Fröhlich

Aus Vinyl waren sie, die Schallplatten meiner Kinderzeit. Neben den Karl May Geschichten und vielen Märchen gab es auch eine Till Eulenspiegel-Platte. Die liebte ich am meisten, weil der witzige und freche Till immer so gute Ideen hatte. Gleich zu Beginn der ersten Geschichte fragt ihn sein Onkel, warum er so fröhlich pfeifend den Berg hinauf geht, wo dies doch offensichtlich so anstrengend sei. Till antwortet mit entwaffnender Logik: „Ich freue mich, weil es nach dem Anstieg doch wieder bergab geht!“.

Sind Miesepeter unter uns? Dann höre ich sie schon argumentieren „Bei dieser Logik müsste Till doch traurig sein, wenn es bergab geht, weil es schon bald wieder anstrengend bergauf geht.“ Schlüssig. Aber was nutzt das, wenn man ein schlüssiger Miesepeter ist? Dann schon lieber ein fröhlicher Ab-und-Zu-Unlogiker a la Till. Er hat die besseren Argumente auf seiner Seite, und die heißen Lebensfreude, Lebensfreude und Lebensfreude. Oder hat jemand befohlen, dass etwas Anstrengendes nicht auch Spaß machen kann?

Heute war so ein Till Eulenspiegel-Tag. Ich war unterwegs auf einer knapp 20 km langen Runde, und hatte ein ganz gemütliches Tempo (Atmung durch die Nase reichte dicke aus). Es war noch früh, und die Sonne schien mir auf manchen Strecken genau ins Gesicht. Ich habe ihr das nicht verübelt, wie soll sie denn sonst schon früh am Morgen einen Sommertag hinkriegen? Es ging über Feldwege, an Bachläufen entlang, durch Orte hindurch, über Wiesen in Parks und durch den Wald.

Als ob eine gute Fee meine Laufstrecke mit Zauberstaub bedeckt hätte, kam mir alles so schön und richtig vor. Egal ob bergauf oder bergab (hallo Till!), es machte einfach alles Spaß und ich war von Anfang bis Ende fröhlich. So fröhlich, dass mancher dafür richtig viel Kohle hingeblättert hätte. Hab‘ ich einfach geschenkt bekommen. Manchmal ist das halt so. Und das war jetzt kein Runners High, das man sich mit richtig Anstrengung verdienen muss. Nein, einfach ein Geschenk. Habt ihr das auch schon so erlebt?

4 Gedanken zu: Fröhlich

  1. Hallo Wolfgang, das liest sich gut, genau so sollten wir durchs Leben gehen und laufen. Ich bin die Miesepeter ja ziemlich leid, immer ist alles falsch, blöd, anstrengend … in meinen Augen ist so eine Lebenseinstellung, mit ständigem Aufregen über irgendwas, einfach bloß unnötige Energieverschwendung.
    Klar ist mal was blöd, zum Glück! Sonst wüssten wir ja das was klasse ist nicht zu schätzen.
    Es gibt nunmal auch anstrengende blöde Läufe, aber in der Tat auch sehr viele bei denen es einfach „elegant“ läuft, wie von Dir beschrieben. Da stimmt dann alles. Ich hab das gar nicht so selten und geniesse es jedesmal ausgiebig und breit grinsend.
    Manchmal packt mich sogar ein wenig Ehrfurcht darüber, wie gut ichs habe, dass ich gesund bin und einfach so laufen kann. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Und macht noch mehr Lebensfreude.
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Hi Oliver,

      mit deinem letzten Absatz („wie gut ichs habe…“) hast du genau das beschrieben, was ich beim Schreiben des Artikels auch noch dachte, aber ich wollte nicht noch einen Aspekt reinbringen. Ich mach ja sonst auch schon so viele „Rundumschläge“ (die Liebe, unser Kopf-Kino, die Natur, unser Planet etc.). Aber es hatte mich schon in den Fingern gejuckt, zumal ich schon während des Laufens an einige Zeilen aus Marius Müller-Westernhagens uraltes Lied „Dicke“ denken musste. Nicht aus Häme, sondern eher aus Mitleid, weil die Schwergewichtigen kaum in den lockeren, leichtfüßigen Genuss eines solchen Laufs kommen können.

      Danke für die Ergänzung! Und schön, dass du die Miesepeter auch so einschätzt 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang,

    Ja, diese Läufe kenne ich und ich liebe sie. Schade, dass sie sich zuweilen rar machen. Aber einzelne Til-Momente gibt es fast bei jedem Lauf zu erleben. Die dazu gehörende Weltsicht ist leider noch weniger programmierbar.

    Ich arbeite dennoch daran 😉 … kann aber nicht aus der eigenen Haut und bin noch weit entfernt. Doch tröstet mich „Es ist stets der Weg der uns glücklich macht, nicht das Ziel“.

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      ich habe den Verdacht, dass es unmöglich ist, sich diese Momente zu erarbeiten. Und wenn sie da sind, kann man sie auch nicht festhalten; so wie das Wasser in der hohlen Hand: je fester ich zugreife, desto mehr verschwindet das Wasser aus der Hand.

      Wahrscheinlich ist es das beste, solche Zustände als unerwartete Geschenke zu betrachten und sich von Ihnen begleiten zu lassen, solange man sie wahrnimmt. Ich wünsch dir jedenfalls ganz viele davon, egal ob es nur einzelne Momente sind oder ganze Läufe!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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