Die letzte Grenze

Kennt ihr das? Es gibt Grenzen, die fühlt man immer deutlicher, je näher man ihnen kommt. Man kann sie auch verschieben, wenn man sich sehr anstrengt. In Laufwettkämpfen passiert so etwas so oft, dass man eine eigene Abkürzung dafür parat hat: PB – persönliche Bestzeit.

Und dann gibt es jene anderen Grenzen, die so fern sind, dass man sie nicht erreichen und schon gar nicht überschreiten wird. Diese nenne ich dann immer „Die letzte Grenze“.

Heute habe ich – mehr aus Versehen – eine solche überschritten.

Das Ganze hatte seinen Anstoß vor genau sieben Wochen, als ich mit Petra und Uwe aus meinem Laufverein auf den Altkönig gelaufen bin. Der Altkönig ist ein Berg mit Geschichte: hier lebten die Kelten nicht nur, sondern sie hinterließen auch Spuren, die wir heute noch hautnah spüren können. Mehr dazu weiter unten. Am 29. Mai trafen wir uns in Königstein, um von dort überwiegend bergauf zu laufen, bis wir den Altkönig-Gipfel erreicht hatten. Ich lief mit meinen Huaraches, und da wir viel auf Trails liefen, kam mir die Strecke sogar ansatzweise barfuß-geeignet vor. Bis auf die zwei Geröllstrecken unterhalb des Gipfels, die aus Steinen von der Größe eines Tischtennisballs bis hin zur Größe eines Hundes bestehen. Alles sehr harte, kantige, oft auch scharfkantige Gesellen, die nicht mit dem Untergrund verbunden sind, weil sie lose aufeinander liegen. Tritt man auch nur leicht falsch auf, bewegen sie sich und es kann passieren, dass man mit dem Fuß in andere Steine hineinrutscht. Weil die Geröllstrecken auch noch zum Teil stark geneigt sind, kann man sie nur ganz langsam passieren. Glücklicherweise bedecken sie die Wege nach oben nur über ca. 50 bis 100 Meter, aber das reicht ja, um sich den Fuß zu brechen. Der Rest der Strecke schien es wert zu sein, einmal barfuß erlaufen zu werden.

Das alles arbeitete in mir, bis ich am heutigen Tag (endlich) Gelegenheit hatte, den „Altkönig barfuß“ in die Tat umzusetzen.

Um 07:40 Uhr gings los, damit ich auf der durchgängig ansteigenden Strecke durch den Wald rechtzeitig um 08:10 Uhr in Königstein eintreffen konnte, um mich mit Petra und Peter zu treffen. Schon auf diesem Stück hätte mir auffallen müssen, dass die Waldwege erheblich unangenehmer zu laufen waren als beim letzten Mal, da sie inzwischen komplett ausgetrocknet sind und keine weichen Stellen mehr den Druck der Steine auf die Sohle dämpfen. So musste ich schon vor dem Treffen intensiv arbeiten, um alle Steine wegzufedern. Trotzdem war ich noch sehr motiviert für den zweiten, deutlich längeren Teil des Anstiegs zum Altkönig.

Auf Asphalt durch Königstein hoch bis zum Wald lief sich alles butterweich, aber schon die ersten Meter im Wald zeigten, dass auch hier nichts mehr so war wie vor 7 Wochen: Splitt und Schotter lagen lose auf den Wegen und wir mussten recht langsam laufen. Weil Uwe diesmal nicht dabei war, der die schönen Trails auf den Altkönig kannte, suchten wir uns nun Strecken bergauf durch den Wald. Es ging buchstäblich über Stock und Stein, über abgebrochene vertrocknete Äste und hartschalige Fruchtkapseln, und all dies war kaum besser als die Schotterwege, die wir gerade verlassen hatten.

Zwischenzeitlich gab es auch mal ein Stück von ein paar hundert Metern, wo es unglaublich schön zu laufen war. Mehr von genau solchen Abschnitten hatte ich vom 29. Mai noch in Erinnerung, aber heute waren die angenehmen Trails die absolute Ausnahme.

Der Killer kam dann beim Überqueren der Geröllfelder (wie eingangs angedeutet: die Kelten hatten ihre Finger im Spiel: sie haben dieses Geröll um 400 v.Chr. als Ringwall angelegt): mir wurde klar, welche fatalen Folgen ein einziger Fehltritt haben würde. Also blieb mir (neben der Umkehr, an die ich nicht ernsthaft dachte) nur, vorsichtig unter Einsatz der Arme zur Unterstützung der Balance, Tritt auf Tritt auf solche Steine zu setzen, die stabil lagen. Der einzige Gedanke, zu dem ich noch in der Lage war, galt den Gämsen, die im Hochgebirge mit ziemlichem Speed über steile Geröllfelder springen. Wie gerne hätte ich heute nur einen Bruchteil ihrer Trittsicherheit gehabt. Bis auf einmal, als ich mit dem Kleinzehen-Grundgelenk voll gegen einen mittelgroßen Stein getreten habe, ist glücklicherweise nichts passiert.

Irgendwann lag auch der zweite Ringwall hinter uns und wir kamen auf dem Gipfelplateau an. Hier war der Boden weich bei nur wenigen Steinen; allerdings habe ich auch die eine oder andere Glasscherbe gesehen. Das Gipfelglück wurde allerdings von dem blöden Gedanken „Da musst du ja jetzt auch wieder runter!“ getrübt. Nach einigen Gipfelfotos begannen wir den Abstieg und Petra und Peter durften öfters mal auf mich warten. Die beiden Ringwälle waren bergab noch brutaler: wer hier stürzt, bricht sich neben dem Fuß auch noch den Arm und die Hand. Nachdem wir sie ohne Sturz überquert hatten, hieß es nur, einen möglich direkten Weg runter nach Königstein zu finden. Statt der langen Schotterpisten nahmen wir wieder die Direttissima, auch wenn dort gar kein Weg war; es reichte aus, dass deutlich weiter unten wieder ein Weg zu sehen war, und wir durchquerten bergab den Wald. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass das mit blanken Füßen möglich ist, hätte ich ihn für absolut verrückt erklärt. Heute war ich selbst der Verrückte, und – es ging irgendwie…

Eine kurze Erholung gabs bei einem kleinen Holzturm namens Lips-Tempel. Von hier hat man einen schönen Ausblick auf Königstein und Falkenstein.

Nach insgesamt 2:20 Stunden Laufen auf brachialem Grund liefen wir dann wieder auf dem Asphalt der Königsteiner Straßen, und nach ca. 5 Minuten hatten sich meine Sohlen gefühlsmäßig wieder soweit erholt, dass ich den glatten Untergrund nicht nur richtig genießen konnte, sondern auch eine unbändige Laust auf schnelles Laufen bekam. Wir trennten uns an der Stelle, an der wir uns zuvor getroffen hatten, und ich rannte und rannte und rannte…  nach Hause. Nicht mehr durch den Wald, sondern eine lange Strasse nach Bad Soden / Neuenhain entlang, immer bergab, und hatte einen Spaß wie damals bei Lauf, Forrest, lauf!.

Nach 2:50 Stunden kam ich wieder zu Hause an. Ergebnis dieses Lauftages: leicht zerkratzte Fußoberseiten vom Laufen quer durch den Wald, Kleinzehen-Grundgelenk leicht blau, weil am ersten Ringwall gegen einen Stein getreten, brennende Sohlen vom Schotter im Wald, aber nichts, was mich zwei Stunden später noch an die Strapazen dieser letzte Grenze erinnert hätte. Ich hätte diesen Lauf aber zu keinem früheren Zeitpunkt machen können, weil ich die Gefahren für den ungeschützten Fuß erst jetzt, im fünften Jahr ohne Schuhe, einigermaßen richtig einschätzen kann und die Mittel habe, mit ihnen richtig umzugehen: Auge-Fuß-Koordination, Kraft in den Füßen, feste Sohle und stabile Gewölbe, die einen passiven Schutz vor Verletzungen bieten.

Trotzdem: hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich diesen Lauf an und hinter diese letzte Grenze nicht gemacht. Auf der anderen Seite: ich habe meine Fähigkeiten offensichtlich ein wenig unterschätzt und darf mich jetzt tierisch darüber freuen, dass es wohl doch ziemliche Reserven gibt, die im Notfall aktiviert werden Können.

Habt ihr auch mal eine letzte Grenze überschritten? Gibt’s Berichte davon?

Hier gibts die Bilder zu meinem Bericht:

Das angenehmste Teilstück (1)
Das angenehmste Teilstück (1)
Das angenehmste Teilstück (2)
Das angenehmste Teilstück (2)
Das angenehmste Teilstück (3)
Das angenehmste Teilstück (3)
Das angenehmste Teilstück (4)
Das angenehmste Teilstück (4)
Über Stock und Stein (1)
Über Stock und Stein (1)
Über Stock und Stein (2)
Über Stock und Stein (2)
Anfang des ersten Geröllfelds
Anfang des ersten Geröllfelds
Altkönig - der Gipfel, mit Blick auf den Großen Feldberg
Altkönig – der Gipfel, mit Blick auf den Großen Feldberg
Ausblick vom Lips-Tempel
Ausblick vom Lips-Tempel
Nix wie heim!
Nix wie heim!
Geschafft!
Geschafft!

7 Gedanken zu: Die letzte Grenze

  1. Lieber Wolfgang,
    da hast Du wirklich eine Grenze überschritten. Ich laufe ja sehr gerne barfuß, auch im Wald, aber der Untergrund auf den Bildern „Über Stock und Stein“ würde mich ganz schön abschrecken, denn meist macht es keinen richtigen Spass mehr, wenn nur noch Vorsicht und Schmerzvermeidung angesagt sind.
    Der nächste Schritt ist dann wohl ein Stein-Kar oder eine Endmoräne in den Alpen 😉

    Ich habe so einige Grenzen, die ich noch überschreiten will und einige, die ich schon überschritten habe. Die wichtigste war sicher die, 2003 mit dem Laufen zu beginnen 😎

    Salut

    1. Lieber Christian,

      meine wichtigste Grenze war wie deine: das Nichtlaufen zu überwinden. Mit etwas Pech hätte ich vielleicht gar keine Grenzen mehr überwinden können (oder nur noch die wirklich letzte), wenn ich nicht 2001 angefangen hätte, mich wieder wie einen biologischen Organismus zu verhalten und nicht wie einen Borg, der ohne unterstützende Technik nicht leben kann. O-Ton Arzt: „Wenn Sie so weitermachen, trägt man Sie in 10 Jahren mit den Füßen zuerst aus dem Büro!“. Ich bin froh, dass ich anschließend ein paar wichtige Einstellungen und Verhaltensweisen geändert habe, so dass ich solche Warnungen heute nicht mehr auf mich beziehen muss.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang, da tun mir selbst beim Lesen die eigenen Füße weh, gut, dass die deinigen schon einiges gewohnt waren, sonst wärst du wohl kaum noch nach Hause gekommen.

    Dass Schmerzen manchmal mit dem Laufen in Verbindung gebracht werden können, habe ich oft genug am eigenen Leib erfahren dürfen, aber ist es nicht genau das, was uns immer wieder dazu treibt, sie zu überwinden ?

    Grenzen habe ich oft genug überschritten, ich habe es nicht ein einziges Mal bereut !

    Schön, dich auch mal in natura zu sehen, hatte mir dich ganz anders vorgestellt !

    1. Liebe Margitta,

      du hast ja das Grenzüberschreitende schon im Namen deines Blogs: ultra heißt ja allgemein jenseits und im Laufkontext jenseits der Marathondistanz. Von daher bist du sowieso schon in Richtung Grenze (und darüber hinaus) unterwegs.

      Was mich interessieren würde: hast du dich langsam an die Ultradistanzen „rangepirscht“ oder einmal ganz brachial die Distanz erhöht (z.B.: von 42 auf 80 km)? Will sagen: hast du deine Grenze schrittweise verschoben oder hast du sie auch einmal förmlich gesprengt?

      Liebe Grüße
      Wolfgang

      1. Lieber Wolfgang,

        ich bin ein Mensch, der auf Nummer sicher geht, der sich schon immer unterschätzt hat, umso überraschter über wesentlich besser Leistungen war, als ich von mir selbst erwartet hatte.

        Gemach, gemach, so ließ ich mir ausreichend Zeit, um mich dann nach 9 Jahren Laufens mit solidem Fundament und einigen erfolgreichen Marathons an das Abenteuer 100 Kilometer zu wagen, und es klappte auf Anhieb – gut Ding braucht eben Zeit !

        Nachdem ich viele, 100 Kilometer-Läufe ebenfalls erfolgreich hinter mich gebracht hatte, setzte ich noch einen drauf: 24-Stundenläufe, allerdings ebenfalls viele Jahre später. Dazwischen auch kürzere 60 – Kilometer, 6 Stundenläufe, am besten allerdings fühle ich mich auf den ganz langen Kanten, auch wenn es oft weh tut, das gute Gefühl danach aber wird einem nicht geschenkt !

        Sagte ich schon – ich liebe es, auch wenn man mit zunehmenden Alter langsamer und damit weniger Kilometer erlaufen kann, ich bereue nichts, nichts – Schule des Lebens – YES !

        Sehr sonnige Ostseegrüße 😎

  3. Lieber Wolfgang,

    Das Lesen hat Spaß gemacht 🙂 …ich liebe es, die Grenzüberschreitungen anderer lesend zu begleiten.

    Damit ich mich selbst nicht zu weit von denen entferne, die ich lesend begleite, versuche ich mich natürlich auch hin und wieder an den eigenen Grenzen, wenngleich das in den letzten Jahren aus bekannten Gründen kein Selbstläufer mehr war.

    An Herausforderungen dafür fehlt es mir jedenfalls nicht, meine Wunschliste ist lang, aber auch sehr sehr flexibel. Denn wie las ich zuletzt sinngemäß von einem erfahrenen Ultraläufer: „zu den wichtigsten Lehren des Ultralaufens gehört, dass man anpassungsfähig bleibt und bereit, seine Ziele anzupassen, wenn es notwendig wird.“

    Ob ich jemals eine echte Grenze überschritten habe, das kann ich nicht sagen. Da ich mich schon sehr gerne im Komfortbereich bewege. Folglich wohl eher nicht, oder zumindest lange nicht mehr.

    Ich erinnere mich an eine Durchschlageübung zu meiner Bundeswehrzeit mit einem sehr langen Teilstück, bei dem man knietief im Morast versank (In einem Bachbett). Ich hatte hohes Fieber und es wahrscheinlich nur ertragen, weil mir das Wasser bis zur Brust stand. Ich war nie mehr danach ähnlich erschöpft. Diese Grenzüberschreitung war wohl nicht nur grenzwertig, sondern dumm.

    Deine oben beschriebene finde ich alles andere als das, sondern vor deinem Hintergrund einfach nur schlüssig.

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      dich mit hohem Fieber durch knietiefen Morast zu hetzen und dabei zu riskieren, dass du dir einen ernsthaften Schaden zuziehst, wäre einem Tier nur bei akuter Lebensgefahr eingefallen. Wir Menschen kommen aber auf die blödesten Ideen…

      Auf der anderen Seite sind es gerade einige der von mir hoch geschätzten Indianderstämme Nordamerikas, die als Initiationsritus ihren jungen Stammesmitgliedern in bewusst herbeigeführten Extremsituationen Nahtoderfahrungen verschaffen, nach denen sie dann keine Todesangst mehr haben und – von der allerletzten Grenze befreit – mit freierem Bewusstsein weiterleben. Das Ganze ist allerdings kulturell und spirituell tief in deren Lebensweise verwurzelt und hat einen Wert an sich – für diese Menschen.

      Nun ja: von einer Nahtoderfahrung war ich bei meinem Barfuß-Abenteuer doch ziemlich weit entfernt, und beabsichtigt war die Sache schon gar nicht, denn beim ersten Erkunden mit Huaraches unter den Füßen stellte sich der Lauf doch eher unproblematisch dar. Immerhin bin ich heute froh, dass sich alles so abgespielt hat und ich tatsächlich jetzt wieder ein bisschen mehr über mich weiß.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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