von Ted, Ken Bob & Co, morgen den Beinamen Barefoot verdienen.

    Viel Spaß bei dem Event, ich beneide dich gerade darum!

    1. Hat alles gepasst. Knapp 4 Std. ohne störende Schuhe auf Frankfurts Asphalt. Bericht folgt in Kürze. Bin dankbar und glücklich!

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