Ich, der Leguan

Heiligabend ist neben dem eigenen Geburtstag der zweite Tag der Wahrheit im Jahresverlauf: man erkennt an der Wahl der Geschenke, wie gut einen andere kennen. Da ich sicher niemals auf die Idee gekommen wäre, mir so etwas perverses wie Laufsocken (nicht Strümpfe, sondern Socken, auf denen man – ohne Schuhe drüberzuziehen – läuft) zu kaufen, konnte ich auch niemandem einen solchen Tipp gegeben haben. Trotzdem lagen ein paar Leguanos auf dem Gabentisch. Hm, dachte ich, warum nicht? Ich bin ja doch immer auf der Suche nach „so viel barfuß wie möglich, auch wenns wegen der Witterung nicht ganz ohne irgendwas am Fuß klappt“.

Heute morgen – keine 12 Stunden nach der Bescherung – war es kalt genug, um die geplanten 16 km nicht ganz ohne Fußschutz zu laufen. Eine prima Gelegenheit, die Leguanos einem ausgedehnten Praxistest zu unterziehen.

leguanosDie Dinger kommen in einem kleinen Würfel, in dem sie zusammengerollt stecken. In meiner Größe (42/43) wiegt eine Socke (ich vermeide aus guten Grund das Wort Schuh) immerhin 172 Gramm. Im Vergleich: ein Sole Runner, der ja eher noch als Schuh gelten darf, wiegt nur 150 Gramm, und meine alten Mizuno Wave Universe 3 wiegen pro Schuh nur ca. 100 Gramm. Angezogen sind die Leguanos genauso schnell wie jede andere Socke, nur dass die Sohle deutlich dicker ist und aus vielen lustigen kleinen Halbkugeln besteht.

Die Leguanos sitzen wie ein weicher, elastischer Strumpf am Fuß. Man kann die Zehen nahezu frei nach oben bewegen. Greift man mit den Zehen, so krümmt das die Sohle nicht, das heißt, die Greifbewegung findet ausschließloch im Leguano statt. Mir ist das sehr wichtig zu erwähnen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass eine aktive Zehenarbeit („den Boden greifen“) für einen entspannten Laufstil mit durchgängig guter, gestreckter Haltung sehr förderlich ist. Greifen wird also nicht behindert, wirkt sich aber auch nicht – wie beim barfüßigen Laufen auf den Boden aus. Na ja…

Die 16 km wollte ich nicht alleine laufen, sondern mit einem Freund, der aber gleich zu Beginn vorschlug, doch ein wenig länger zu laufen. Seine Variante der Strecke ist 24 km lang und ich fand die Idee gut, den Leguano-Praxistest gleich in Form eines typischen langen Feiertags-Laufs zu machen. Also liefen wir 24 km. Jetzt aber endlich meine Eindrücke:

Halt: obwohl man das Gefühl hat, in einer Socke zu stecken, rutschen die Leguanos nicht. Das kommt vielleicht von der ganz leicht hochgezogenen Ferse, die nur ungern unter den Fuß rutschen würde, ganz sicher hat es aber mit dem Innenmaterial der Sohle zu tun, das gar nicht glatt ist.

Flexibilität: weder nach oben noch nach unten schränken die Leguanos die Beweglichkeit des Fußes ein. Im Vergleich zu den Sole Sunner kann man die Zehen freier nach oben biegen. Und die Fivefingers von Vibram sind selbst in der leichtesten Variante steif dagegen.

Thermische Isolation: es war knapp über Null Grad heute morgen und ich habe die Legualos barfuß getragen. Meine Füße sind nicht kalt geworden, weil das Obermaterial jeglichen kalten Wind abhält, ohne deshalb die Atmung einzuschränken. Ich kann mir gut vorstellen, die Leguanos auch deutlich unter Null ohne Socken zu tragen. Es wird ja in den nächsten Tagen bis minus zehn Grad kalt, da werde ich sehen, was die Dinger bei Kälte wert sind.

Nässeschutz: minimal. Wenn man über nassen Grund läuft, dringt das Wasser durch das lockere Obermaterial ein. Und dann kann es doch mal sehr kalte Füße geben. Trocken werden sie aber auch wieder recht schnell, gerade weil das Obermaterial so dünn ist und atmet. 5 Minuten nachdem meine Füße heute nass geworden sind waren sie wieder trocken. Bei strömendem Regel allerdings würde ich die Leguanos nicht empfehlen. Und in einen Hundehaufen möchte ich wegen der Durchlässigkeit des Obermaterials (nicht der Sohle) auch nicht treten, sonst wird der Leguano zu „Le Guano„, was den Begleitgeruch betrifft. Das durch die Halbkugeln geformte Profil ist – wie auf dem Bild ansatzweise zu sehen ist – ein kleiner Matschfänger. Wieder zu Hause, sollte man die Leguanos auf eine alte Zeitung stellen, denn die winzigen Lehm- und Erdbröckchen, die sich im feuchten Zustand in die Sohle gesetzt haben, trocknen und springen bei der kleinsten Sohlenbiegung raus, und schon hat man den ganzen Boden voller Krümelchen.

Dämpfung (hier als Schutz vor rauhem Terrain gemeint): ich habe die kleinen Halbkugeln heute unter durchaus harten Bedingungen getestet: streckenweise bin ich über groben Schotter gelaufen, um zu sehen, wie spitze und scharfe Steine verarbeitet werden. Das Ergebnis war gespenstisch: während die Grobform des Bodens erhalten blieb, gab es keinerlei schmerzhafte Eindrücke. Das hat richtig Spaß gemacht, weil der Fuß immer noch voll beweglich die Bodenstruktur „fressen“ konnte.

Haltbarkeit: nach 24 km immer noch nicht kaputt. Blödsinn: ich werde den Artikel aktualisieren, sobald die Leguanos den Geist aufgegeben haben, und angeben, wie viele km bei welchen Bedingungen das waren. Eines weiß ich aber: dank meiner inzwischen robusten Fußmuskulatur kann ich mit den Leguanos über nahezu beliebiges Terrain laufen, also auch auf den weitläufigen steinigen Taunuswegen.

Fazit: ich hätte mir die Dinger niemals selbst gekauft, weil sie außerhalb meiner Vorstellung („am besten barfuß; sonst Huaraches oder Sole Runner„) lagen. Jetzt wo ich sie habe, werde ich sie sicher oft benutzen, wenn es zu kalt für komplett barfüßiges Laufen wird. Nur bei starkem Regen kann ich sie mir nicht recht vorstellen, weil das Obermaterial so sehr weich und wasserdurchlässig ist.

2 Gedanken zu: Ich, der Leguan

  1. Hallo Wolfgang,

    du hast sie dir zwar nicht selber gekauft, aber als kleiner Wink, falls nochmal jemand auf die Idee kommt, oder du selber mal überlegst dir welche zu holen – nimm ganz einfache, billige Neopren Schuhe, oder Wattschuhe. Die kosten höchsten 20 EUR und sind meisten deutlich besser. Habe mittlerweile echte Hemmungen teure „Barfußschuhe“ im Wald komplett einzuschlammen, mal abgesehen davon, dass Neopren Schuhe tatsächlich die beste Alternative sind für einen richtig schlammigen Waldlauf (mein Stammrevier liegt mitten in und rundherum der Wassergewinnung in meiner Stadt, da ist es immer nass).
    Mit den Solerunnern rutscht man im Schlamm ganz schön rum, da hilft es auch nicht, dass die Greifbewegung bei den Solerunnern noch ansatzweise durch kommt.

    Hab jetzt glaube ich mehr „Barfußschuhe“ getestet als du und mein Fazit ist: Alles untauglich, oder viel zu teuer, vor allem wenn Kälte und Nässe dazu kommt und man auf unbefestigten (oder gar keinen) Wegen läuft.
    Solange es warm genug ist Huarache mit Profil (40 EUR), sobald es kälter wird billige Neopren Schuhe mit dünnen Sohlen und Profil (20 EUR, Profil ist wichtig, wenns durch den Schlamm geht, hab mich mit welchen ohne Profil schon richtig gemault, weil die weggerutscht sind wie nix im Schlamm. Auf rutschigen Baumstämmen und Felsen hatte ich mit denen aber eine unglaubliche hohe Haftung.), fertig – mehr brauch ich nicht.
    Die Mares Equator sind z.B. echt super, selbst wenn das Wasser oben rein läuft bleibt es warm. Bei +4 Grad sogar so warm, dass die Füße nass werden, ohne dass Wasser oben rein läuft.

    Bin auch immer noch begeistert von Solerunner, allerdings nur noch für den Alltag/Büro und Indoor Sport.
    Hab mehrfach in Ratgeber gelesen, dass man für Fußtrainer ganz simple und billige Neopren Schuhe, bzw. Strandschuhe nehmen soll. Aber ich musste ja erstmal ein paar hundert EUR versenken, bis ich den Profis Glauben geschenkt habe, hoffe ich kann das anderen ersparen.

    mfg stefan

    1. Hallo Stefan,

      vielen Dank für den Tipp mit den Mares Equator. Wie ich gesehen habe, sind die so günstig, dass auch ein Fehlkauf keine große Lücke in den Geldbeutel reißt.

      Mit einem anderen Paar Neoprenschuhe habe ich bereits Erfahrungen gemacht, nämlich mit den Aqua Sphere Beachwalker. Der Tipp kam aus dem Marquardt-Buch „Natural Running“. Nach anfänglicher Euphorie haben sie mir allerdings im Vergleich zu den Sole Runners nicht mehr gefallen. Ich habe das in einem zusammenfassenden Laufschuhvergleich in meinem früheren Blog mal beschrieben. Als ich den Vergleich verfasst habe (September 2013), war ich noch nicht ganz so intensiv am Barfuß-Laufen dran wie heute, daher kommen darin auch noch eine Menge Schuh-artige Modelle vor, die ich inzwischen nicht mehr tragen möchte.

      Vom Barfuß-Laufgefühl ziehe ich allerdings heute die Leguanos den Sole Runners vor (und die Sole Runner dem Auqua Sphere). Bin heute früh in den Leguanos 23 km gelaufen und hatte wirklich viel Spaß und durchgängig ein super Gefühl (ganz barfuß ist noch besser, aber von allem bisherigen Schuh- oder Sockenwerk kommen die Leguanos bislang dem Laufen ohne Schuhe am nächsten.

      Nichtsdestotrotz werde ich mir die Mares bei Gelegenheit kaufen und sicher auch darüber wieder schreiben.

      Viele Grüße
      Wolfgang

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