Diagnose: unheilbar

Es gibt eine Situation, vor der wir alle Angst haben. Die uns bis ins Mark erschüttert. Nach der nichts mehr ist wie vorher. Es ist die Diagnose: unheilbar erkrankt. Wer sie bekommt, weiß, dass seine Tage gezählt sind.

Stephen Emmott hat ein Buch geschrieben, in dem kurz und schlüssig dargelegt wird, dass unser Heimatplanet unheilbar erkrankt ist. Weil wir bereits heute über den Punkt hinweg sind, ab dem Hilfe noch wirken könnte. Wer das Buch gelesen hat, ist tief bedrückt. Nicht weil die Fakten und deren Zusammenwirken überraschend sind; das alles haben wir schon mal gehört. Nein: weil sie von ihren Folgen her betrachtet werden. Mich hat das Buch richtig fertig gemacht.

Ich wollte diesen Blogbeitrag als Buchbesprechung verfassen, bin aber schließlich bei einer dringenden Aufforderung zum Handeln gelandet. Warum? Weil ich ein bis ans Naive grenzender Optimist bin, der sich einen kleinen Funken Hoffnung nicht zerstören lässt: die Hoffnung, das Ruder doch noch rumreißen zu können, wenn sich nur genügend Menschen schnellstmöglich dafür einsetzen. Sprechen wir aber erstmal über das Buch…

Das Buch ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Es hat zwar 208 Seiten, aber die Seiten sind durchschnittlich nur bis zur Hälfte gefüllt. Die andere Hälfte ist leer. Wohl mit Absicht. So hat man Raum und Zeit, das Gelesene zu verarbeiten.

Eine klassische Kapitelstruktur hat das Buch nicht, daher gibts auch kein Inhaltsverzeichnis. Das zwingt den Leser, es ganz durchzulesen und nicht zu einem interessanten Aspekt mitten im Buch zu springen, was für das Verständnis der Logik hinter diesem Drama, das jedes begreifbare Ausmaß übersteigt, nicht gut wäre.

Ich beschreibe daher auch nicht den Inhalt (den liest du besser selbst bei Emmott), sondern nur die Konsequenzen, die er präzise und anhand vieler Grafiken mit Daten unterlegt. Die Grafiken sehen übrigens alle gleich aus: man sieht eine Kurve aus Jahreszahlen und einem Wert mit exponentiellem Anstieg. Ob es die Anzahl der Menschen ist, der CO2-Ausstoß, die Temperaturentwicklung oder unser Energiebedarf: ab einem bestimmten Punkt unserer Größe und unseres Konsumverhaltens erfolgt ein immer steilerer Anstieg, und man weiß genau: je größer die jeweils dargestellten Werte, umso schneller geht es mit der Erde bergab.

Folge dieser Entwicklung ist ein immer schnellerer Ressourcenverbrauch, gegen den sich eine Heuschreckenplage ausnimmt wie das karge Mahl eines Asketen in der Fastenzeit.

Konsequenz dieser Entwicklung: wir müssen uns ändern! Denn wir selbst sind es, die die Ressourcen verbrauchen. Du bist es und ich bin es. Viel mehr als die Menschen in den armen Teilen der Welt. Alleine die großen Industrienationen verbrauchen weit mehr als die Erde wieder herstellen kann: Wasser, Bodenschätze, Meerestiere. Wir rauben einfach alles, was wir kriegen können, ohne uns bewusst zu sein, dass dieser Raub endgültig ist. Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen. Und der Ast knackt schon. Wer nicht taub ist, hört es ganz deutlich: Wasserknappheit (sogar in den reichen USA), Hungerkatastrophen, Dürren, Abholzen von Wäldern, die uns mit Sauerstoff (und gutem Klima) versorgen.

Was müssen wir tun? Wir müssen uns ändern! Unser Konsumverhalten radikal reduzieren. Ein ganz anderes Leben führen. Es ist nicht damit getan, unser Haus mit schicken Smart Home Produkten (deren Chips auch zum Rohstoffverbrauch beitragen) auszustatten, um den Energieverbrauch um 10% zu senken. Wir haben überhaupt nur noch nur eine Chance, wenn wir unseren Energieverbrauch radikal reduzieren, was für mich bedeutet, ihn mindestens zu halbieren. Und das geht nicht mit Smart Home, sondern nur mit Smart Brain. Es muss in unserem Kopf klick machen und wir müssen unser Verbrauchsverhalten extrem ändern:

  • Dinge sehr sehr sehr viel länger nutzen als bisher: nicht alle 3 Jahre ein neues Auto, sondern alle 15 ein gebrauchtes. Nicht alle 6 Monate ein neues Smartphone, sondern alle 6 Jahre. Tut schon weh, oder?
  • Viel viel viel weniger tierische Lebensmittel produzieren: der gewaltige Methan-Ausstoß unserer auf Massentierhaltung basierenden Nahrungsmittelproduktion, der damit verbundene enorme Landbedarf (auch für die Futterpflanzen der Tiere), die damit verbundene Überdüngung des Bodens müssen drastisch reduziert werden. Hier geht es für die meisten schon ans Eingemachte.
  • Extrem viel weniger Konsum: Shoppen als Hobby mit der Folge einer irrsinnigen Rohstoffverschwendung muss drastisch reduziert werden. Da hört dann der Spaß endgültig auf.
  • Verhalten auch da ändern, wo es nicht schon auf den ersten Blick zum Verbrauch von Ressourcen führt: hast du dir schon mal überlegt, wie viel Energie eine Suchmaschine schon bei einfachsten Abfrage verbraucht? Dafür darfst du lange auf dem Ergo-Bike strampeln!

Ich habe die Hoffnung, dass die intelligenteren Menschen in den Industrienationen begreifen, was getan werden muss und als Pioniere allen anderen Menschen zeigen, dass es auch ein erfülltes Leben nach einer Zeit des rauschhaften Konsums geben kann. Ganz vieles ist so leicht umzusetzen, auch wenn manche immer noch zu doof sind, die Stofftasche zum Einkaufen zu benutzen und mit dem täglichen Plastiktütenverbrauch eine wesentliche Mitschuld an den ozeanischen Müllstrudeln haben. Aber – wie schon gesagt – ein bisserl öko reicht nicht aus, um wirklich etwas zu tun: wir müssen uns radikal ändern! Und zwar so, dass jede Sekunde unseres Lebens anders aussehen wird als heute.

Ich weiß, dass es unrealistisch ist, auf eine schnelle Verhaltensänderung zu hoffen. Ich tue es trotzdem. Und ich erwarte, dass es Gegenwind geben wird, denn Voraussetzung für die überlebenswichtige planetarische Gesundkur ist eine schrumpfende Wirtschaft. Wie bei einem Junkie auf Entzug wird es gewaltige Schmerzen geben, ganze Wirtschaftszweige werden untergehen und wir werden uns als Notgemeinschaft überlegen müssen, wie wir die Menschen ohne Arbeit ernähren können. Ich bezweifle nicht, dass wir das alles könnten, denn wir haben uns dank unserer Kreativität ja auch in die heutige fatale Lage gebracht. Ich weiß nur, dass diese Bewegung nicht aus den Führungsetagen von Politik und Wirtschaft angetrieben werden wird. Von dort käme nur Hilfe, wenn das Problem nicht selbstgemacht, aber genauso unausweichlich und gefährlich für die Wirtschaft wäre. Stephen Emmott bringt als Beispiel die Bereitschaft aller Nationen, im Falle einer Kollision der Erde mit einem Kometen alle, aber auch wirklich alle Kräfte zu mobilisieren, um für unser Überleben zu kämpfen. Bei einer vergleichbaren, aber selbst erzeugten Katastrophe können wir nicht auf unsere Führungskräfte bauen, denn die haben sie ja mit verursacht. Wir müssen das selbst in die Hand nehmen. Du und ich!

Aber jetzt lies erst mal das Buch und sei gewiss, dass es ein viel befriedigenderes Leben sein wird, als Retter und nicht als Räuber auf unserem Heimatplaneten zu leben. Wir haben nur diesen einen.

Ach ja: ein kleiner Selbstcheck über deinen persönlichen Ressourcenverbrauch kann ergänzend zum Buch die Augen öffnen: http://www.footprint-deutschland.de/

Und jetzt geh‘ ich laufen. Ohne Schuhe. Ohne Laufschuhmüll zu erzeugen. Das reicht natürlich nicht aus und ist auch nichts für jeden. Aber es hat Symbolcharakter. Und es ist eine Grundhaltung. Jeden Tag, immer mehr.