Glücksmomente

Was macht mich glücklich beim Laufen?

Wenn ich in der letzten Zeit meine Waldrunden laufe, fällt mir immer wieder auf, dass ich gegen Ende der letzten Runde so ein „Schade!“ Gefühl empfinde, und dabei denke: „Schon vorbei?“.

Ich versuche dann, die letzten 500 Meter noch mal ganz besonders zu genießen, aber irgendwann sind auch die vorbei. Natürlich könnte ich nochmal 5 km dranhängen, aber das würde mich nicht vor dem „Schade! Schon vorbei?“ Gefühl schützen.

Das einzige, was helfen würde, wäre so lange zu laufen, bis ich vor Ermüdung froh bin, dass es die letzten Meter sind, die ich da vor mir habe. Aber dazu fehlt mir an Arbeitstagen die Zeit, denn das müssten dann schon deutlich über 30 km sein, und die kommen nur am Wochenende in Frage.

Was ist es, das mir beim Laufen so viel Spaß macht, dass ich das nahende Ende bedaure? Ich habe einmal ganz genau in mich hinein gefühlt und wurde fündig…

Um mein Gefühl zeitlich zu verorten, muss ich den Vorgang des Laufens in diese vier Phasen zerlegen:

Landung

Die Landung beginnt mit dem ersten Kontakt von Zehen und Ballen auf dem Boden. Sie endet, sobald der Fuß die für den jeweiligen Schritt maximale Kontaktfläche auf dem Boden ausfüllt. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Beim Sprint berührt die Ferse den Boden nicht, sondern nur die Zehen, der Ballen und ein Teil der Fußaußenseite hinter dem Kleinzehengrundgelenk. Genauso bergauf. Beim langsameren laufen oder bergab setzt der ganze Fuß auf. Daher die etwas umständliche Definition.

Kompression

Die Kompression ist der Teil, der beginnt, sobald das Bein das Gewicht des Läufers tragen muss. Das Bein gibt nach, und mit ihm die darüberliegenden Teile – Becken, Rücken. Es federt und die Muskeln und Sehnen spannen sich. Je nach Körperspannung und Geschwindigkeit ist die Kompression weicher und ausgeprägter oder härter und gespannter.

Abdruck

Der Abdruck beginnt, wenn die Masse des Läufers über den am Boden stehenden Fuß hinweg getragen wurde und die Muskeln und Sehnen des inzwischen nicht mehr senkrechten Beins sich entspannen, wodurch das Bein gestreckt wird und der Läufer nach vorne und oben schnellt (oder geschoben wird, je nach Speed und Temperament).

Flug

Der Flug ist die Phase, in der es keinen Bodenkontakt gibt und das zuvor belastete Bein durch Abdruck und Beckenrotation nach vorne kommt, um die nächste Landung vorzubereiten.

Sorry für die längliche Erklärung, aber ohne die hätte ich nicht erzählen können, wo genau meine Glücksmomente entstehen.

Wo entsteht welches Gefühl?

Bei der Landung sind es die Zehen und der Ballen, die sich über den Boden freuen, wenn sie ihn gepackt haben. Das gab es früher nicht, als ich noch mit festen Schuhen lief. Diese Freude haben nur Barfuß-Läufer oder Träger von Minimal-Schuhen, die die Zehenbewegung nicht einschränken.
Mit was würde ich das gute Gefühl vergleichen?
Vielleicht am ehesten mit dem Gefühl beim Bälle jonglieren, wenn man einen Ball sicher gefangen hat und ihn jetzt wieder nach oben werfen kann. Ein Gefühl der Kontrolle und des Vertrauens (beim Laufen wird beides gebraucht) und eine gute Rückmeldung aller Sensoren. Das Gefühl ist umso intensiver, je unebener der Boden ist. Genial auf Trails!

Bei der Kompression gibt es ein gutes Gefühl, wenn sie sich gleichmäßig auf den gesamten Körper verteilt, das heißt: nicht nur die Knie federn leicht, sondern auch das Becken kriegt Spannung und der Rücken bekommt Zug. Je besser die Kompression auf viele Strukturen verteilt wird, umso weniger muss man einzelne Muskeln anstrengen, um das Körpergewicht zu tragen und umso elastischer kommt man sich vor, was auch ein gutes Gefühl gibt.

Der Abdruck ist ebenfalls eine Ganzkörperaktion: mir macht er am meisten Spaß, wenn ich zusätzlich zum abdrückenden Bein die Arme aktiv gegenläufig bewege. Der Armzug steuert über den Rücken die Beinbewegung und geht dynamisch in die Flugphase über. Das ist der Moment, wo der Eindruck großer Kraft entsteht, weil wir hier den Vortrieb als selbstgemacht erleben.

Im Flug ist alles ganz leicht: wir haben kein Gewicht zu tragen, sondern lediglich eine Gegenbewegung von Armen und Beinen sowie Schultern und Becken auszuführen. Ein geniales Gefühl, das dummerweise nur ganz kurz anhält.

Und wo entsteht das Glück?

So wie ich es empfinde, ist es der kurze Moment zwischen dem Ende der Kompression und der gegenläufigen Bewegungen während der „Luftfahrt“, welcher hauptsächlich das Wohlgefühl des Laufens ausmacht. In dieser Phase sind die angenehmen Gefühle mit Abstand am stärksten. Bedenkt man, dass wir – wenn wir eine halbwegs schnelle Schrittfrequenz haben – dieses Gefühl 180 Mal in der Minute (3 je Sekunde) haben, dann sind es bei einem Lauf von einer Stunde knapp 11.000 dieser Glücksmomente. Zugegeben, es sind eigentlich nur Mikro-Glücksmomente, aber man kann sie deutlich spüren.

Das große Glück – manche nennen es auch Flow – ergibt sich dann aus dem Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Glück – Rhythmus.

Schade! Schon vorbei?

3 Gedanken zu: Glücksmomente

  1. Guten Morgen, lieber Manfred,

    “ Schade, schon wieder vorbei “ das sage ich nicht, weil ich mir für jeden meiner Läufe fast immer genügend Zeit nehme, das gute Gefühl, das sich bei mir meist erst nach 10 km einstellt, wenn ich in den 6. Gang schalten kann, also voll auskoste.

    Ein sehr guter Grund also, mich damals schon für die ganz langen Distanzen zu entscheiden, wenngleich diese nicht immer nach Glück schreien, dafür aber im Ziel umso lauter !

    Dieses Glück, Glück, Glück erweckt in mir missionarische Gefühle, die ich sehr gerne auslebe, so es sich lohnt, denn nur wer selbst brennt, kann in anderen Feuer entfachen “ (Augustinus Aurelius).

    Es kann alles so einfach sein…………..

    1. Liebe Margitta,

      du zeigst die Vielfalt der Möglichkeiten, sich beim Laufen gut zu fühlen, wenn du deine „Highs“ nach etwa 10 km bekommst.
      Ich denke, das geht vielen Läufern so, und gerade die besonderen Vorgänge im Kopf beim Langstreckenlaufen sind ein guter Grund, immer wieder (wenn nicht ohnehin täglich) zu längeren Läufen zu starten. Du hast zurecht in deinem Blog die Frage gestellt, ob das eine Sucht ist.

      Was ich hier beschreiben wollte, waren weniger die guten Gefühle auf den langen Strecken, sondern die unendlich vielen kleinen Glücksgefühle des Körpers bei jedem einzelnen Schritt, weil es die Bewegung an sich ist, für deren gute Ausführung (also nicht Absitzen oder Watscheln oder ähnliche Lauftechniksünden) der Körper uns direkt belohnt.

      Ich finde, das gehört auch zum Erlebnis Laufen dazu und kann gerade für diejenigen, die die Leidenschaft für lange Distanzen noch nicht entwickeln (oder im evolutionären Sinne: wiederentdecken) konnten, den Weg zum erfüllenden Laufen ebnen.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Ja, ja, ja, ich verstehe dich voll und ganz, es geht mir ebenso, weiß es sehr zu schätzen , wie sonst bin ich zur Wiederholungstäterin geworden, nicht gerade bei jedem einzelnen Schritt, aber bei jedem Lauf in summa !

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