Let’s Dance

Das ganze Universum pulsiert und schwingt. Planeten kreisen um Zentralgestirne, Elektronen schwingen um den Atomkern, auf dem Spielplatz schaukeln Kinder und wir tanzen Walzer beim Wiener Opernball.

Immer wenn es ums Schwingen geht, erfüllt uns eine eigenartige Gute-Laune-Leichtigkeit. Auch beim Laufen?

Worin besteht sie eigentlich, diese Leichtigkeit, die auch die carvende Snowboarderin und der kurvende Motorradfahrer empfinden? Vielleicht sollten wir uns mal eine Trampolinspringerin ansehen: um Höhe zu gewinnen, macht sie sich beim Aufprall aufs Trampolin etwas schwerer und drückt sich beim nach oben Federn etwas ab. Dadurch kommt sie ein wenig höher als beim letzten Sprung. Jetzt aus größerer Höhe fallend, drückt sie das Sprungtuch beim nächsten Aufprall stärker ein, wodurch sie beim nächsten Abstoß wieder höher kommt. Wichtig ist nur, sich im richtigen Moment anzuspannen und dadurch das Sprungtuch noch stärker zu dehnen statt selbst zusammengedrückt zu werden. Das Prinzip ist aber klar: man nutzt federnde Strukturen zur Speicherung der Aufprallenergie und gibt ein klein wenig Muskelkraft dazu, wenn es zum Abdruck kommt. Wichtiger als kraftstrotzende Muskelberge ist das Timing: wenn beim Aufprall die Spannung fehlt, drückt es den Springer zusammen wie einen frisch gekneteten Pizzateig.

Der Hauptspaß beim Trampolinspringen besteht in dem kurzen Moment der Schwerelosigkeit, die wir durch unser rhythmisches Aufschaukeln mit vergleichsweise wenig Krafteinsatz erreichen. Und jetzt zum Laufen: die Millisekunden, die wir zwischen zwei Schritten in der Schwerelosigkeit verbringen, sind kaum wahrzunehmen. Dafür drückt es uns aber auch nicht so fest ins Sprungtuch. Der Spaß beim Laufen ist also nicht die Schwerelosigkeit, sondern das rhythmische, elastische Federn. Und statt runter und hoch hüpfen wir runter und vor. Außerdem sind wir unser eigenes Sprungtuch, weil der Boden unter uns nicht nachgibt (zum Glück).

Schaffen wir es also, auf einem leicht gespannten Körper zu landen und uns mit dem Schwung der Arme wieder abzudrücken, können wir einen Rhythmus erzeugen, der ganz nahe an die Leichtigkeit der Trampolinspringerin oder die Leichtfügigkeit eines Tanzes heranreicht. Je kürzer wir die Muskeln spannen müssen, um mit Hilfe der elastischen Sehnen zu federn, umso weniger Kraft verbrauchen wir.

Ich habe inzwischen bei den langen Läufen eine Leidenschaft dafür entwickelt, dieses lockere, kaum Kraft kostende Laufen zu erspüren und – NATÜRLICH – in vollen Zügen zu genießen. Und selbstverständlich habe ich auch darüber nachgedacht, wie ich dieses Gefühl beschreiben kann, damit es einfach von allen Interessierten gelesen und reproduziert werden kann. Es würde mich freuen, wenn es mir gelänge, euch diesen Flow ins Ohr zu setzen. Doch leider: so viel Mühe ich mir auch immer gebe, es entgleitet mir. Entweder fehlen mir die Worte für das Körpergefühl, oder es klingt zwar nachvollziehbar, bringt aber beim Nachmachen nicht den gleichen Erfolg.

Also lass ich das bleiben und sage stattdessen: es lohnt sich, auf solche Weise in seinen Körper hineinzuhorchen, dass man den Unterschied zwischen einer kraftsparenden und einer kräftezehrenden Lauftechnik selbst spürt. Vielleicht ist es ja auch bei jedem ein bißchen anders. Das vielleicht einzige Rezept ist: immer wieder das Timing und die Bewegungen spielerisch modifizieren, mal mehr federn, mal mehr Armzug, mal mehr Beckenrotation und mal mehr Neigung nach vorne. Hat man es erst mal gespürt, trägt es sich von selbst und man geht von ganz alleine immer weiter, bis das Laufen so leicht wird, dass man sich selbst nach 30km fragen muss, ob man heute schon was für den Körper getan hat. Und dann fängt jeder Lauf mit dem Gedanken an: let’s dance!

2 Gedanken zu: Let’s Dance

  1. Hallo Wolfgang,

    Ich glaube das Gefühl zu kennen, das Du oben beschreibst. Und Du beschreibst es sehr gut – was wohl gar nicht so einfach ist. Tänzeln finde ich jedenfalls treffend. Ich stelle mir dabei zum Beispiel die rund wirbelnden Beine eines Pferdes beim Lockeren Traben vor…

    Da hat sicher jeder sein eigenes Bild.

    Mir gefällt die Konsequenz mit der Du das Barfußlaufen in diesem Blog beschreibst, inklusive deiner dazu passenden geistigen Haltung. Diese Konsequenz regt an selbst immer weiter zu gehen auf dem Weg zum Flow, oder wie ich es gerne nenne, dem mühelosen Lauf.

    Selbst bin ich offen gesagt weniger konsequent in Sachen Barfußlauf. Ich laufe eher barfußähmlich, d.h. Ich habe meine Technik über das Barfußlaufen verändert und setze das mittlerweile im Alltag lieber wieder in Minimalschuhen um. Der Grund ist, dass es mir so schlicht leichter fällt, das Laufen so in meinen Alltag zu integrieren.

    Ich werde mir auf alle Fälle auch zukünftig weitere Inspiration auf deinem tollen Blog hier holen 🙂

    Best Grüße
    Sebastian

    1. Hallo Sebastian,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Nicht nur wegen der Zustimmung, sondern weil ich dadurch auch auf deinen Blog aufmerksam wurde. Deine Leidenschaft, Phänomene analytisch zu sezieren, dein bunter Themen-Mix und die Freiheit, Dinge einfach auch mal auszuprobieren, das alles fühlt sich sehr verwandt an. Und dann noch dieses sympatische Biegemännchen! Genial!
      Bin richtig gespannt, was als nächstes kommt und wünsche dir mit deinem Laufen jede Menge guter Erfahrungen!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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