Ganz nah dran

Perspektive entscheidet. Manchmal ist es wichtig, mitten im Geschehen zu sein. Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ist das Zuschauen nichts, sie müssen teilnehmen oder sogar im Mittelpunkt stehen. Wird man älter, kann man es sich immer öfter leisten, das Geschehen gelassen von außen (oder oben) zu betrachten.

Für mich ist es wichtig, meine Perspektive noch wechseln zu können. Nichts wäre für mich schlimmer als zum Zuschauen verdammt zu sein wie die vielen alten Leute, die ihren Zug nicht mehr durch einen spontanen Sprint erreichen können.

Perspektivwechsel, die uns ermöglichen, das Leben nie langweilig werden zu lassen, kann man trainieren. Zum Beispiel (klar, wir sind ja in einem Barfuß-Läufer-Blog) durch Laufen ohne Schuhe…

Es beginnt ein barfüßiger Lauf immer mittendrin und intensiv. Das liegt daran, dass man zu Hause meist einen sehr schonenden Boden hat: Teppich, Parkett, Fliesen oder Estrich, jedenfalls nichts mit groben Unebenheiten, scharfen Kanten, spitzen Erhebungen. Das macht die Füße hellhörig: sie werden sensibilisiert und fühlen alles mit ihren ca. 70.000 Nervenenden je Sohle. Sehr angenehm.

Jetzt gehen wir raus in die rauhe Wirklichkeit: die Sensibelchen merken, dass die Welt hier draußen ziemlich bunt ist: rauher Asphalt, nasses Gras, harte Steine und pieksende Fruchtschalen. Bis der Reiz an den Sohlen abstumpft, müssen sie schon so einiges ertragen. Bei mir sind es immer die ersten 1 – 3 km (je nach Untergrund), die mir intensive Gefühle (beileibe ist das nicht immer angenehm) bescheren und mich mittenrein saugen ins Geschehen. Dann hat sich das Level an Empfindung auf den Boden eingestellt und das Gefühl lässt nach. Jetzt verlagert sich die Perspektive: das freie Gefühl, keine Schuhe und somit keine Behinderung am Fuß zu haben, drängt sich in den Vordergrund und macht das Laufen ab hier zum Genuss.

In wirklich seltenen Fällen passiert es, dass ich einen kleinen Passagier mit nach Hause bringe, der mir erst Stunden nach dem Laufen auffällt. Dann mache ich aus der Vogelperspektive einen Sturzflug nach ganz unten und versuche, den kleinen Kerl aus der Sohle zu ziehen. Man mag es für eine sonderbare Macke halten, aber ich sammle alles, was sich nur mithilfe von Werkzeug wieder aus der Sohle entfernen ließ. Und weil mir Perspektivwechsel so viel Spaß machen, hab ich meine Sammlung mal fotografiert.

Ganz nah dran (keiner meiner kleinen Freunde ist länger als 4mm):

Seh’n doch aus wie Edelsteinchen, oder?

Alles nur eine Frage der Perspektive.

2 Gedanken zu: Ganz nah dran

  1. Lieber Wolfgang,

    ja, Hobbys sind bisweilen kurios 😉

    Gefällt mir gut, Deine Edelsteinsammlung! Hätten sie sich nicht in deine Sohle gebohrt, wären sie nie beachtet worden. So haben sie sich, jeder für sich eine kleine Schönheit, zumindest ein kleines Forum im weltweiten Netz erarbeitet – und in deinem Gefächtnis natürlich auch.

    Immer wieder nett, in deine Barfusswelt einzutauchen.

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      danke für deinen anerkennenden Kommentar! Mir macht es halt immer wieder Spaß, die Dinge rumzudrehen.
      Hier habe ich einfach einen bekannten Goethe-Spruch rumgedreht und dabei den Satz erhalten: „Wo viel Schatten ist, ist auch starkes Licht“.
      Man muss es nur sehen wollen.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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