Die perfekte Spur

Kaum fallen die Temperaturen unter den Nullpunkt, wird aus Regen Schnee. Und so wie der frühe Vogel den Wurm fängt, so zieht der frühe Läufer die erste Spur durch den frischen Schnee. Wie ich gestern. Sicher hätte ich ohne Schuhe einen anderen Abdruck erzeugt, aber auch mit meinen Sole Runners sahen die Schritte im Schnee eher nach Füßen aus als nach Schuhen. Man konnte die Zehen erkennen und das Gewölbe war ausgespart. Jetzt wurde ich neugierig: was kann man an einer Spur im Schnee alles erkennen?

Beim näheren Hinsehen – und vor allem beim späteren Vergleich mit anderen Spuren – fielen mir immer mehr aussagekräftige Aspekte auf:

  • Fußform, Abdruckgröße und Profil: mit welchen Schuhen ist der Läufer unterwegs und wie groß ist er? Annahme: größere Läufer tragen größere Schuhe.
  • Wisch-Spuren vorne oder hinten am Abdruck: wie stark drückt sich der Läufer ab? Ist es ein Fersenläufer? Bei Eis unter dem Schnee: ist er gerutscht?
  • Abstand der Abdrücke in Laufrichtung: wie schnell war er unterwegs? Annahme: höheres Lauftempo erzeugt größere Abstände. Besonders interessant: wie variiert der Abstand bei Steigung oder Gefälle?
  • Abstand der Abdrücke von einer gedachten Mittelachse: wie schmal werden die Füße aufgesetzt? Hat was mit Laufeffizienz zu tun *).
  • Ausrichtung der Füße: nach außen gerichtet (Enten- oder Watschelgang), gerade in Laufrichtung oder einwärts gedreht (Bärengang)?
  • Symmetrie: gleiche Abdruckform, -stärke und Ausrichtung bei beiden Füßen?
  • Tiefe des Eindrucks (besser erkennbar bei festerem Schnee) : Ballen tiefer als Ferse? Gibt Aufschluss, wo die Hauptlast liegt. Vor-, Mittel- oder Rückfuß-/Fersen-Läufer.

*) Ich lese gerade ein Buch des „Barfuß-Professors“ Daniel E. Lieberman. Born to Run – Leser kennen ihn. Der Mann ist Evolutionsbiologe und beschreibt in seinem Buch „Unser Körper – Geschichte Gegenwart Zukunft“ unter anderem die Umgestaltung von Becken und Hüftgelenk im Zuge der Menschwerdung des Affen. Sehr aufschlussreich für alle, die an effizientem Laufen interessiert sind. Hab’s aber noch nicht fertig und werde später mal was drüber schreiben.

Einige der Aspekte lassen Rückschlüsse auf die Qualität der Lauftechnik zu, andere nur auf die Art der Ausrüstung oder die Geschwindigkeit. Alle zusammen aber ergeben ein rundes Bild über die individuellen Laufgewohnheiten.

Wer keine Möglichkeit hat, Lauftechnik-Analysen per (Zeitlupe-)Video zu machen, bekommt mit der Spur im Schnee einen kostenlosen Analyse-Werkzeugkasten. Und wer öfters oder dauerhaft unter einseitigen Überlastungsbeschwerden leidet, kann vielleicht schon an den Asymmetrien in seiner Spur im Schnee erkennen, dass es objektive Unterschiede in der Bewegung und Belastung gibt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Ursache seiner Beschwerden sind. Was die Ursache dieser Unterschiede ist, zeigt die Schneespur nur selten direkt; indem man aber versucht, eine symmetrische Spur zu laufen, wird man sicher feststellen, was man an seinen Bewegungen ändern (symmetrisch machen) muss, und erhält einen Einblick, welche Bewegung man bisher im Sinne einer Schonhaltung vermieden hat. Ich bin mir sicher, dass man dadurch die wirkliche Ursache seiner Beschwerden ziemlich schnell erkennen kann.

Die perfekte Spur (falls keine asymmetrischen Behinderungen – verkürztes Bein etc. – der wahre Grund für eine asymmetrische Spur sind) ist gleichmäßig in der Form des Abdrucks, hat gleiche Abdruck-Abstände sowohl in Längsrichtung als auch von der gedachten Mittelachse und einen nach vorne gerichteten Fuß.

Das beste am Schluss: da man sich bei zunehmender Geschwindigkeit immer weniger Asymmetrie leisten kann, weil diese den flotten Rhythmus stört, kann man erst mal anfangen, beim schnelleren Laufen (so schnell es auf Schnee eben geht) eine gleichmäßige Spur zu ziehen und dann – immer langsamer werdend – das symmetrische Gefühl des schnelleren Laufens auch auf die geringeren Geschwindigkeiten übertragen.