Der leise Motor

Menschen lieben den Schall. Meistens den angenehmen Schall wie Musik oder Naturgeräusche, seltener liebt auch einer mal den üblicherweise als Lärm bezeichneten Schall, den Laubbläser, Kettensägen, Rasenmäher oder kreischende Motorräder erzeugen.

Störender Lärm entsteht entweder in einem Motor (lateinisch: der Beweger), den man für die zu verrichtende Arbeit braucht, oder bei der Arbeit selbst. Im Fall der Kettensäge hat man beides, was besonders nervig ist.

Welchen Lärm macht eigentlich der Motor einer Läuferin (ich habe so oft in der männlichen Form geschrieben; es wird Zeit, auch mal die weibliche zu verwenden)? Hört man ihn oder was würde ein hochsensibles Mikrofon aufzeichnen, wenn es keine Störgeräusche wie Wind und Umgebungstöne gäbe?

Von oben nach unten:

  • Die Läuferin atmet. Je nach Laufgeschwindigkeit durch Nase, Mund oder beides. Die strömende Luft erzeugt ein rhythmisches Geräuschmuster, das etwas anders beim Einatmen klingt als beim Ausatmen.
  • Sie bewegt ihre Arme. Das ist für unsere Ohren nur wahrzunehmen, wenn die Kleidung ein reibendes Geräusch macht.
  • Ihr Herz schlägt. Je nach Anstrengung würde man fester/schneller ein dunkles Bup-bup hören.
  • Sie bewegt ihre Beine. Auch hier: Geräusch nur bei „lauter“ Kleidung.
  • Sie kommt mit den Füßen auf. Je nach Untergrund, Schuhwerk und Lauftechnik ist das das lauteste Geräusch.

Langsam laufende Barfuß-Läufer machen kaum wahrnehmbare Geräusche mit den Füßen. Laufen sie schneller oder auf ganz hartem Grund (Asphalt), kann man ein ganz leises Patt-patt-patt… vernehmen.

Als Jäger – die wir früher einmal waren – konnten wir uns Laufgeräusche nicht leisten, solange wir uns an unsere Beute angeschlichen haben. Richtig laut wurden wir Menschen früher nur in der Brunft (eher die Männchen), wenn es darum ging, äußere Stärke zu zeigen.

Als zivilisierte Menschen machen wir leider dauernd Lärm. Unsere Maschinen lärmen (offensichtlich halten wir es nicht für nötig, leise Motoren zu erfinden), wir selbst hupen und dröhnen, als wären wir dauerbrünftig, und die bunte Medienwelt versucht durch (Bild und) Schall, unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Was wir dabei verloren haben, ist die Fähigkeit, uns leise in einer leisen Welt zu bewegen, die es uns ermöglicht, sensibel und differenziert eine Vielzahl interessanter und sehr oft auch liebenswerter Vorgänge auch akkustisch wahrzunehmen.

In Vers 12 des TAO TE KING, einem der großen Weisheitsbücher der Menschheit (verfasst ca. 600 v. Chr.), schreibt der Chinese Laotse, dem das Werk zugeschrieben wird:

Übertriebene Farben fährden das Sehen.
Überstiegene Töne töten das Hören.
Überspitzte Kost kostet den Geschmack.
Überreizte Erregung erregt Unnatürlichkeit.
Überhäufter Besitz besitzt den Besitzenden.
Also der Erwachte:
Ihn verleitet nichts Zeitliches.
Ihn leitet das Zeitlose.

LAOTSE – TAO TE KING (Das Buch vom Weltgesetz und seinem Wirken), Otto Wilhelm Barth Verlag 1979.

Ich biete hiermit 5.000,- EUR für den ersten, der einen Roboter gebaut hat, der mit mir einen Marathon läuft und dabei nicht mehr Geräusche macht und Energie verbraucht als ich. Einzige Voraussetzung: der Roboter darf nicht ferngesteuert sein; er muss die Strecke also selbst erkennen können. Von mir aus darf er auch auf Rädern fahren, bloß in den richtigen Startblock muss er von selbst gelangen, nachdem man ihn eingeschaltet hat. Und natürlich darf er – wie auch ich – keine anderen LäuferInnen anrempeln oder stören.

Das Geld würde ich gerne zahlen, weil es mir die Achtung vor den nahezu unendlich überschätzten Maschinen zurückgeben könnte, die derzeit unsere Welt (und die unserer Mitgeschöpfe, die wir in einem persistierenden Anfall von Hochmut niemals um Erlaubnis gefragt haben) beschallen.

Lauft leise und in Frieden!