Frankfurt 195

Gestern war Marathon-Tag in Frankfurt.

Im Frühjahr hatte ich hier schon mal beschrieben, welche drei Laufprojekte für 2016 ich mir vorgenommen hatte, und der Marathon war eines von ihnen.

Nicht einfach nur die 42,195 km abspulen, sondern barfuß laufen. Nicht so wie vor zwei Jahren in knapp 4 Stunden, sondern flott in 3:15 Std, daher der Projektname Frankfurt 195 (Minuten).

Die Vorbereitung war von allem möglichen geprägt, nur nicht von einem systematischen Marathon-Training. Ein paar lange Läufe waren dabei, auch einige Unterbrechungen, aber vor allem die letzten Wochen mit Hund haben meine Lauferei doch stark verändert: noch mehr Spaß und Spiel, aber wenig System. Von Trainingsplan keine Rede! Klappt so was trotzdem?

Ich gebe zu, dass ich gestern früh nervöser war als sonst. Zwar wusste ich von 2014, dass ich die Strecke ohne Schuhe durchhalte, aber ob die höhere Belastung (4:37er Pace statt 5:37 Min/km) nicht nur eine qualitative Steigerung, sondern eine neue Qualität der Belastung auf eine so lange Strecke sein würde, konnte ich nicht wissen.

Die äußeren Umstände waren jedenfalls optimal. Morgens hatten wir zwar noch deutlich unter 10 Grad, aber der Boden wurde bis 10:00 Uhr erträglich von der Sonne ausfgewärmt. Eigentlich war es ja 11:00 Uhr, denn in der vergangenen Nacht wurde auf Winterzeit umgestellt wie immer in der Nacht vor dem Frankfurt Marathon. Kein Regen in Sicht und windig war es auch nicht, also: ab die Post!

Die ersten 5 km nach dem Start war es noch eng. Ich war zwar im 2. Block und damit weit vorne gestartet (Läufer mit Zielzeiten zwischen 3:00 und 3:15 Std.), aber das Teilnehmerfeld war groß und nicht alle liefen so schnell wie man es in diesem Block erwarten durfte. Ich weiß nicht, was die langsamen Läufer davon haben, weiter vorne zu starten als ihre Blockzuweisung es empfiehlt, denn sie tun sich und vor allem den anderen damit keinen Gefallen: das Ganze führt nur zu unnötigen Rempeleien beim Überholen.

Ich lief in einem 4:3 Atemrhythmus (4 Schritte einatmen, 3 Schritte ausatmen, Luft durch Mund und Nase), den ich möglichst lange durchhalten wollte. Das hatte ich schon mal in 3 5km-Runden in meinem Wald vor der Haustür getestet und für gut befunden.

Ums Trinken musste ich mich auch nicht kümmern, da mein Verein bei km 15, 25 und 35 Helfer stehen hatte, die vorbereitete Fläschchen reichen. Meine 3 Fläschchen enthielten jeweils ca. 100ml Wasser + 1 aufgelöstes Energy-Gel, von manchen Triathlethen flapsig „Elefanten-Sperma“ genannt. An die dritte Flasche hatte ich mir noch ein Extra-GEL geklebt.

Etwa bei km 4 war ich auf gleicher Höhe wie die beiden Zug- und Bremsläufer mit dem 3:14 Std-Ballon. Mit ihnen zu laufen schien mir besser als die aktuelle Geschwindigkeit immer selbst per KM-Schild und LAP auf der Stoppuhr drücken zu müssen. Nebenprodukt dieser Energieersparnis sind chaotisch gestoppte Zeiten, weil ich im 3:14er Pulk nicht immer die Schilder sah, aber egal: die Jungs mit den Ballons machten die Pace, und das war gut so.

Oder auch nicht: wegen des Pulks verpasste ich mein Fläschchen bei km 15 und konnte so erst bei km 20 ein paar Schlucke Wasser an der regulären Verpflegungsstation nehmen. Das erste eigene Energy-Wässerchen konnte ich folglich erst bei km 25 erwarten.

Weil ich mich inzwischen ganz gut fühlte, lief ich ein wenig schneller als der Ballon, so dass ich nicht mehr im Pulk lief. Zwischen km 22 und 27 kommen mit der Schwanheimer Brücke und der Höchster Altstadt zwei Steigungen, die ich in den zurückliegenden 10 Marathons in Frankfurt gelernt habe, mit gleicher Anstrengung, aber verringertem Tempo zu nehmen, um mir nicht vor der Zeit die Lichter auszuknipsen. Als Belohnung gibt es ja die gleiche Streckenlänge auch wieder bergab und man holt alles wieder auf.

Später kommt dann die lange Mainzer Landstraße, die mich schon deshalb ärgerte, weil die einzige ununterbrochene lange weiße Fahrbahnmarkierung alle paar Meter ein Hütchen hatte. Dadurch wurde zwar die eine Fahrbahn exklusiv für Läufer freigehalten, aber ich konnte nicht auf der Markierung laufen. Für meine Fußsohlen wäre es erholsam gewesen, einmal ein paar Kilometer auf dem glatten weißen Streifen zurückzulegen statt auf dem alten und rauhen Asphalt.

Noch bevor wir von der Mainzer nach links abbogen, nahm die Läuferdichte um mich herum wieder zu. Verdammt, der Ballon hatte mich wieder eingeholt! Würde er jetzt an mir vorbeiziehen und ich würde zurückfallen, wäre das Ziel, innerhalb von 3:15 Std. anzukommen, dahin. Vor mir lagen noch ca. 12 km. Von meinen Beinen war kräftemäßig nicht zu erwarten, dass sie das Beschleunigen alleine leisten konnten. Meine Arme hatten noch Reserven und so arbeitete ich verstärkt über Rücken und Arme und kam wieder von der Ballontruppe los.

Das Fläschchen bei km 35 half ebenfalls ein wenig, mir den Eindruck zu geben, dass heute alles klappen könnte, aber das zusätzliche GEL wollte ich nicht mehr zu mir nehmen; ich hatte mich vor ein paar Jahren mal am unverdünnten GEL verschluckt, und die Vorstellung einer Wiederholung war grauslig. Also weg damit, beide Hände wieder leer und den Geist frei von Gedanken ans GEL.

Inzwischen merkte ich auch so einige muskuläre Verspannungen, die sich – wenn ich nicht aufpasste – durchaus zu einem Krampf entwickeln konnten, und so nahm ich ein wenig Tempo raus. Es kam, was kommen musste: bei km 37 hatten mich die Ballon-Läufer wieder eingeholt. Jetzt rechnete ich: wenn der Ballon bei 3:14 ins Ziel geht und ich maximal eine Minute später, dann dürfte ich auf jedem km maximal 12 Sekunden auf den Ballon verlieren. Komischerweise erzeugte die Ballon-Truppe eine Art Sog, und ich konnte bis km 39 dran bleiben. Dann kam zum 2. Mal die Fressgass mit ihrem kleinen Kopfsteinpflaster mit den großen Fugen, in denen so gerne die Scherben der Gläser landen, die den Bankern während der Mittagspause ab und zu von den Tischen fallen, wenn gar zu engagiert diskutiert wird. Also vorsichtiger und langsamer! Ein schlimmer Teil für die Barfußläufer, aber zum Glück nicht sehr lang. Dann die alte Oper mit besserem Pflaster und schließlich wieder Strasse. Die Ballons hatten inzwischen einen Vorsprung von 50 m, der sich aber wieder zu verringern schien.

Der Blick auf die Uhr zeigte, dass ich für die letzten beiden Kilometer nicht mal ganz einen 5er-Schnitt laufen musste. Trotzdem bin ich auf diesem letzten Stück sehr vorsichtig unterwegs gewesen, denn bei meinem ersten und zweiten Marathon hatte ich genau dort mit Krämpfen stehen bleiben müssen und viele Minuten verloren.

Die Ballons mussten wohl ein bisschen zu früh dran gewesen zu sein und wurden ein wenig langsamer, und so konnte ich sie auf dem letzten Kilometer noch überholen. Dann nur noch links abbiegen in die Frankfurter „Gudd Stubb“, die Festhalle, ein letzter Blick auf die Uhr – es würde sogar reichen, wenn ich ab jetzt zu Fuß gehen würde. Ab da war es nur noch Freude!

Meine Uhr zeigte im Ziel 3:14:06; die offizielle Zeit ist 3:14:04 Std.

Projekt Frankurt 195: Ziel erreicht, hurrah!

Bezahlt wird später

Nachdem ich stehen geblieben war, meldeten sich nicht nur meine Sohlen, die irgendwie innerlich wund zu sein schienen, sondern vor allem auch meine Muskeln. War ich eben noch (relativ locker aussehend, so vermute ich, auch wenn es jetzt, wo ich den Artikel schreibe, noch kein Video gibt) in der Festhalle dem Ziel entgegengeschwebt, so hatte ich mich innerhalb von 5 Minuten Ruhepause in einen grobmotorischen Mummelgreis verwandelt, der nur noch im Zeitlupentempo vorwärtskommt. Der Muskelkater fing augenblicklich an, mich lahmzulegen, und der Boden schien überall aggressiv rauh zu sein, auch wenn ich auf dem Heimweg meine SoleRunners angezogen hatte.

Heute, einen Tag später, haben sich meine Sohlen zur Hälfte regeneriert und ich bin guter Hoffnung, dass ich morgen nichts mehr spüren werde. Nicht so der Muskelkater: er scheint heute schlimmer zu sein als gestern. Nun ja, alles hat seinen Preis, so auch dieser Lauf.

Und der Lohn?

Anders als einige Jahre zuvor, als mich ein „unter drei“ gelaufener Marathon noch mehrere Wochen danach noch mit gehobener Grundstimmung belohnte, haben sich meine Schwerpunkte verändert: mich macht das Laufen an sich glücklich, vor allem das Laufen ohne Schuhe. Ein Ergebnis wie das gestrige erzielt zu haben, ist schön, aber es geht an dem vorbei, was ich inzwischen als „das Herz des Laufens“ empfinde. Ein bisschen macht mich das schon traurig, denn es ist wie ein Abschied. Auf der anderen Seite kann man nicht alles haben, und ich will nicht an Vergangenem kleben, wenn das Neue mir sinnvoller erscheint. So wie das eigenartige Training, das sich in den letzten Wochen ergeben hat, seitdem wir Emily haben. Die Rennerei auf den Gassi-Runden mit ihr hat mir so viel mehr Spaß gemacht als ein systematisches Marathontraining, dass es mir schlichtweg egal war, ob es die Form für Frankfurt fördern würde. Und mit „Train easy, win hard“ ging’s gestern doch auch, oder?

6 Gedanken zu: Frankfurt 195

  1. Langer Bericht, kurzer Kommentar: Marathon in 3:14, barfuß!!! Wahnsinn! Echt. Respekt. Und Glückwunsch zum erfüllten Projekt! Erhol dich gut 🙂
    Beste Grüße, Oliver

    1. Hi Oliver,

      vielen Dank! Erholung läuft bereits, Muskelkater-Höhepunkt dürfte heute erreicht sein.
      Ab dem kommenden Wochenende wird wieder mit Emily gerannt 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang,

    theoretisch hätten wir uns treffen müssen, praktisch leider nicht, du warst viel früher im Ziel. Aber wir haben die gleichen Gedanken hinsichtlich der Veränderung der Schwerpunkte, das gleiche Thema habe ich auch aufgegriffen, was für ein Zufall aber auch !

    Super, 3:14 und dann noch barfuß !! ich sah noch einen, der barfuß gelaufen war !

    Glückwunsch ……und Emily freut sich umso mehr, dass ihr Herrchen nur noch für sie da ist ! 😎

    P.S. war ganz schön nass und glitschig teilweise auf der Strecke – und das barfuß ! Dafür einen Extra-Bonus !

    1. Liebe Margitta,

      ich wusste gar nicht, dass du auch in Frankfurt gelaufen bist, habs erst jetzt über deinen Kommentar erfahren.
      Hätte mir Spaß gemacht, dich zu treffen. Nun ja, das kommt sicher bei einer anderen Gelegenheit mal 🙂
      So ein wenig liebäugele ich inzwischen auch mit dem Ultra-Thema…

      Übrigens war das Nasse an den Verpflegungsständen ganz angenehm für die Füße, denn der trockene Asphalt sagt jede Feuchtigkeit vom Fuß. Tat mir gut, ähnlich wie bei den Läufern, die sich das Wasser über den Kopf schütten 🙂

      Liebe Grüße und: schade, dass wir uns verfehlt haben!
      Wolfgang

  3. Lieber Wolfgang,

    Da gibt es nicht viel zu sagen außer Glückwunsch, Respekt und Anerkennung! Ich war mir ganz sicher, dass Du das wie gewünscht durchziehen kannst und wirst 🙂

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      da warst du dir offensichtlich sicherer als ich, dass ich das Ziel schaffen würde.
      Wie ich an meinen kaputten Muskeln gemerkt habe, war’s doch ein ziemlicher Kampf.

      Immerhin kann ich heute, am 3. Tag danach, nur noch über einen kleinen Muskelkater-Rest klagen, alles andere ist schon wieder heil.

      Bis demnächst mal wieder,
      liebe Grüße
      Wolfgang

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