Die digitale Falle

Sind die andern so bekloppt oder bin ich es?

Diese Frage habe ich mir in den letzten Jahren öfter gestellt. Eigentlich fast immer, wenn ich Leute sehe, die alle paar Sekunden auf ihr Smartphone schauen. Oder den Blick gar nicht mehr woanders hin richten. Ist das der viel gepriesene Mensch 2.0 mit dem verbundenen Kollektiv-Hirn oder sind das lauter Süchtige, die mir das Wissen voraus haben, was eigentlich an diesem seltsamen Ritual so genial ist, dass man dafür alles andere opfern würde?

Auf der Suche nach Erklärungen bin ich im Buchladen fündig geworden: der Psychologie-Professor Larry Rosen hat das Buch „Die digitale Falle“ verfasst, welche die tieferen Ursachen für Internet-, Technologie-, Spiel- und Chatsucht erörtert.

Um es kurz zu machen: wenn der gute Rosen Recht hat, steht uns beim ersten längeren Ausfall der Mobilfunknetze eine Massendepression bevor, gegen die sich jede Hungersnot wie eine nette Geburtstagsparty anfühlt. Große Teile der Bevölkerung sind inzwischen zu Medien-Junkies verkommen, die nur deshalb keinen Leidensdruck haben, weil sie ihre Drogen unausgesetzt konsumieren. Und weil niemand merkt, wie abhängig die meisten von uns inzwischen geworden sind.

Bloß: wie kommt man raus aus dem selbst gewählten Gefängnis?

Als Läufer – endlich kommt der Hauptgegenstand dieses Blogs auch mal zum Zug – kann ich die Empfehlungen von Larry Rosen zur Reduzierung der Folgen der Internet-Sucht natürlich nur unterstreichen: Bewegung in freier Natur bei gleichzeitiger Einschränkung des Medien-Konsums.

Meine Idee verschärft seine Vorschläge noch, aber ich wüsste gerne, wer sie überhaupt einhalten kann:
Man sollte täglich in seiner freien Zeit nur so lange Medien (und damit meine ich alles: TV, Radio, Internet, Facebook, Smartphone etc.) konsumieren, wie man als Läufer unterwegs ist. Meint: wer morgens 2 Stunden läuft, darf auch 2 Stunden Medien konsumieren. Oder umgekehrt: wer tagsüber 3 Stunden Medien konsumiert hat, muss abens zum Ausgleich 3 Stunden laufen.

Glaubt ihr, man kann das schaffen?

10 Gedanken zu: Die digitale Falle

  1. Lieber Wolfgang,
    da bleib ich lieber beim Laufen 😉
    Der normale Alltag, das Familienleben und die realen sozialen Kontakte sowie das Laufen gehen immer vor. Erst dann kommt die virtuelle Welt, so bleibt keine Zeit auf der Strecke. Aber leider sehe ich sie auch, die Smombies und Netzsüchtigen.

    Salut

    1. Lieber Christian,

      ich probiere das gerade aus. was ich da geschrieben habe. Addiert man tatsächlich mal die Zeiten, die man so mit Medien verbringt, kommt da schnell eine Zeit zusammen, die länger ist als die des morgendlichen Laufs. Ich bin so hart zu mir und zähle alles (Handy-Telefonate, auch Handy-Kamera-Benutzung, Internet, Zeit für diesen Blog hier und die anderen, aber auch Fernsehen und Kino, was ich ja auch ab und zu mal ganz gerne mache).
      Wenn das bei dir die kürzere Gesamtzeit ergibt als dein Laufen, kann ich dich nur beglückwünschen. Damit dürftest du auch unter den Läufern die absolute Ausnahme sein.
      Ich werde wieder berichten, wie es bei mir ausgegangen ist 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Hallo Wolfgang, wer (wie ich) beruflich den Tag über sehr viel am Rechner sitzt und eigentlich immer online ist, entwickelt eh eine gewisse Offline-Strategie um auch mal Luft zu bekommen. Wenn ich meine Onlinezeit weglaufen müsste … wow, das wäre klasse. Jeden Tag 8 Stunden oder mehr, ich würde schnell zum routinierten Ultraläufer werden 🙂
    Auch ein Grund übrigens weshalb ich meine Runden bewusst ohne Smartphone laufe. Ich will das Teil nicht immer bei mir haben.
    Die modernen Medien sind eine Art Opium fürs Volk, die Erkenntnis ist da, die Umsetzung drogenfrei zu sein, verdammt schwierig. Unsere AK ist noch ohne aufgewachsen und weiß wie entspannend offline ist, die jüngeren wissen das überhaupt nicht mehr. Zeitfresser eliminieren, Daten reduzieren, auf Privatsphäre achten, das gehört für mich alles zusammen. Hat letztlich auch was mit Achtsamkeit zu tun.
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      wenn ich nicht gerade – wie jetzt – Urlaub habe, bin ich als IT’ler zwangsläufig ebenfalls den ganzen Tag online. Was ich hier als Medien-Nutzung zähle, sind die Zeiten, in denen ich außerhalb des Jobs Medien konsumiere, sonst wäre ich auch ganz schnell bei Ultra-Umfängen. Und natürlich hast du Recht: lieber Achtsamkeit als mit Unterhaltung Zeit totschlagen.

      Für mich ist es sehr interessant, meinen eigenen Medienkonsum einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Und meine Uhr läuft, während ich das hier schreibe 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  3. Sehe das locker, dosiere, passe es meinem täglichen Rhythmus an, alles zu seiner Zeit, ohne möchte ich nicht mehr sein, auch beim Laufen für mich eine Portion Sicherheit, ich könnte, wenn ich wollte, im Falle eines Falles. Außerdem liebe ich es, auch mal stehen zu bleiben und mit Hilfe des handlichen Smartphones just im richtigen Moment die schönsten Impressionen mit nach Hause zu nehmen – ich denke, die Dosierung macht es – auch auf diesem Sektor !

    1. Liebe Margitta,

      du beschreibst genau, was den Leuten so am Smartphone gefällt: man kann im Notfall jemanden erreichen, man kann Bilder machen und noch so vieles mehr. Damit werden wir angefixt, und die meisten erliegen irgendwann den Apps, die ja alle so praktisch sind, und nutzen ständig das Zeugs.

      Wenn du es dosieren kannst, dann höchstwahrscheinlich deshalb, weil du in einer Zeit groß geworden bist, als es diese Technik noch nicht gab, und du dir sehr gut auch noch Zeiten ohne Smartphone und Internet vorstellen und problemlos ertragen kannst. Was ich um mich herum sehe, sind allerdings keine Margittas, die dosieren können, sondern Smombies, denen schon 5 Minuten Offline-Zeit den Angstschweiß aus den Poren treiben. Und vielleicht siehst du es ja auch so: es werden immer mehr, die immer häufiger diese technischen Drogen benutzen. Für diese wäre ein Selbstversuch mit einer ganzen Woche Online-Abstinenz sehr erkenntnisreich.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  4. Lieber Wolfgang, natürlich sehe ich es auch so, werden wir täglich mit diesen Bildern konfrontiert, überall – schlimm auch mit den Müttern hier, wir haben einige Mutter-Kind-Heime, da kann man nur sagen: “ Sprich mit deinem Kind, sonst bleibt es auf der Strecke, bis es selbst ein Smartphone bedienen kann !!“ 🙁

    1. Genau! Und auch wenn das Baby im Kinderwagen noch nicht vortragen kann, dass ihm eine Mutter lieber ist, die sich mit ihm beschäftigt: es lernt beim Ansehen der Mutter, dass das Allerwichtigste auf der Welt das kleine technische Scheißding ist, das sie alle 15 Sekunden aktiviert. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was mal aus solchen Kindern wird. Empathie jedenfalls lernt man nicht, wenn man immer nur der kleine Balg ist, der einen am Whatsappen stört. Ich bin – als Informatiker, der sein Geld mit IT verdient – gewiss kein Maschinenstürmer, der alles als Teufelswerk bezeichnet, was die Menschheit an Neuem produziert, mich erschreckt nur der Grad an Unbedachtheit, mit dem die Leute alles annehmen. Würden wir beim Essen genauso handeln, wären wir alle schon an einer Lebensmittelvergiftung gestorben. Man muss nicht erst die Hirnforschung bemühen, um festzustellen, dass unser Körper inkl. seiner Instinkte wesentlich intelligenter ist als der kleine Teil des Gehirns, in dem man unsere Ratio vermutet; wenn man dann noch feststellt, zu welch grausamen Taten unser hochgelobter Verstand in der Lage ist, möchte man ihm lieber einen Zuschauerplatz im Leben geben anstelle des Herrscherthrons, auf den wir ihn gesetzt haben, weil wir ihn maßlos überschätzen.

      „Keep on Running“, das führt zu deutlich mehr Weisheit als jeder Medienkonsum!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  5. Ohje….ja, die Gefahr der Abhängigkeit vom Bildschirm. Ich kann das in meinem Umfeld tatsächlich beobachten, dass einfach vieles durch die ganzen Programme ersetzt wird und man sich in manchen Dingen echt kaum noch selbst mühe macht^^…Finde ich echt schade! Aber ich hoffe das wenigstens in dem Bereich „Laufen“ über kurz oder lang alles beim alten bleibt. Das wäre sonst wirklich schade und würde so einiges an Atmosphäre nehmen^^….ich liebe es in der Natur rum zu laufen, …wir sind gerade noch im urlaub, in nem hotel schenna ….auch wenn es die berge hier ganz schön in sich haben, ich laufe auch hier total gerne. Das macht einfach Spaß und bietet mal ein bisschen Abwechslung ;)….LG und einen schönen Sonntag noch 😉 Anja

    1. Hi Anja,

      vielen Dank für deine Zustimmung!

      Und viel Spaß noch im Urlaub! Laufen in den Bergen ist ja was ganz besonderes, weil es nicht nur den Körper fordert (und damit fördert), sondern auch dauernd neue Ausblicke und Perspektiven bietet – anders als das Smartphone, auf das alle doch immer nur mit abgeknicktem Hals starren (echt halsstarrig).

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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