Fredy – Liebe statt Leistung

Am Sonntag fand der Frankfurt Marathon statt. Ideale Bedingungen für mein Vorhaben, flott auf blanken Füßen zu rennen und eine gute Zeit zu erreichen. Ich habe mich aber dann am Vorabend entschlossen, auf den Lauf zu verzichten, weil es unserem kleinen, 17 Jahre alten Hund Fredy rapide schlechter ging.

In der vergangenen Woche hatten sich seine Probleme schon angekündigt: ab und zu ein ruckartiges Kopfschütteln, nicht oft, aber ungewohnt, am Freitag schon mit leichtem Speichelfluss. Am Samstag dann verstärkt krampartiges Kopfzucken und der erste schwere Krampf-Anfall, bei dem er am ganzen Körper zuckte und strampelte, anschließend heftiges Atmen, dann unruhiges Hin- und Herlaufen und schließlich erschöpftes Ausruhen. Danach war er wieder der alte. Bis zum nächsten Anfall. Unser Besuch in der Notaufnahme einer Tierklinik am Samstag brachte keine Besserung, im Gegenteil: die Anfälle wurden heftiger und kamen immer öfter.

Am Sonntag – während 20.000 Läufer in Frankfurt „ihren Tag“ erlebten und ihre lange vorbereitete Leistung brachten, saßen wir mit Fredy wieder in der Tierklinik und sahen zu, wie sich sein Zustand immer weiter verschlechterte. Die Liebe zu unserem kleinen Schatz war einfach so viel stärker als der Drang, die Laufsaison und mein Training mit einem wunderschönen Marathon zu krönen und erst danach wieder mit ihm in die Klinik zu fahren. Keine Frage, dass wir ihn in jeder Sekunde auf den letzten Metern seines Weges begleiten wollten. Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als ihn erlösen zu lassen. Das fühlt sich schon deshalb so schmerzhaft an, weil wir selbst die Entscheidung getroffen haben, durch die wir ihn endgültig verloren haben.

Wer war Fredy?

Fredy war ein überaus freundlicher, leicht zotteliger Shih Tzu, ein kleiner Hund, dessen Rasse auf gute Eigenschaften als Begleithund getrimmt ist. An ihm war nichts Aggressives, er war die pure Freundlichkeit. Ob Katzen, Igel, Kaninchen, natürlich andere Hunde und nicht zuletzt auch Menschen: er war immer erfreut, Kontakt aufzunehmen. Durch diese Art und sein kuscheliges Aussehen war er bei Verwandten und Bekannten, Nachbarn und anderen Gassigehern so beliebt, dass wir ihm den Nachnamen Sonnenschein gaben. Wo er auftauchte, verbreitete er Fröhlichkeit und gute Laune. Und selbst junge, ungestüme Hunde wurden in seiner Gegenwart ruhiger und sanfter.

Was bleibt?

Die Selbstverständlichkeit, mit der Fredy Sonnenschein trotz seines hohen Alters und seiner gesundheitlichen Probleme immer fröhlich war, würde bei einem Menschen die Frage aufwerfen, warum er so ist. Die Antwort würde dann lauten: entweder ist er irgendwas zwischen naiv und dumm oder ein Philosoph. Ich habe keinen Zweifel, dass Fredy Sonnenschein ein Philosoph war, der erkannt hat, dass man fröhlich besser durchs Leben kommt. Weil es ansteckend ist und man ein freundlicheres Umfeld erzeugt als ein nörgelnder Zyniker wie ich manchmal einer bin.

Bei aller schmerzhaften Trauer, die wir empfinden, bleibt doch eine große Dankbarkeit für die Zeit, die wir mit ihm verbringen durften. Ich hoffe, seine freundliche, fröhliche Art färbt nachhaltig auf mich ab. Nach Fredy kann es für mich nur eine sinnvolle Entscheidung geben, wenn ich mich wieder mal zwischen Liebe und Leistung entscheiden muss. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass die meisten Entscheidungen dieser Art sind.

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