Eins mit der Welt

Heerscharen von Meditierenden streben diesen seligen Zustand an: die Einheit mit der Welt, besser mit dem ganzen Universum, oder gleich mit dem höchsten Wesen. Heute weiß man – der Hirnforschung sei dank – dass diese Wahrnehmung keine Einbildung ist (das war den Meditierenden aber schon immer egal) und was das Besondere an diesem Zustand ist. Das macht ihn nicht schlechter, schon gar nicht wird er dadurch entzaubert. Vielleicht aber steht schon die Pharma-Industrie in den Startlöchern, um den Willigen die Erleuchtung per Pille ins Hirn zu drücken, wer weiß?

Wir Läufer erleben auch ohne pharmakologische Unterstützung manchmal so was wie „Erleuchtung light“ (klingt fast wie „Weißer Schimmel“, nicht wahr?), wenn wir uns mühelos bewegen. Und wir Barfuß-Läufer setzen noch eins drauf…

Meist beginnt es mit dem barfüßigen Laufen wie bei einer Sitzmeditation: erst herrscht noch ein Zustand der Ablenkung durch das bunte Treiben der Gedanken; das für das Einssein nötige Gleichmaß eines Rhythmus fehlt auch noch und es dominieren körperliche Empfindungen. Allmählich beruhigt sich der chaotisch wirkende Informationsstrom und der körperlich erzeugte Puls (Meditation: Atmen; Laufen: Schrittrhythmus) übernimmt unangestrengt die Aufmerksamkeit. Der weiche, flexible Fußaufsatz beweist körperlich fühlbar, dass alles so ist wie es sein muss. Jetzt kommt es zu einem ungestörten Durchfließen aller Wahrnehmungen, egal ob innen oder außen: gerade diese Unterschiedslosigkeit lässt die Trennung zwischen Welt und Ich schwächer werden. Bei der Meditation bis zur völligen Auflösung, beim Laufen nur bis man auf den nächsten Stein tritt oder etwas ungewöhnliches passiert. Wie gestern.

Gestern lief ich bei Nasenatmung ganz gemütlich auf meiner 20km-Runde. Irgendwann hörte ich – allmählich lauter werdend – Schrittgeräusche hinter mir. Bald merkte ich, dass die Schritte zu einem anderen Läufer gehörten, der langsam zu mir aufschloss. Als er auf meiner Höhe war, begrüßten wir uns und ich beschloss, in seinem Tempo mitzulaufen (Nasenatmung reichte nicht mehr, aber wir liefen auch nicht so schnell, dass mir bei zusätzlicher Mundatmung das Schwätzen schwer fiel). So lief ich den letzten km seiner Runde mit Florian, dem Ultraläufer, und wir stellten fest, dass er auch Leute von meinem Laufverein kennt. Ich erzählte noch ein bißchen von meiner Leidenschaft, dem Barfuß-Laufen, und schon war sein letzter km zu Ende. Das höhere Tempo hat mir mindestens so viel Spaß gemacht wie das langsame Traben davor und ich beschloss, die restlichen ca. 5km meiner Runde im schnelleren Tempo zu Ende zu laufen. Und ganz schnell war auch der Flow wieder da. Die letzten 500m gings durch die Wiese: uneben und ein wenig rutschig, wenn es geregnet hat, also die ultimative Freude, wenn der Fuß was zu tun haben will.

Ein richtig toller Lauf, mit allem was man sich wünschen kann: ruhiges Dahingleiten, Natur genießen, Unterhaltung, höheres Tempo und zum Abschluss mitten durchs Grün. Erst nach dem Duschen merkte ich, dass irgendwas mit der Sohle nicht ganz in Ordnung war: ein leichter Druckschmerz bei jedem Auftreten hinter dem Kleinzehen-Grundgelenk an der Fußaußenseite. Eine helle Lampe, eine spitze Schere und eine kleine Pinzette mussten mir helfen, das Einssein mit der Welt für einen ca. 1/2 cm großen Glassplitter zu beenden. Ich weiß gar nicht mehr, wo auf meiner Strecke er eins mit mir geworden war, aber ich war froh, als ich ihn draußen hatte. Trotzdem kein Grund, die Freiheit meiner Füße zu opfern und wieder Schuhe zu tragen: heute morgen war schon nichts mehr von dem kleinen Schlitz zu spüren und morgen werde ich wieder laufen.