Innere Wärme

Seit ich barfuß unterwegs bin, schaue ich immer etwas neidisch auf die Tiere, die das ganze Jahr ohne Schuhe unterwegs sind. Mir ist das in der kalten Jahreszeit noch nicht gelungen, ohne dass ich Angst um meine Füße hatte.

Wie ich in diesem Blog schon in mehreren Beiträgen geschrieben habe, finde ich das bei Kälte immer mehr schwindende Gefühl beängstigend, denn ich hatte immer den Eindruck, dass die äußeren Strukturen durch die Kälte zerstört werden könnten, wenn erst der Fuß komplett taub geworden ist.

Eine aktuelle Web-Recherche nach „Barfußlaufen Kälte taub“ brachte einen Leitfaden zum Vorschein, der mir den Eindruck gab, es sei selbstverständlich, dass man taube Füße bekommt (mir ist immer wohler, wenn es anderen auch so geht), und dass man nur beim Wiedereintritt in die Wohnung die Füße langsam warm werden lassen soll. Nur wenn man die Füße zu schnell erwärmt, könne es zu Schäden kommen, die dann wochenlange Taubheit in Sohle oder Zehen bringen.

Das hat mir erstmal meine Befürchtungen genommen, und so bin ich bei Bodentemperaturen von ca. 6 Grad mit Emily losgezogen. Nicht, dass ich nicht auch schon bei 6 Grad gelaufen wäre, aber Gassi gehen mit Geh- und Stehpausen – und das über 90 Minuten – ist schon deutlich kälter als wenn die Füße mit hoher Schrittfrequenz immer nur kurzen Bodenkontakt haben.

Wie erwartet trat während der ersten 15 Minuten der Betäubungs-Effekt ein: ich verlor mehr und mehr das Gefühl in Sohle und Zehen. Die vielen Samen und Ästchen, die von den Stürmen und Regenfällen der letzten Tage auf die Wege verfrachtet wurden, waren nur noch ganz vage zu spüren. Beruhigend, dass die Zehen noch voll beweglich und leicht rosa waren. Bislang hätte ich bei diesem Grad an Taubheit sofort den Heimweg angetreten, aber mit meinem neuen Wissen (und einem dicken Vertrauensvorschuss für meine Füße) versuchte ich einfach, mir vorzustellen, ich hätte leichte weiche Schuhe oder ganz dicke Socken an; durch diese spürt man den Boden ja auch nur sehr reduziert.

Die restlichen 75 Minuten unserer Gassi-Runde machten mir dann richtig Spaß, weil die Taubheit nicht mehr weiter zunahm, sondern zeitweise sogar wieder zurückging, so dass ich subjektiv das Gefühl warmer Füße bekam, mit denen sogar ein schnelles Laufen völlig schmerzfrei möglich war. Und gerade nach schnellen Strecken schien die Wärme noch zuzunehmen; kein Wunder, denn die Fußmuskulatur arbeitete ja kräftig und erzeugte im Fußinneren eine ganze Menge Wärme.

Zu Hause habe ich dann das Duschen auf später verschoben und die Füße nur mit ganz kaltem Wasser abgewaschen; schließlich sind Emily und ich streckenweise auf Schmuddelboden gelaufen. Und ganz langsam – begleitet von einem sanften Brennen, das aber nicht unangenehm war (eher so wie eine mittelscharfe Chili) – kam die normale Temperatur wieder in die Füße zurück.

Wie gehts jetzt weiter?

Ich werde mich vorsichtig an immer niedrigere Temperaturen rantasten. Bevor ich aber ganz leichtsinnig werde, behalte ich meinen Sicherheits-Check „Zehen noch beweglich?“ bei.

Vielleicht werde ich ja doch noch ein Ganzjahres-Barfuß-Läufer.

4 Gedanken zu: Innere Wärme

  1. Hallo Wolfgang, „Vertrauensvorschuss für die Füße“ find ich gut, also generell, da genau das immer gerne zu kurz kommt. Kalte Füße werden ja immer mit Erkältung im Anmarsch in Verbindung gebracht, wieso eigentlich?
    Schnelles Barfußlaufen bei „knappen“ Temperaturen ist mittlerweile ok (heute 5km bei -4°), aber Bummeln oder so eine Gassirunde, das traue ich mir noch lange nicht zu. Deine Beschreibungen kann ich allerdings schon ganz gut nachvollziehen, bin gespannt wie es weitergeht 🙂 LG Oliver

    1. Hi Oliver,

      ich habe mich das auch schon gefragt, warum so viele Menschen erwarten, dass sie sich erkälten, wenn sie kalte Füße bekommen. Eine plausible Erklärung (ich kann dir leider die Quelle nicht nennen, ist schon zu lange her) für die Annahme, dass man sich erkältet, wenn man friert, ist: Man friert, wenn der Körper zu wenig warm ist. Hat man bereits eine Erkältung eingefangen, versucht der Körper durch Anheben der Temperatur, die Erreger effizienter zu bekämpfen (der eigentliche Grund für Fieber). Kühlt man aus, ist dieses Ziel gefährdet und unser Körper muss noch mehr „heizen“. In diesen Fällen steckt aber die Krankheit schon im System und dann ist es kein Wunder, wenn man krank wird. Das ist aber nicht die Folge des Frierens, sondern das Frieren ist die Folge der beginnenden Erkältung.
      Kurzer Rede langer Sinn: man wird nicht krank, wenn man friert, sondern man friert, weil man schon eine angegriffene Gesundheit hat.
      Ich habe in den letzten Jahren sehr oft intensive Kältegefühle gehabt, bin aber nie krank geworden.

      Kleiner Nachtrag meines Hundegassis von heute morgen: das Thermometer zeigte -6 Grad und meine Füße wurden viel schneller taub als in den vergangenen Tagen. Schlimm ist immer die Zeit vor dem Ausfall des Gefühls, weil man denkt, es ginge was kaputt. Ich war heute vorsichtigerweise nur ca. 35 Minuten unterwegs, aber in den letzten 20 Minuten hat es – mit tauben Füßen – richtig Spaß gemacht. Und danach? Langsam zu Hause wieder warm werden lassen ging prima und komplett schmerzfrei. Der Vertrauensvorschuss wurde nicht enttäuscht 🙂
      Morgen werde ich die Zeit weiter ausdehnen und schauen, was dann passiert.

      Ich finde das super, dass du auch mit dem Barfußlaufen in Kälte experimentierst.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang,

    Man muss mich in Sachen Vorzüge des Barfußlaufens nicht mehr groß überzeugen, denn ich bin es längst. Das was Du da gerade machst hat für mich aber nur noch entfernt mit dieser Überzeugung zu tun. Du suchst Grenzen, was jeder Sportler nachvollziehen kann, aber wo soll der Zusatznutzen sein, wenn man sich in den Grenzbereich der Unterkühlung der eigenen Gliedmaßen bewegt? Kurz: ich finde, Du schießt gerade ein wenig übers Ziel hinaus 😉

    Du bist soweit gekommen mit dem Barfußlaufen, das finde ich klasse, aber ich kann Dir aus eigener Erfahrung berichten, dass Kälteschäden im Fuß nicht lustig sind. Ich habe jahrelang mit Taubheit im Bereich meiner großen Zehen gelitten, war eine Folge aus zu kalt und zu stark belastet in Kombination (BW). Die Gefahr ist nämlich weniger ein Kälte- als ein Nervenschaden. Letzteren hatte ich und ich bin heilfroh, dass er zwei Jahrzehnte später wieder weitgehend geheilt ist.

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      ich schätze deine Anmerkungen und respektiere deine leidvollen Erfahrungen. Und vor allem freue ich mich darüber, dass du diese hier offen wiedergibst, denn genau dafür soll so eine Kommunikationsplattform wie dieser Blog genutzt werden.

      Ich glaube aber auch, dass du mir abnimmst, dass ich bei den neu entdeckten Möglichkeiten nicht plötzlich zum risikosüchtigen Hasardeur werde.

      Mit dem, was ich in den letzten Tagen erlebe, indem ich schrittweise meine Streckenlängen und Laufzeiten bei Kälte erhöhe, entdecke ich gerade wunderbare neue Möglichkeiten meines Körpers im Umgang mit zuvor unangenehm empfundenen Bedingungen. Ich checke täglich, wie sich die Dinge entwickeln, achte sehr bewusst darauf, ob und wie sich das Gefühl in den Füßen wieder einstellt, wenn ich wieder im Warmen bin, und stelle bereits erste Fortschritte fest, was die Wärme im Fuß während des Laufens betrifft: ich habe immer öfter streckenweise ein Wärmeempfinden, welches das Laufen trotz niedriger Temperaturen genau so angenehm macht wie im Frühjahr und im Sommer.

      Ich möchte auch diesem Bericht in ein paar Wochen einen weiteren folgen lassen, in dem ich erzähle, wie sich die Dinge entwickelt haben, und gleichzeitig eine deutlich sichtbare Warnlampe aufstellen, es mir nicht einfach gleichzutun. Ich beginne die Kälteexperimente schließlich mit Füßen, die einen Marathon ohne Blasen überstehen und schon deshalb eine robuste Durchblutung haben, die bei entsprechender aktiver Bewegung sicher einen gewissen Schutz gegen Kälte- und Nervenschäden haben. Das ist sicher nicht zu erwarten, wenn man nicht so oft ohne Schuhe läuft wie ich.

      Bis demnächst und ganz liebe Grüße
      Wolfgang

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