Frei, wild, verletzlich

Willst du dich wirklich so in ein Korsett von Läufer-Hard- und Software einflechten, dass jeder deiner Gedanken vorbestimmbar wird? Dass dich schon die Entscheidung eines Schuhherstellers, die Serie deines Lieblingsmodells einzustellen, betrübt und du schnell noch 5 paar auf Reserve kaufst? Dass dich ein Softwarefehler in deiner Laufapp stundenlang in den passenden Internetforen festtackert? Und dass dich die Auswertung der vom Brustgurt empfangenen Signale beunruhigt?

Empfindest du dich als mächtiger Herrscher deiner Systeme oder bist du doch nur ein Gefangener in einem kaum zu toppenden Kommerz-Wahnsinn?

Geht es dir ums Laufen oder darum, eine sonst als langweilig oder nutzlos empfundene Zeit totzuschlagen? Oder darum, als strahlender Held aus Volksläufen hervorzugehen, notfalls auch als tragisches Opfer böser Umstände, die eine bessere Platzierung verhindert haben? Bist du denn in der Lage, überhaupt festzustellen, warum du dir den ganzen Zirkus überhaupt antust?

Ich frage so böse und implizit ein wenig zynisch, weil ich all diese Umstände und Empfindungen durchlebt habe. Oft habe ich mich begeistern lassen von Produkten und Methoden, von Ideen und Visionen. Aber nach dem wiederholten Wechsel von einer Super-Methode fürs Laufen zu einer neueren, natürlich viel besseren, bin ich skeptisch geworden und habe einen Schritt zurück gemacht. Habe aus größerer Distanz die immer gleiche Mimik entdeckt und festgestellt, dass alle Hersteller und Gurus nur mit Wasser kochen, allerdings jedesmal mit einem anderen, revolutionär neuen künstlichen Aromastoff, so dass man immer wieder den Stein der Weisen entdeckt zu haben glaubt.

Wirklich gut geht es mir erst, seitdem ich mich von all diesen Methoden frei gemacht habe und mir meiner eigenen Wildheit (dem kleinen, unausrottbaren Kern, der uns biologische Systeme von Algorithmen unterscheidet) bewusst wurde. Scheiß auf die Methoden und Gurus, und laufe wie ein Tier, das als einzigen Ratgeber jenen akzeptiert, der besser und schneller vorwärtskommt als es selbst. Und auch der bewusste Verzicht auf jeglichen Schutz (Ratgeber schreiben immer Injury freegesundnatürlich – was auch immer) hat mich weitergebracht. Verletzlichkeit ist ein hohes Gut, denn sie macht aufmerksam und wach.

Einfach selbst machen und ohne Angst (nicht ohne Respekt vor den Gefahren) ausprobieren! Den eigenen Körper als Ratgeber ernst nehmen! Keine Laufbücher mehr kaufen! Eigene schreiben!