Fette Ultraläufer

Was hat sich die Natur bloß dabei gedacht, uns die fatale Neigung mitzugeben, nahezu grenzenlos Fett zu speichern? Musste das sein? Ist das überhaupt für irgendwas gut, außer für die Gewinne der Abnehm-Industrie?

Wenigstens haben wir LäuferInnen damit nichts zu tun, oder doch?

Geht es mir alleine so, oder laufen mir immer mehr Gleichgesichter über den Weg? Menschen, die so sehr zugenommen haben, dass ihre Gesichter wie aufgeblasene Luftballons aussehen. Individuelle Gesichtszüge? Falten? Mimische Feinmotorik? Alles Fehlanzeige! Der Gesichtsausdruck fügt sich dem Diktat expandierender Fettzellen und wirkt ebenso gebläht wie nichtssagend. Das ist sehr schade, denn so manche liebenswerte Persönlichkeit verschwindet rein äußerlich hinter dem Mondgesicht.

Ich frage mich, welches böse Prinzip der Evolution diese armen Menschen derart für ihre Art zu essen bestraft. Und erwische mich bei dem Gedanken: „Was müssen die auch so fressen? Mit ein bißchen Sport kann man doch schlank bleiben und gesund, oder?“.
Hm, ich wechsle jetzt mal kurz die Seiten und spreche für die Adipösen: „Wir essen gar nicht so viel, und bewegen tun wir uns auch. Aber irgendwie setzt alles an, was wir essen. Wir können machen was wir wollen, irgendwann hat man den Kampf auch mal satt. Und dann ist’s auch egal, bringt ja eh nix!“. Was mag da wohl passiert sein? Ein Blick in die Evolution erklärt das Elend mit dem Überfluss:

Der moderne Mensch braucht Fett

Der moderne Mensch, damit ist nicht der Gadget-Futzi aus dem 21 Jahrhundert gemeint, sondern der Homo sapiens („weiser, verständiger Mensch“, jaja…), der seit ca. 200.000 Jahren den Erdball bevölkert. Diese Spezies hat einen höheren Körperfett-Anteil als ihre Vorfahren. Auch wenn einige Nachkömmlinge unserer gemeinsamen Vorfahren, die Menschenaffen, manchmal korpulent wirken, so haben sie doch bei natürlicher Ernährung einen deutlich geringeren Körperfett-Anteil als wir: bei ausgewachsenen Primaten liegt er bei ca. 6% (unserer etwa bei 15%). Wozu dieser Unterschied? Wir brauchen Fett als effizienten Energiespeicher, und Fett speichert viel mehr Energie als Zucker: ein Gramm Fett „bringt“ 9 Kalorien, ein Gramm Zucker nur 4. Und wozu das Ganze? Wir müssen ein energiehungriges und im Vergleich zu allen anderen Tieren riesiges Gehirn ernähren. Zwar hat ein Pottwal mit ca. 9 kg das größte Gehirn auf dem Planeten (dann kommt der Elefant mit ca. 5 kg und dann erst wir mit 1,4 kg), aber mit dem prozentualen Anteil zum Körpergewicht liegen wir Menschen mit großem Abstand vorne. Und wenn das Gehirn nicht permanent Energie zugeführt bekommt, geht das Licht aus: schon 2 Minuten Engpass in der Energieversorgung führen zu irreversiblen Schäden.

Weiterhin sind wir die Spezies mit der größten Ausdauer. Näheres siehe im Beitrag Hetzjäger. So was geht nur, wenn man die Energie in geeigneter Form mit sich führt (unser Körperfett ist ein riesiger, optimal verteilter Energie-Riegel). Und für Hungerzeiten, die unsere Vorfahren nicht selten überstehen mussten, braucht man einen Körper, der Nahrung so schnell wie möglich in gut speicherbarer Form einlagert. Das alles hat uns Jahrtausende hindurch unter schwierigsten Bedingungen überleben lassen. Und heute?

Die Food-Ingenieure treten auf den Plan

Die fortschreitende Umgestaltung unserer Umwelt durch Technik-Einsatz hat vor einigen Jahrzehnten (so lange ist das noch nicht her) auch die Nahrungsmittelproduktion erfasst. Unter dem Druck eines auf Konkurrenz basierenden Wirtschaftssystems wurde Nahrung entwickelt, deren Grundprodukte leicht und günstig in gigantischen Mengen herzustellen sind, gut transportierbar und lagerfähig, vor allem auch geschmacklich flexibel anpassbar. Heraus kamen Komponenten wie der nie systematisch auf Verträglichkeit getestete moderne Weizen mit seinem hohen Anteil am Klebereiweiß Gluten, Glucose-Fructose-Sirup als günstiger süßer Energieträger, Hefeextrakt als Geschmacksverstärker und viele weitere Nettigkeiten, auf die unser Verdauungssystem nicht gut angepasst ist. Gerade die süßen Komponenten sind in den meisten verarbeiteten Lebensmitteln enthalten, ohne dass dies auf den ersten Blick bemerkt wird. Durch die eigentlich sinnvollen Stoffwechselvorgänge kommt es zu Insulinausschüttungen, damit der Zucker aus dem Blut schnell umgebaut und eingelagert werden kann. Und weil bald darauf eine kurze Unterzuckerungsphase eintritt, muss die leichte Schlappheit durch sofortige Nahrungsaufnahme wieder beseitigt werden.

Fatale Wirkungen

Unser ererbter Hang zur Einlagerung von Energieträgern, die heimtückischen neuen Inhaltsstoffe und die permanente Verfügbarkeit hochkalorischer Speisen und Getränke führen in einen Teufelskreis, dem man nur schwer entkommt. Das Schlimmste aber ist, dass sich – solange ein Mensch noch wächst – Fettzellen teilen, die durch hohe Nahrungsmittelzufuhr zu groß werden. Beim Erwachsenen passiert dies nicht mehr. Heißt: wenn wir heute unsere Kinder zu „gut“ ernähren, haben sie wesentlich mehr Fettzellen als „normal“ ernährte Kinder; als Erwachsene werden diese Menschen auch wesentlich dicker als die früher „normal“ ernährten. Aus den vielen dicken Kindern werden daher – wenn man die Ernährung nicht umstellt – genau diese enorm dicken Erwachsenen, die ich eingangs so wenig vorteilhaft beschrieben habe.

Was also tun?

Nichts anderes als was ich selbst 2001 getan habe, als ich mit zum Glück nur mäßigem Übergewicht (knapp 90 kg bei 176 cm Größe) und schlechter körperlicher Konstitution anfing, mich von den multiplen Teufelskreisen zu verabschieden:

  • Wasser statt gesüßter Getränke (auch der in den Light- oder Zero-Getränken enthaltene Süßstoff führt zu Insulin-Ausschüttung und damit zur Einlagerung von Kohlehydraten). Damit Stopp der Insulin-Rallye.
  • Essen bis der Magen sich leicht gefüllt fühlt, auch wenn der Gaumen noch Appetit hat. Wenn er nicht dauernd durch riesige Portionen ausgedehnt wird, verkleinert er sich auch wieder mit dem Resultat, dass man sich früher satt fühlt.
  • Weniger Kohlehydrate. Fett und Eiweiß dürfen und sollen sein, denn diese machen schneller satt, halten länger vor und es gibt keine Unterzuckerung.
  • Reichlich Gemüse; mäßig Obst (süßes Obst hat auch viel Zucker!).
  • Regelmäßige Bewegung: täglich mindestens 30 Minuten.
  • Geduldig sein: manchmal dauert es lange, bis ein über viele Jahre verhunzter Stoffwechsel sich normalisiert.
  • Nicht zu schnell abnehmen: im Körperfett können signifikante Mengen ungesunder Stoffe „geparkt“ sein. Wenn davon zu viele durch zu schnelles Abnehmen frei werden, kann dies die Nieren überfordern.

Happy End für LäuferInnen

Wenn wir (wieder) in der Lage sind, mit leichtem Körper lange Strecken am Stück zu laufen und wegen unseres sinnvollen Körperfett-Anteils nicht schon nach 20 km kraftlos zusammenzubrechen, sollten wir uns darüber freuen, welche Wahnsinns-Technik wir mit unserem genialen „Fett-Motor“ haben!

Mit unserem 15% Fettanteil hätten wir die Energie, viele Marathons hintereinander zu laufen – wenn es unsere Muskeln, Sehnen, Gelenke und Knochen durchhielten. Mit nur einem kg Fett könnte man 150 km laufen (mit einem kg Zucker übrigens nur 67 km). Könnten wir unsere 11,25 kg Körperfett (bei 75kg Gewicht und 15% Fettanteil) komplett fürs Laufen verheizen, so kämen wir damit fast 1.700 km weit. Man sieht: das Zeug zum Ultraläufer haben wir alle.

Danke, liebes Fett!