Die Ego-Pumpe

Laufen ist gut. Für fast alles. Für die Gesundheit. Fürs Durchhaltevermögen. Für die Konzentration. Und nicht zuletzt auch fürs Selbstbewusstsein.

Läufer wissen, was sie können. Sie kontrollieren ihre Leistung, messen den Puls und ihre Fitness. Sie messen den Speed, die Strecken, die Höhenmeter und irgendwann sich selbst mit anderen Menschen und sogar mit virtuellen Trainingspartnern.

So ein Läufer war ich auch. Ich hab‘ spät mit der Lauferei angefangen. Bei meinem ersten Wettkampf war ich schon in der M40. Und die 40 war auch mein erster Gegner. 40 Minuten unterbieten auf 10 km. Hat schon mehrere Anläufe gebraucht. Dann kam der Halbmarathon und dann der Marathon. Hier war das Ziel, unter drei Stunden zu bleiben. Wieder mehrere Anläufe, aber schließlich auch das geschafft. War dann schon in der M45. Und neben dem genialen Gefühl im Ziel war es die absolute Pumpe fürs Ego. Da alle wussten, dass ich Marathon laufe, musste ich nur warten, bis ich am Montag nach dem Marathon-Sonntag gefragt wurde: „Und: wie liefs?“. Schon lief sie wieder, die Ego-Pumpe. Die das Ich aufbläst und mir sagt, was für ein Kerl ich bin.

Später – und davon handeln meine Blogs – kam dann ein anderer Schwerpunkt beim Laufen: die Körperwahrnehmung und die Freude an der Bewegung. Je mehr ich lernte, umso mehr wusste ich oder meinte, mehr zu wissen. Und ich konnte mitreden, genau dort, wo andere ihre Probleme haben: bei Fuß-, Knie- und Rückenproblemen. Ich lief auf immer dünneren Sohlen und hatte immer weniger Probleme; andere machten denselben Stiefel jahrein, jahraus, und ich stand drüber. Hatte ja meinen Weg gefunden. Und wieder lief die Ego-Pumpe.

Dann der letzte, konsequente Schritt: ganz ohne Schuhe. Ein Freak, den man entweder bestaunt oder belächelt. Nix normales jedenfalls. Sogar wenn ich ganz und gar in mir drin – aufgelöst in der Natur – ohne Schuhe im Wald umherrenne: irgendwer bemerkt das staunend und schon macht sich die Ego-Pumpe startbereit. Es ist sehr verführerisch, auf die Frage „Warum machen Sie das?“ zu antworten: „Weil ich es kann“ (und dabei zu denken: „und du kannst es nicht!“). Aber es geht an der Sache vorbei. Es ist nicht der Grund für mein Barfuß-Laufen. Auch nicht, um darüber schreiben zu können. Der eigentliche Grund ist, eine Sache zu machen, bei der das Ego gerade eben nicht stört, weil das Erlebnis so intensiv ist, dass es möglichst wenig Platz lässt für Angeberei und Selbstüberhöhung, diese beiden klebrigen Begleiter, von denen man so leicht einen üblen Kater bekommt.

Meditationslehrer weisen unermüdlich darauf hin, dass man das Ego nicht durch Willenskraft abschalten kann, weil es aus Gedanken besteht, und diese kann man nun mal nicht durch Gedanken abschalten. Auch nicht durch andere Gedanken.

Ich meine aber, dass man durch solche Aktivitäten wie das Barfuß-Laufen einen Ego-losen Zustand erreichen kann. Und wenn das auf warmem, glattem Asphalt (der Pulverschnee des Barfuß-Läufers) nicht geht, dann halt auf steinigen, kalten, nassen Waldwegen.

Man muss nur der Versuchung widerstehen, auf Zurufe zu antworten.

2 Gedanken zu: Die Ego-Pumpe

  1. Lieber Wolfgang,

    entwaffnend ehrlich und offen wie immer. Ja, da wird sich fast jeder Läufer irgendwo in deinen Zeilen wiederfinden. Wir laufen natürlich auch für unser Ego, das lässt sich kaum bestreiten. Und als laufende Schreiberlinge schreiben wir wohl auch dafür…

    Mir gefällt, wie Du dich damit auseinandersetzt und ich teile deine Einschätzung, dass man dem Egotrip durch meditative Tätigkeiten wie z.B. barfuss Laufen zumindest zeitweise enteilen kann.

    Wir sind auf da auf dem selben Weg 🙂

    Beste Grüße
    Sebastian

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