Faszi(e)nation Laufen

Wie wäre es, wenn wir wie auf Sprungfedern laufen könnten? So wie das Zebulon, ein Männchen, das zaubern konnte und auf einer Spiralfeder statt auf Beinen durch die Gegend hopste (schon lange her: das ZDF sendete die Kinderserie „Das Zauberkarussell“ ab 1966). Mich hat das kleine Männchen, dessen Kommen sich immer mit einem „Boing“ ankündigte, sehr fasziniert (kein Wunder, ich war damals ja auch ein kleines Männchen). Und vielleicht tut es das ja noch immer, denn ich hänge nach wie vor an der Idee einer Fortbewegung, die eher auf Feder- denn auf Muskelkraft basiert…

Was braucht es, um wie das Zebulon elastisch durch die Welt zu hüpfen? Eine Feder reicht wohl nicht aus, denn bei jedem Aufprall verliert diese ein wenig Energie (das ist gelogen: da Energie bekanntermaßen nicht verloren gehen kann, wird die Feder warm) und wir bleiben schließlich stehen.

Wir brauchen also ein weiteres Konstruktionselement: Muskeln, die gespannt werden können und somit auf die Feder wirken, damit diese nicht an Schwung verliert. Kommt noch so was wie Timing dazu, sollte der federnden Bewegung nichts mehr im Wege stehen.

springseilWir probieren das Ganze gleich mal in der Praxis aus: ein Springseil wird uns beim Timing helfen. Statt langsam auszuholen und mit Muskelkraft auf und ab zu hopsen, hüpfen wir erst mal mit ganz kurzen schnellen „Abdrückern“ aus der Fußsohle. Wir erhöhen leicht die Spannung im Bein und versuchen bei gleicher Frequenz weiter vom Boden wegzukommen. So weit, dass das Springseil unter den Füßen durchgeführt werden kann. Das fühlt sich gut an und wir können dieses Hopsen recht lange durchhalten.

Wenn wir jetzt zu Vergleichszwecken mal die Frequenz verringern und die Bodenkontaktzeit verlängern, gelingt es uns nicht mehr, federnd vom Boden wegzukommen. Wir müssen die Muskeln bewegen und hochspringen. Hm, aber dazu sind sie doch schließlich da, oder? Ist das nicht beim Laufen ähnlich? Man drückt sich mit Muskelkraft vom Boden ab und zieht das andere Bein nach vorne. Große Schritte und lange Bodenkontaktzeit. Muskeln verbrauchen dummerweise viel Energie, wenn ihre Länge unter Spannung mehr als nur kurz verändert wird. Mir fallen spontan die unangenehmen Klimmzüge und Liegestützen ein. Spannt man die Muskeln aber nur kurz an, ohne ihre Länge deutlich zu verändern, brauchen sie kaum Energie. Genau das machen wir beim Seilspringen, weshalb das auch so leicht fällt, wenn man nur kurz den Boden berührt.

Die Muskeln fühlen sich am wohlsten, wenn sie einfach nur unsere eigentlichen Federn unter Zug und Spannung halten. Was sind aber unsere eigenen Federn? Unser Bindegewebe (Faszien): Sehnen und Bänder. Eine schlaffe Achillessehne kann uns nicht vorwärts katapultieren, eine unter Spannung stehende aber schon. Unser ganzer Körper ist vom Genick bis zu den Zehen von Muskelschlingen durchsetzt. Wenn wir es schaffen, sie zwischen Aufprall und Abdruck kurz zu spannen, so dass die Sehnen, mit denen die Muskeln am Skelett befestigt sind, wie Gummiseile wirken, können wir so laufen wie das Zebulon hüpft: locker und flott, gestreckt und federnd und vor allem mit enormem Spaß.

Laufen nicht mit den Muskeln, sondern mit den Faszien: einfach faszi(e)nierend!