Hetzjäger

Ich bin schnell. Sehr schnell. Viel schneller als du. Wenn du mir zu nahe kommst, laufe ich dir einfach weg. Du bist hartnäckig. Liest meine Spur. Findest mich immer wieder. Du scheuchst mich auf, aber du kriegst mich nicht. Du gibst nicht auf, bist entsetzlich hartnäckig. Es ist heiß. Immer wenn ich mich hechelnd kühlen will, treibst du mich wieder zum rennen an. Du sollst mich nicht kriegen. Ich bin schneller als du. Aber mir wird immer heißer. Und immer wieder scheuchst du mich auf. Mir ist leicht schwindelig. Ich muss immer wieder rennen und kann mich nicht kühlen. Jetzt sehe ich nicht mehr richtig. Ich muss mich unbedingt kühlen. Plötzlich stehst du vor mir. Ich muss hecheln, kann nicht mehr weglaufen. Du schleuderst irgendwas auf mich. Ein reißender Schmerz, ich kriege keine Luft mehr. Mir wird schwarz vor Augen. Noch so ein schrecklicher Riss in meiner Flanke. Ich kann nicht mehr…

So sieht die Nahrungsbeschaffung in dem entscheidenden Teil der Menschheitsgeschichte aus der Perspektive einer Antilope aus. Wenigstens hatte sie davor ein Leben, anders als die bemitleidenswerten Kreaturen in unseren heutigen Massentierfabriken.

Aus paläoanthropologischer Sicht klingt das alles weniger dramatisch:

In der heißen Steppe Afrikas haben die Vorfahren des Menschen die Fähigkeit entwickelt, großflächig über ihre Haut zu schwitzen und sich dadurch auch bei lang anhaltenden Anstrengungen effizient zu kühlen. Ihr aufrechter Gang verkleinerte zudem die von der Sonne erhitzte Fläche. Ihre Atmung war durch den zweibeinigen Gang komplett von der Laufbewegung entkoppelt. Die Entwicklung eines schlanken, gestreckten Körpers mit elastischen Sehnen machte unsere Vorfahren zu unglaublich ausdauernden, effizienten Läufern. Zwar konnten sie nicht so schnell laufen wie ihre Beutetiere, aber in Verbindung mit ihrer Fähigkeit, Fährten zu lesen, konnten sie stundenlang hinter demselben Tier herrennen und es immer wieder aufscheuchen. Solange, bis es sich nicht mehr durch (die im Galopp nicht mögliche) Hechelatmung kühlen konnte und – wenn es nicht ohnehin schon am Hitzschlag gestorben war – erschöpft und reglos auf den Todesstoß der Ausdauerjäger warten musste.

Die frühen Menschen, deren Nahrung infolge dieser Hetzjagd zu einem höheren Teil aus Fleisch bestand, brauchten zu dessen Verdauung weniger Darm-Kapazität als ihre überwiegend von Pflanzenkost lebenden Vorfahren, was die Entwicklung eines großen, leistungsfähigen, energiehungrigen Gehirns ermöglichte. In Kombination mit der Nutzung der nicht mehr für die Fortbewegung benötigten Hand entwickelte sich ein immer ausgefeilterer Gebrauch von Werkzeugen und schließlich die immer stärkere Umgestaltung des eigenen Lebensraums.

In Kurzform:

  • Der aufrechte Gang ermöglichte die Erschließung anderer Nahrungsquellen
  • Die andere Nahrung ermöglichte die explosionsartige Entwicklung unseres Gehirns
  • Das stark vergrößerte Gehirn und die freie Hand schließlich leiteten einen selbst verstärkenden Prozess ein, an dessen Ende wir heute stehen und erkennen müssen, dass wir fast die gesamte Erdoberfläche als unseren Lebensraum erschlossen und inzwischen fast kahlgefressen haben.

Was macht diese Erkenntnis mit mir?

Als Vegetarier finde ich es ausgesprochen beschissenen, dass es an dem vermehrten Töten von Tieren lag, dass sich unser Gehirn zu dem entwickeln konnte, was es heute ist.
Als Läufer (und leidenschaftlicher Ausdauersportler) finde ich die Zusammenhänge spannend, die uns zu solchen unermüdlichen Läufern werden ließen.
Als in der Gegenwart lebender Mensch weiß ich, dass die Menschheit für diesen Planeten zu groß und zu mächtig geworden ist, um noch lange so weitermachen zu können.

Glücklicherweise haben wir heute pflanzliche Nahrung, mit der wir unser Gehirn ebenso gut ernähren können wie unsere Fleisch fressenden Vorfahren, ohne dass wir dafür mehr Energie in die Verdauung investieren müssen und schlechter denken können. Das ist auch gut so, denn wir erkennen heute, dass der massive weltweite Fleischverzehr eine der Hauptursachen einer unmittelbar bevorstehenden Klimakatastrophe ungeahnten Ausmaßes ist, so dass große Teile der Menschheit den ökologischen und ökonomischen Untergang ihrer Heimatländer nicht überleben werden.

Als Hetzjäger wurden wir zu dem, was wir heute sind. Ab heute müssen wir ganz anders leben, wenn wir uns eine kleine Chance auf Überleben erhalten wollen. Und genau da wird es spannend, ob unser Gehirn nicht nur groß genug ist, dies alles zu begreifen, sondern auch reif und weise genug, unser Verhalten innerhalb einer einzigen Generation komplett umzustellen.

Das Beitragsbild ist ein Screenshot der sehenswerten Dokumentation „Die Geheimnisse des perfekten Läufers“, gesendet in Arte am 01. und 13.05.2015.