Eine andere Disziplin

Nach langem Arbeitstag wollte ich einfach noch ein wenig runterkommen. Viel frische Luft schnappen. Frei sein. Den Körper intensiv spüren. Bewegung genießen. Also hab ich mir die Turbo-Medizin „Barfuß im Wald“ verordnet. Nicht verschreibungspflichtig, aber schon nach 5 Minuten verfügbar und die Wirkung setzt sofort ein.

Das Wetter war warm. Es wehte ein spürbarer Wind. In den letzten Tagen hatte es ab und an geregnet, so dass der Waldboden nicht steinig, trocken und pickelhart war, sondern stellenweise noch feucht, und die Steine gaben auf dem nicht ganz trockenen Boden ein klein wenig nach unten nach, so dass sie nicht unerbittlich in die Fußsohle drückten.

Bevor ich loslief, machte ich noch ein wenig Zehengymnastik, um wirklich mit elastischen Füßen zu starten. Währenddesen lief ein anderer Läufer an mir vorbei, und es kam der Gedanke auf: „Den kriegst du!“. Zehengymnastik schnell zu Ende gebracht und los gings. Der andere Läufer lief etwas schneller als gemütlich, geschätzt vielleicht ein 5:30er Schnitt. Ich hatte tierisch Lust, sein überraschtes Gesicht zu sehen, wenn er von einem Läufer ohne Schuhe überholt wird. Der Abstand war nach ca. 2 Minuten auf etwa 20m geschrumpft, da blieb er plötzlich stehen und beugte den Oberkörper nach unten. Sah aus, als hätte er Seitenstechen. Ich glaube, er hat gar nicht bemerkt, dass ich an ihm vorbeilief. Schade!

Jetzt hatte ich auch keine Lust mehr, wieder gemütlicher durch den Wald zu traben und behielt meinen ca. 5er Schnitt bei. Das war insofern anspruchsvoll, als der Waldweg streckenweise doch eher viele Steine hat und man schon genau hinsehen muss, wo man seine kleinen Schrittchen hinsetzt. Das ganze machte aber so viel Spaß, dass ich zu überlegen begann, wo eigentlich der Unterschied zum Laufen mit den sogenannten Barfuß-Schuhen ist. Und schlagartig war mir klar, dass das Laufen ohne Schuhe sehr viel weiter vom Barfuß-Schuh-Laufen entfernt ist als das Barfuß-Schuh-Laufen von dem mit normalen Laufschuhen. Es ist auf schwierigem Terrain (Steinchen, Äste etc.) einfach zwingend erforderlich, weich auf Ballen und Zehen aufzukommen und dann erst den Fuß ganz aufzusetzen, wenn der Untergrund es erlaubt. Berührt schon der Mittelfuß während des Absenkens eine Steinspitze, wird die Bewegung unterbrochen und der Fuß wieder angehoben, wodurch ein Mittelfuß-Knochenbruch automatisch vermieden wird. Das ist mit Barfuß-Schuhen ganz anders, da sie – auch wenn die Sohle noch so dünn ist – den Druck der Steinspitze auf eine größere Fläche verteilen und damit dem Fuß einen viel härteren Impact gestatten, was aber die Bewegung des gesamten Körpers verändert.

Das richtige Barfuß-Laufen ist vom ganzen Bewegungsablauf her wirklich eine völlig andere Disziplin. Mit Joggen oder auch mit schnell durch den Wald rennen hat das nichts gemein. Der Hauptaspekt des Laufens ohne Schuhe besteht in einer extremen Flexibilität des kräftigen Fußes, der den Läufer buchstäblich über Stock und Stein trägt. Die Freude dabei resultiert aus der Wahrnehmung dieser Fähigkeit und vor allem aus der Sanftheit, mit der man sich fortbewegt. Gerade die Paradoxie der völligen Schutzlosigkeit der nackten Sohle als Garant für einen maximalen Schutz vor Verletzungen (nicht nur des Fußes, sondern aller Gelenke, Bänder, Sehnen und Muskeln) bringt eine Stimmung hervor, die mich immer an einen Kindheitstraum erinnert: von einem Turm springen, mit den Armen schwingen und plötzlich kann man ohne Hilfsmittel fliegen.

Wie gesagt: es fühlt sich an wie eine andere Disziplin. Und wenn die Ärzte nicht soviel Angst davor hätten, von den Patienten für verrückt erklärt zu werden, würden sie das Laufen ohne Schuhe als Medizin verordnen. Für Gelenk- und Muskelprobleme, aber auch gegen schlechte Laune oder Depressionen. Für ein gesundes Herz und eine gute Feinmotorik. Zur Stärkung des Selbstvertrauens und des Immunsystems. Oder um einfach nur gut drauf zu sein…