Lesestunde im Wald

Es ist kalt geworden. Nicht extrem, nein. Nur so kalt, dass ich beim Laufen Handschuhe trage. Und Fußschuhe. Fußschuhe klingt doof, nicht wahr? Aber wer wie ich die ganze helle Jahreszeit durch ohne Schuhe gelaufen ist, findet auch doof, dass es jetzt zu kalt für barfuß geworden ist. Und deshalb ziehe ich Handschuhe und Fußschuhe an. Als Barfüßler kann ich natürlich nicht in normalen Schuhen laufen, das käme mir gar nicht in den Sinn. Ich laufe in Sole Runners, die eine Sohle von nur 1,5mm Dicke haben, sich aber sonst eher anfühlen wie Handschuhe. Deshalb Fußschuhe, also Handschuhe für die Füße.

Wenn ich schon solche Abstriche vom Barfußlaufen machen muss, dann möchte ich zur Entschädigung aber so laufen, dass sich mein Fuß trotzdem weiterentwickeln kann. So wie heute, als er im Wald das Lesen gelernt hat.

Ich hatte mir vorgenommen, zwei Runden zu laufen. Zwei 5km-Runden, die inzwischen zu dreiviertel aus mit Blättern zugedeckten Steinchen und Schotter bestehen. Ein sehr übler Boden! Man muss schon sehr genau hinschauen, wohin man tritt. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann mir die Idee  kam, nicht mehr genau hinzuschauen, aber es muss wohl kurz vor Ende der ersten Runde gewesen sein. Mich nervte einfach, dass man dauern auf den Weg glotzen muss, um nicht auf irgendsoeinen Störenfried am Boden zu dappen.

Ich habe mir dann für die zweite Runde einfach verboten, den Boden unmittelbar vor mir anzusehen, und immer irgendwo in die Ferne geschaut. Zum Ausgleich habe ich noch etwas kürzere Schritte gemacht und bin noch bewusster auf Zehen und Ballen gelandet, ohne aber die Ferse krampfhaft am Bodenkontakt zu hindern. Ich habe sie einfach sanft aufgesetzt, wenn Ballen und Zehen keine Probleme „sahen“.

Sehr genial an diesem vermeintlich risikoreichen Laufen war, dass ich nicht ein einziges Mal unangenehm aufgekommen bin. Natürlich habe ich die Steine deutlich gespürt, aber wenn der Fuß die ganze Arbeit des Bodenkontakts leisten muss, kann er das wirklich prima alleine, ohne Hilfe der Augen. Und so ergab sich eine erstklassige Arbeitsverteilung:

  • die Füße organisieren den Bodenkontakt
  • die Beinmuskeln sind leicht gespannt und erlauben den Sehnen einen federnden Schritt
  • die Knie sind leicht gebeugt, wodurch die Wade nicht zu sehr gespannt wird
  • der Rumpf ist gestreckt
  • die Augen haben frei und können im Wald umherschauen.

Und dann fiel mir das Y’Chi wieder ein. Das ist eine unter anderem im ChiRunning verwendete Konzentration von Körper und Geist auf ein Ziel mit Hilfe der Augen.  Ich hatte das früher öfter mal geübt, es aber beim Barfußlaufen wieder vernachlässigt, weil es mir wichtiger war, den Boden mit den Augen zu lesen als in die Ferne zu schauen. Jetzt aber, mit „lesenden“ Füßen, kann ich mir das Y’Chi wieder leisten, und freue mich schon auf den nächsten Lauf, der damit noch inniger, hieriger und jetztiger wird.

Ein Gedanke zu: Lesestunde im Wald

  1. Hallo Wolfgang,

    leider muss ich in der Woche meine Runden mittlerweile immer mit ner Kerze aufm Kopp machen (hab früher immer gelacht über die voll beleuchteten jungs – aber ich setzt mir lieber so ein Teil auf den Kopf, als auf Asphalt laufen zu müssen, weil nur da Laternen sind), weil ich in Dunkelheit zur Arbeit fahre und auch in Dunkelheit zurück.

    Wenn man da nicht grade ne Lupine Betty (ein feuchter Traum für alle die häufiger mal bei Dunkelheit im Wald unterwegs sind) hat, der muss schon Abstriche machen bei der Sicht. Daher ist das „Waldboden checken“ sowieso bei mir aktuell gar kein Thema.
    Man darf es halt nicht übertreiben, wenn die Füße müde werden kann es schonmal sein, dass so ein fieser, versteckter Stein voll auf ein Knochen durchschlägt.
    Wer es also nicht schafft den Blick vom Boden direkt vor einem zu lösen -> geh bei Dunkelheit laufen, da geht das eh nicht 😉

    Übrigens sind mir meine Sole Runner irgendwie zu schade um die im Wald mit Schlamm zu füllen, die nehm ich fürs ThaiChi in der Halle (kann ich nur empfehlen, ist ein Super Ausgleichssport zum Laufen und hilft mir entspannter zu laufen, der Wechsel von Anspannung und Entspannung aus dem ThaiChi ist beim Laufen genau so vorhanden).

    Die hier habe ich entdeckt und absolut begeistert von den Dingern, die fühlen sich richtig gut an am Fuß:
    http://www.benat-shoes.de/
    Nicht die Sommer Variante nur aus Leder, sondern die normalen mit Kautschuck Sohlen. Die sind nur minimal dicker als Solerunner und das Leder fühlt sich traumhaft an am nackten Fuß. Schlamm drin ist aber fast genauso doof wie bei den Solerunner und Feuchtigkeit kommt deutlich schneller rein.

    mfg stefan

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