Lauf, Forrest, lauf!

Das Spannendste nach dem Aufstehen ist in diesen Tagen immer der Blick aufs Thermometer. Reichts schon für barfuß oder ist es noch zu kalt? Heute näherte es sich der 10-Grad-Marke. Auch wenn der Boden sicher noch kühler war, bedeutete das: Schuhe gar nicht erst anziehen.

Die 800m bis zum Wald hatte ich zwar vorgestern noch im Verdacht, mit Streusalzwasser bedeckt zu sein; da es gestern aber geregnet hatte, sollte das Salz inzwischen weggespült sein.

Am Einstieg zur 5km-Waldrunde habe ich dann noch ein wenig Zehengymnastik gemacht, um ein weicheres Gefühl zu bekommen und dann gings los: erst mal ganz langsam, weil es noch fast finster war um 07:00 Uhr. Ohne Sicht muss man noch weicher laufen, denn Steine sieht man in der Dunkelheit nur mit den Füßen.

Wird wohl ein 6:30er Schnitt gewesen sein, mit dem ich über den matschig-steinigen Waldweg trabte. Nach knapp eineinhalb Kilometern kam ich an meinem Lieblingsbaum vorbei, dem König des Waldes. Er steht an der höchsten Stelle der Runde und ist ein majestätischer Vertreter seiner Art (ich muss doch mal genau hinschauen, was für ein Baum er ist). Er teilt sich in 2 m Höhe und ragt dann als Zwillingsbaum in den Himmel. Seine moosbedeckten Wurzeln dringen wie dicke Adern in den Boden, sie streifen den Waldweg. Immer, wenn ich an ihm vorbeilaufe, sage ich ihm im Geiste was liebes, weil er so ein faszinierender Kerl ist. Diesmal sagte ich in Anbetracht meiner bloßen Füße, dass wir uns erst morgen wiedersehen, denn mehr als eine Runde bei diesem nasskalten Boden wollte ich nicht laufen.

3,5 km weiter – wieder am Ausgangspunkt – hatte mir das Laufen ohne Schuhe derartig viel Spaß gemacht, dass ich natürlich noch eine weitere Runde dranhängen musste. Wieder kam ich am König vorbei und meinte zu ihm: „Siehst du, so kommt das: manchmal laufen die Dinge viel besser als erwartet. Jetzt aber endgültig: bis morgen!

Auf dieser zweiten Runde waren noch 2 km zu laufen und ich musste für einen Sprung über eine matschige Stelle beschleunigen. Ich landete zwar auf kleinen Steinen, spürte diese aber kaum, weil ich sie nur kurz berührte. Das war der Startschuss für die letzten 2 km. Je schneller ich lief, umso weniger war der Boden zu spüren. Da fiel mir plötzlich Forrest Gump ein.

In Robert Zemeckis‘ Film von 1994 spielt Tom Hanks den etwas einfältigen, aber immer gutmütigen Forrest Gump, in dessen wechselhafte Biografie der Zuschauer förmlich reingezogen wird. Der junge Forrest muss Beinschienen tragen, die seinen Gang sehr staksig aussehen lassen. Als er von anderen Jungen gehänselt und verfolgt wird, fängt er an, trotz seiner Beinschienen zu rennen. Seine Freundin Jenny ruft hinter ihm her: „Lauf, Forrest, lauf!“. Und er rennt immer schneller, bis die Schienen bersten und wegfliegen. Forrest rennt schließlich den anderen Jungen davon, befreit von den Fesseln, die diese Beinschienen immer für ihn waren. Und plötzlich kann der dumme Junge eine Sache ganz toll: Laufen.

Heute fühlte ich mich wie Forrest. Als ich aufhörte, auf den Boden zu achten, sondern einfach immer schneller wurde, ging es immer besser mit dem Waldboden. Als ob die Füße umso stabiler würden, je mehr man sie belastet. Fast konnte ich es hinter mir hören: „Lauf, Forrest, lauf!“. Einfach unbeschreiblich!

Als Sahnehäubchen ging es auf dem Heimweg dann noch einige hundert Meter durchs Wasserschutzgebiet. Die Wiese war so nass, dass meine Hose bis zu den Knien mit Matsch getränkt war, auch wenn ich nur durch knöcheltiefe Pfützen lief. Ein wahnsinns Abschluss mit dieser kleinen Kneipp-Kur. Absolut glücklich kam ich wieder zu Hause an.

2 Gedanken zu: Lauf, Forrest, lauf!

  1. Hallo Wolfgang,

    Klasse geschrieben, ich war voll dabei. Und es hat mir richtig Spaß gemacht, danke Dir dafür! Freu mich schon, eines Tages Deinen Baum zu treffen 😉

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hi Sebastian,

      da hab ich doch tatsächlich aus einem Video ein Bild vom König ausschneiden können:
      Der König und ich

      Aufgenommen im letzten Herbst

      Viele Grüße
      Wolfgang

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