Dreckig

Als ich auf meiner heutigen 18 km Runde an einem Haus vorbeikam, vor dem sich gerade die Schulkinder von der Mutter verabschiedeten, rief eines der Kinder: „Igitt, guck ma, wie dreckig, der läuft barfuß!„.

Das ist einer der Trigger, mit dem man mein Kopf-Kino einschalten kann. Ich erzähl euch deshalb auch schnell mal den Film, der dann ablief…

Wenn schon die Kinder den Boden dreckig finden, dann wohl deshalb, weil man ihnen eine feste Vorstellung von Sauberkeit und Hygiene in den Kopf gesetzt hat. „Igitt“ ist ein Ausruf der Abscheu und des Ekels, und wer schon mit solch negativen Gefühlen etwas ganz normales (alle anderen Tiere laufen ja auch ohne Schuhe) kommentieren muss, der trennt im Kopf sehr genau zwischen gut und böse, zwischen Akzeptieren und Vermeiden, zwischen Mensch und Tier. Für so jemanden besteht das Leben aus Aufpassen und ruhelosem Auf-der-Hut-Sein vor den massiven Bedrohungen der feindlichen Welt.

Und wer schon die Welt als einen feindlichen, dreckigen und gefährlichen Ort sieht, wird sich in ihr nie wohlfühlen und sie niemals so lieben können, dass er sie schützen möchte.

Willkommen im Club der Nerds, für die es nichts Schöneres gibt als die Virtuelle Realität, in der es keinen realen Dreck gibt. Ein Glücksfall für die Hygiene-Industrie, denn sie kann diesen Immunsystem-Misstrauern pausenlos desinfizierende Sprays und Tücher andrehen, mit denen sie sich dann panisch vor dem Zugriff des Real Life in Sicherheit bringen. Schon in wenigen Jahren entscheiden sie sich für ein Leben in der Tonne, verkabelt mit einem irrwitzige Mengen Strom fressenden AI-Superhirn, und folgen dem alten, längst nicht mehr wahren Spruch ihres Providers:

Don’t be evil!

Kein Zweifel, dieser Film war eine Dystopie, also das genaue Gegenteil einer (positiven) Utopie, und geht schon ein wenig in Richtung der dystopischen Klassiker a la Matrix. Ich war deshalb auch froh, dass er nach einigen hundert Metern zu Ende war und ich die restlichen 12 meiner 18 km noch voll genießen konnte. Genießen, weil ich – voll geerdet ohne Trennung zwischen mir und der Welt – mit jeder Menge Dreck unter den Sohlen so fröhlich und leicht vorwärtskam, dass mir nicht im Traum eingefallen wäre, dieser Dreck könnte mir irgendwas anhaben. Ganz im Gegenteil: die letzten Meter lief ich über eine Rasenfläche und konnte mich anschließend über sehr saubere Füße freuen. Das noch leicht feuchte Gras hat eine Reinigunsgwirkung, die jedes Desinfektionstuch in den Schatten stellt.

Oder haben mir nur die hochgefährlichen Grasmilben, Ameisen und Asseln so hinterhältig meine Sohle saubergeleckt, um mich mit wer weiß welchen lebensbedrohlichen Krankheiten zu infizieren? Vielleicht. Aber solange ich das nicht merke, ist es mir egal.

8 Gedanken zu: Dreckig

  1. Lieber Wolfgang,
    ob es nun anerzogen wird oder irgendwann eine positive oder auch negative Erfahrung sein wird, die zu der Annahme führt, dass barfuß-laufen dreckig ist, sollte uns eigentlich nicht stören. Dein dystopisches Kopfkino entbehrt natürlich nicht einer gewissen Wahrheit, allerdings bin ich der Meinung, dass Menschen ihre Meinungen im Verlauf des Erwachsenwerdens und Reifens 😉 doch sehr rasch durch Erfahrungen ändern können.
    Vor 6 Jahren hatte ich mir auch nicht vorstellen können, barfuß auf Waldwegen oder auch geteerten Radwegen unterwegs zu sein und doch mach ich es jetzt…also weiter an die positive Veränderung in den Hirnen der Mitmenschen und v.a. Kindern glauben 😀

    Salut

    1. Lieber Christian,

      ich teile deine Ansichten über die Änderungsfähigkeit von Menschen voll und ganz. Allein die Richtung, in der sich viele Menschen derzeit ändern, passt mir nicht. Ob es eine durch die vielen Echoräume der sozialen Netzwerke verstärkte Fremdenfeindlichkeit (bei gleichzeitigem Behaupten einer eigenen abendländisch-christlichen Einstellung) ist oder die Mutation einst freierer Menschen zu Smombies, denen schon 15 Minuten Display-Entzug unangenehme Gefühle beschert, ob es der immer weiter unsere natürlichen Ressourcen vernichtende Hyperkonsum ist oder die Raserei und bei-rot-über-die-Ampel-Fahrerei im Strassenverkehr: es drängt mich einfach, etwas zu sagen, bevor auch der Letzte die Einsicht in eine überlebensnotwenige Kurskorrektur bemerkt hat.

      Besser, die Einsicht entsteht im Diskurs als im Bürgerkrieg – und wenn es nur so kleine Bürgerkriege sind wie die Ereignisse in den USA vor dem Hintergrund rassistischer Tendenzen bei der Polizei und frei verfügbarer Waffen. Ich habe keinen Zweifel, dass die Erde langfristig überleben wird. Das hat sie schon bei ganz anderen Katastrophen bewiesen. Ich möchte nur ein klitzekleinwenig dazu beitragen, dass eine Rückkehr zu unseren Stärken als Menschen (Kooperation, Liebe, Miteinander, Voraussicht) durch Überzeugung erfolgt und nicht durch schmerzhafte Einsichten wie nach 1945. Ob ich das überhaupt mit einem Barfuß-Blog erreiche, ist fraglich. Aber ich beschreibe gerne, wie sich mein Blickwinkel auf die Welt durchs barfüßige Laufen verändert. Vielleicht färbt ja ein wenig davon ab.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang, die Erfahrungen eines Barfußläufers unterwegs unterscheiden sich ein wenig von denen, die sich mit Schuhen bewegen, obwohl auch wir häufig genug unangemessenen Kommentaren Unwissender ausgesetzt sind.

    Kindern ist kein Vorwurf zu machen, sie werden von klein auf zur Sauberkeit erzogen, werden sie schon als Kleinkinder ermahnt, sich nicht schmutzig zu machen, erlebte und erlebe ich nicht selten. Meine Einstellung war und ist eine andere, entsprechend wurde mein Nachwuchs in die Welt geschickt.

    Bin genau wie Christian der Meinung, dass man oft im Laufe seines Lebens zum Glück seine Meinung ändert, was immer es auch sei, und das ist gut so !

    1. Liebe Margitta,

      als Laaaaaaannngläuferin, die lieber länger als kürzer draußen ist, liebst du deine Strecken und das Leben im Freien, wie ich immer wieder gerne bei dir lese. Deshalb hätte ich auch eine größere Summe darauf gewettet, dass du deine Kids in die selbe, natürliche, robuste Richung erzogen hast. Leider machen das heute viele Eltern nicht mehr so, aus 1000 Gründen, die bei näherem Hinsehen meistens auf mangelnde Lockerheit, fehlendes Vertrauen oder eigene Angst von der Welt da draußen zurückzuführen sind.

      Vielleicht habe ich ja gestern auch einfach nur den Fehler gemacht, weiterzulaufen, statt stehenzubleiben und den Kids ganz freundlich zu erklären, dass das alles nicht schlimm ist.

      Das nächste Mal mach ich es so, versprochen!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  3. Lieber Wolfgang, auch wenn ich selbst oft genug dummes Zeug aus dem Off höre wenn ich barfuss unterwegs bin, es gibt durchaus auch überraschend positive Kommentare. Zum Beispiel grade heute: „Papa, hat der Mann keine Schuhe?“ „Doch bestimmt, aber der läuft extra barfuss, das ist gesund für die Füsse“. Oder ein Pärchen vor ein paar Wochen, wo er sich über meine Barfüsse lustig machte und sie nur trocken bemerkte: „solltest du vielleicht auch mal machen, deine Füsse sehen fürchterlich aus“.
    Aber im großen und ganzen ist es tatsächlich leider so, daß immer mehr Menschen den Kontakt zu völlig natürlichen Dingen verlieren (Milch kommt aus der Tüte, nicht von der Kuh; Natur ist dreckig und unhygienisch; usw.).
    Das ist irgendwie eine Art schleichendes Cocooning der Wohlstandsgesellschaft, die ich für sehr bedenklich halte.

    1. Lieber Oliver,

      mir sind bei deinen guten Beispielen tatsächlich auch wieder ein paar nette Kommentare eingefallen, die ich in den letzten Tagen gehört habe. Der schönste hat mich schon von hinten erreicht: „Bravo, bravo!“ Ich dachte erst gar nicht, dass die Rufe mir gelten würden, aber als der Radfahrer mich überholte, zeigte er auf meine Füße, rief: „Bravo, viva Afrika!“ und hielt dann den Daumen nach oben. Das ganze ereignete sich an einem asphaltierten Uferweg entlang des kleinen Flüsschens Nidda, wo ich gerne mal flache lange Strecken jenseits der 25km laufe, und hatte bis auf die blanken Füße so gar nichts afrikanisches 🙂

      Danke für den Anstoß, mich wieder daran zu erinnern!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  4. Lieber Wolfgang,

    ich fühle mich in Teilen sogar ertappt 😉 Nicht was das Barfusslaufen in der Natur angeht natürlich. Mit der Natur verbinde ich nämlich irgendwie eine natürliche Hygiene. Ich habe draußen noch nie Angst gehabt, mir irgendetwas einzufangen – ausgenommen via Umweg, nämlich über Zecken 😉

    Wo ich den Zwang nach Händewaschen jedoch wenig unterdrücken kann, das ist in Städten, U-Bahnen, Flufhäfen, Kindergarten… da hab ich leider echt einen blinden Fleck.

    Aber ich habe mit der medialen Berichterstattung wenigstens einen Schuldigen dafür ausgemacht 😉 Deren effekthaschende Angstverbreitung geht mir zunehmend auf den Zeiger. Kürzlich las ich so treffend auf die Frage „warum wohl auch gut ausgebildete Amerikaner Donald Trump bewundern“, dass man sich darüber nicht wundern brauche, da in den meisten amerikanischen Haushalten Tag und Nacht Fox-News laufen würde. Und wenn man nur lückenlos entsprechend beschallt wird, dann glaubt man irgendwann, dass einen all das von Fox berichtete Übel auch selbst betrifft.

    Das ist wohl auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Und auch bei uns gibt es schon lange keine Gewitter mehr, sondern nur noch Unwetterwarnungen… wobei ich hiermit nicht bestreiten will, dass sich unser Klima menschgemacht in eine komische Richtung bewegt. Von Flüchtlingen haben auch die wenigsten in diesem Land mehr gesehen als Fernsehbilder.

    Ansonsten geht es mir wie Dir: mir wollen auch sehr viele Entwicklungen derzeit nicht in den Kopf gehen. Und leider bin auch ich (wie die meisten) irgendwie ein Teil dieses verrückten Hamsterrades, das sich Richtung Abgrund zu bewegen scheint – und statt zu bremsen sogar noch fahrt aufnimmt.

    Tröstend für mich aber immer wieder, dass denkende Menschen ähnliches zu jeder Zeit empfunden haben und oft wurde der Brei dann nicht so heiß gegessen wie er gekocht wurde – leider jedoch ist das keine Gesetzmäßigkeit.

    Bleibt, seiner Meinung auch mal Ausdruck zu verleihen (und sei es nur in einem Laufblog) und in sich seinem eigenen Garten anders zu verhalten. Und auch da habe ich selbst noch Luft 🙂

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      den Anteil der medialen Gehirnwäsche sehe ich ähnlich hoch wie du: es sind die berichteten Erfahrungen, die unser Bild der Welt ausmachen, und nur noch ganz wenig die eigenen, selbst durchlebten Ereignisse. Tragisch ist, dass uns die Fähigkeit, von Anderen Erlebtes für uns nutzbar zu machen, die uns in einer wichtigen Zeit der Menschwerdung über alle Maßen gestärkt hat, jetzt extrem schwächt. Tragisch deshalb, weil die Entwicklung dieser kommunikativen Fähigkeiten (Sprache, später Schrift) in einer Zeit erfolgte, wo die Kommunikation noch innerhalb der gleichen Gruppe erfolgte und damit selbstverständlich die gleichen Interessen verfolgte, und sich diese Voraussetzung seit einiger Zeit geändert hat. Heute unterscheiden wir kaum noch zwischen dem Erlebnis von Freund #476 bei Facebook und Informationen, die ausschließlich der Verkausförderung dienen. Unser Weltbild lässt sich dabei wunderbar in eine Richtung bringen, die dem Informationsverbreiter maximalen Nutzen bringt: Umsatz / Gewinn / Macht / Ansehen. Die Auswirkungen solcher medialer Echoräume, die Bekanntes immer weiter verstärken, haben wir bei den letzten Wahlen gesehen. Deshalb sind eigene Erfahrungen und das Berichten darüber so wichtig, auch wenn wir nicht immer diejenigen erreichen, die auch mal die andere Seite hören sollten. Deshalb gerade ist die zufällige Begegnung mit nicht sorgältig ausgewählten Menschen wichtig und die Kommunikation mit ihnen oft eine Bereicherung. Und genau deshalb will ich künftig nicht nur schreiben, sondern werde versuchen, mehr zu handeln.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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