Die Schlammspringer

Nächtliches Bloggertreffen

Die Idee war schon ein paar Wochen alt, als wir uns am Mittwoch, 24.02.2016 gegen 18:00 Uhr trafen. Wir, das sind Sebastian von muehelos-laufen.de und ich – Wolfgang – von haasky.de. Zwei Blogger (meint: Menschen, die pausenlos im Web ihren Senf zu irgendwas geben, die man aber normalerweise nicht zu Gesicht bekommt). Zwei virtuelle Gestalten also, die sich vorgenommen hatten, die Sphären der virtuellen Welt zeitweise zu verlassen und in der realen Welt zusammen zu laufen.

Als Laufrevier nutzen wir ein großes Wald-Areal in der Nähe von Sebastians Heimatort. Er kennt seinen Wald und wir durften eine schöne Strecke erwarten. Sebastian hatte mir per Mail was von Stirnlampe erzählt. Ich besitze zwar eine, aber ich benutze sie nur sehr selten und vor allem ungern. So dachte ich mir, die Waldwege bei Sebastian wären wie die bei mir im Taunus: befestigt, meistens steinig und 1,5 – 3m breit. Da braucht man nachts – außer bei Neumond – kein künstliches Licht.

Ziemlich bald, nachdem wir gemütlich losgelaufen waren, merkte ich, wie dümmlich diese Annahme war, denn schon nach wenigen Minuten trabten wir über schmale Pfade und knorrige Wurzeln, über glitschige Stellen und zwischen eng stehenden Bäumen hindurch. Mein erster Gedanke: wenn das mal gutgeht! Als Laufschuhe hatte ich zum Treffpunkt meine Huaraches-Sandalen und ein paar SoleRunners (die ich sonst immer bei Kundenkontakt im Büro trage, damit es kein Entsetzen über die Nacktheit meiner Füße gibt) mitgebracht. Die Wahl fiel auf die SoleRunners, weil nicht auszuschließen war, auch mal mit der Fuß-Außen- oder -Oberseite an Wurzeln vorbeizuschrammen.

Anders laufen auf Trails

Für das Thema „Mit den Zehen sehen“ hätte es kaum ein besseres Training geben können, denn Sebastian lief als Pfadfinder mit der Lampe vorneweg und ich versuchte, mit gaaanz weichem Fuß – ohne die Bodenstruktur optisch erkennen zu können – dranzubleiben. Meistens gelang das ganz gut, denn wir liefen über die gesamte Strecke etwa einen 7er Schnitt, also keinerlei hektische Hetze. Nach geschätzt 20 Minuten hatte ich auf dem extrem abwechslungsreichen Boden eine gewisse Sicherheit bekommen und konnte lockerer laufen. Einen guten Teil der Strecke liefen wir auch durch ein Tiergehege, in dem die Wege breiter und relativ eben waren, also etwa wie bei mir zu Hause im Taunus. Gleich danach gings aber wieder rutschig und über Wurzeln weiter, und ich bedauerte mehr als einmal, keine Lampe mitgenommen zu haben. An den am meisten verwurzelten Stellen lief Sebastian schräg hinter mir, so dass wir beide den Schein seiner Stirnlampe nutzen konnten. Das Laufen machte richtig viel Spaß, aber mit Abstand am lustigsten fand ich die vielen kleinen und größeren Sprünge, mit denen wir versuchten, nicht im tiefsten Matsch zu landen.

Langsam laufen, viel erzählen

In den ca. 100 Minuten, während der wir etwa 14km zurücklegten, haben wir kaum ein Thema ausgelassen. Es ging wunderbar quer durch alle Laufthemen. Von der Lauftechnik über die Effizienz von Bewegungen, vom Fußaufsatz zur Beckenrotation (alles lustigerweise nahezu im Dunkeln, so dass keiner genau sehen konnte, wie der andere läuft), von der Belastung für Gelenke bis zum Herz-Kreislauf-System. Schließlich auch übers Bloggen und über andere Blogs, die wir gut (oder auch weniger gut) finden. Über Ehrlichkeit und Eitelkeit im Web, über Achtsamkeit und locker bleiben können. Irgendwie ging bei den vielen Themen komplett mein Zeitgefühl über Bord, und so wunderte es mich, wie viel Zeit doch vergangen war, als wir dann wieder beim Auto ankamen.

Schließlich beschlossen wir, das ganze zu wiederholen. Jeder von uns kommt beruflich ab und zu mal in die Gegend des anderen, auch wenn wir weit über 300 km voneinander entfernt wohnen. Aber wie im Web, so gibt es auch im realen Leben inzwischen kaum noch technische Hindernisse oder weite Entfernungen.

Die andere Sicht

Mir hat unser nächtliches (eher vom Licht her, nicht von der Tageszeit) Bloggertreffen viel Spaß gemacht. Ob das auch für Sebastian gilt, lest ihr am besten bei ihm selbst nach: Die Dschungelpatrouille.


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Urheber des von mir modifizierten Beitragsbilds ist: Bjørn Christian Tørrissen
Die Orginaldatei liegt hier.
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5 Gedanken zu: Die Schlammspringer

  1. Hallo Wolfgang, erst einmal herzlich willkommen im Süden!

    Ich hab gerade Sebastians Post gelesen und dazu Deinen parallel 🙂 Es hat mir wirklich Spaß gemacht so eine Parallelansicht einer Aktion zu lesen. Zwei Autoren erzählen das selbe und doch so verschiedene Details.

    Danke schön für Eure Beiträge!

    Viele Grüße,
    Hans

    1. Hallo Hans,

      schön, dass dir unser kleines Lauf-Abenteuer gefallen hat. Bei aller Verschiedenheit der Details, die es in unseren beiden Beiträgen zu lesen gibt, muss man aber auch bedenken, dass unser Live-Erleben weitaus weniger unterschiedlich war, als was wir beide im Nachhinein als berichtenswert empfanden. Gerade dieser Aspekt wird von so vielem beeinflusst, was in der eigenen Biografie, in unseren Vorlieben und in den Gewohnheiten der Außendarstellung liegt, dass es eher seltsam gewesen wäre, zwei annähernd gleiche Berichte zu bekommen.

      Falls du Spaß daran hast, die Vielfalt unterschiedlicher Reflexionen der selben Realität einmal in Form der geballten Ladung eines ganzen Buchs zu konsumieren, kann ich dir von ganzem Herzen „Die Blendung“ von Elias Canetti empfehlen. Falls du es nicht ohnehin schon kennst.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

    1. …und dabei haben wir doch einfach nur den Luxus des Reisen-Dürfens mit der Fähigkeit des Laufen-Könnens und der Leidenschaft des Schreiben-Wollens kombiniert. Die Idee stand plötzlich im Raum und die Durchführung war auch nicht schwierig oder mühsam. Ich kann nur allen, die das gelesen haben, solche oder ähnliche Erlebnisse mit genau so viel Spaß wünschen!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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