kalt?

Es ist ein eigenartiges Glück, das mich befallen hat, seitdem ich keine Angst mehr vor kaltem Boden habe, wenn ich mit nackten Füßen laufe. Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, mein ganzes Laufen wäre ein anderes geworden.

Ich kann es nicht erklären. Vielleicht hilft es, wenn ich es mit etwas anderem vergleiche:

Ich komme mir vor wie ein Snowboarder, der durch den Schnee eine weite Wanderung auf einen hohen Berg gemacht hat. Die Natur, der Ausblick, die Luft, das war alles schon die ganze Zeit lang richtig toll. Aber irgendwie war der Anstieg immer auch ein wenig anstrengend. Immer. Auch wenn der Lohn der Anstrengung immer größer war als die Mühe. Und immer war da der ferne Gipfel mit seinen sanft abfallenden Hängen, fast wie eine riesige Düne in der Wüste. Und da war das große Versprechen: „Wenn du oben bist, stell dich nur noch auf dein Brett und gleite ohne jede Mühe ins Tal.“

Ich hatte immer gehofft, den fernen Gipfel – das Laufen ohne Schuhe auch im Winter – einmal zu erreichen. Fünf Jahre lang habe ich ihn umschlichen, habe den Weg nach oben gesucht und ihn doch gescheut. Fünf Winter lang hatte ich den Eindruck, dass es sicher lange dauern würde, bis man Kälte aushält. Und plötzlich sehe ich, dass ich schon fünf mal dran vorbei gelaufen bin: am direkten Weg zum Gipfel, der Direttissima. So direkt, so einfach: nur geradeaus, ohne Angst. So wie die anderen, von denen ich gelesen hatte, dass sie – auch wenn es steil hoch ging – unbeschadet oben angekommen sind.

Und so habe ich einfach geschaut was passiert, wenn man das macht, was ich mir fünf Jahre lang erhofft hatte. Nichts ist passiert. Nichts schlimmes jedenfalls. Ganz im Gegenteil!

Einen Monat ist es her, dass ich mich auf den Gipfel traute. Nach wie vor staune ich noch wie ein kleines Kind, dass es funktioniert: man nimmt einfach hin, dass sich die Wärme immer mehr in den Fuß zurückzieht, aber so lange man ihn noch bewegen kann, ist es nicht mal unangenehm, sondern eine unglaublich weiche, sanfte Fortsetzung dessen, was mich schon bei wärmeren Temperaturen so fasziniert.

Seit einem Monat hat sich aber auch die Art verändert, mit der meine Füße auf die Kälte reagieren: das Gefühl bleibt inzwischen wesentlich länger erhalten, manchmal fühlt es sich direkt warm an, die Zehen sind nicht nur wärmer, sondern man sieht es ihnen an der leichten Rosa-Färbung an, dass sie gut durchblutet werden. Und es gibt bei jedem Lauf immer den Punkt, ab dem sich das Gefühl nicht weiter nach innen zurückzieht. Mit diesem Gefühl läuft es sich ungeheuer toll, und das Gefühl von früher, schnell heim zu müssen, damit die Füße nicht abfrieren, ist dem Eindruck gewichen, beliebig lange so weiterlaufen zu können. Genau wie der Snowboarder, der die lange Talabfahrt begonnen hat, und hofft, sie würde niemals aufhören.

Wenn ich jetzt zurückschaue auf die fünf Winter ohne Barfuß-Laufen, kommt es mir vor, als hätte ich es nur deshalb nicht ausprobiert, weil ich Angst davor hatte, es würde nicht klappen. Das mag verständlich gewesen sein, aber es war dumm.

Einfach dumm!

Warnung

Wenn ich hier über Erfahrungen berichte, die ich für verallgemeinerbar halte, weil ich keinen anderen Körper habe als die meisten anderen Menschen, so bitte ich doch jeden, der das nachmachen will, sich vorsichtig an das Thema ranzutasten:

  1. Barfuß bei warmen Temperaturen laufen
  2. Barfuß auf schwierigem Terrain laufen
  3. Barfuß lange Strecken laufen

Dann erst an die niedrigen Temperaturen ranwagen. Kurze Strecken = kurze Taubheit; langsam warm werden lassen und dem Körper die Chance zur Anpassung geben. Dann längere Strecken mit eingeschränktem Gefühl laufen, immer aber nur mit beweglichen Zehen!!!

Und dann das Wunder genießen!

4 Gedanken zu: kalt?

  1. Lieber Wolfgang, freut mich sehr für dich, dass den Weg barfuß auch in kalten Zeiten für dich gefunden hast. Frostige Tage mit Graden über -10 Grad hatten wir ja noch nicht, bin gespannt, was deine Füße dann dazu sagen werden.

    Deine Mahnung zur Vorsicht ist durchaus angebracht, bin ich eine derer, die durch zu schnelles Wechseln auf Wenig mit einem Ermüdungsbruch bezahlen musste, aber auch das habe ich überstanden, seit dem bewege ich mich immer mehr in Richtung barfuß, wenn auch nicht beim Laufen.

    Meine Freundin hat sich bei diesem Lauf: http://www.arcticultra.de/en/ mit Schuhen zwei Zehen erfrieren lassen, ohne dass sie es merkte, daher ist bei dir sicherlich auch in ganz eisigen Tagen weiterhin Vorsicht angesagt.

    Pass gut auf dich auf – und ein schönes, friedliches Weihnachtsfest für dich, deine Angehörigen und Emily (für die ich immer ein Leckerli beim Laufen mit mir herum trage !! 😉

    1. Liebe Margitta,

      vielen Dank für die Weihnachtsgrüße! Ich wünsch dir auch ein schönes Fest und einen guten Rutsch (nicht wörtlich zu nehmen) in ein gutes Jahr 2017, das hoffentlich viele schöne Lauferlebnisse bieten wird.

      Das mit deiner Freundin ist sehr bedauerlich und ich bin weit davon entfernt, anzunehmen, dass mir so was nicht passieren kann, im Gegenteil: ich taste mich langsam an „immer kälter, immer länger“ ran, wohl wissend, dass man sich die nötige Robustheit erarbeiten muss. Der Unterschied zu früher ist (und das macht mich wirklich froh und fröhlich): ich habe keine Angst mehr, mich Tag für Tag ein bisschen mehr zu trauen, immer „schlimmere“ Bedingungen zu testen, weil ich inzwischen ein viel besseres Gefühl dafür habe, was sich noch gesund anfühlt und wo es kritisch werden könnte.

      Ich werde Emily eins von deinen Leckerlis unter den Weihnachtsbaum legen. Da sie ein wenig verfressen ist, wird sie sich riesig freuen 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang,

    Diesmal halte ich mich mit Warnhinweisen zurück, habe ich doch selbst gerade ein Plädoyer für mehr Mut gehalten – allerdings auch in eher nicht physischen Bereichen.

    Toll, dass Du wieder eine Schallmauer durchbrochen hast, eine Grenze aus dem Weg geräumt. Auch darum geht es beim Laufen. Toll, dass Du dich immer noch so weiter entwickeln kannst. Das ist ein Glück, das ich dir wirklich gönne, denn Du gibst ihm auch jede Chance, Dich zu ereilen. Weiter so! Ich werde das immer gerne mit verfolgen.

    Alles Gute für das kommende Jahr, vor allem Gesundheit! Und komm gut rüber 😉

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      vielen lieben Dank für die Rückmeldung zu meinen Schallmauern! Rückblickend kommen sie mir gar nicht mehr so mächtig vor 🙂

      Ich wünsch dir einen guten Rutsch ins neue Jahr, so viel Gesundheit wie möglich und hoffe, dass wir auch in 2017 wieder Gelegenheit haben werden, ein paar Kilometer zusammen zu laufen!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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