LSD = Langsam Schlamm Dunkelheit

Wer am Ende des Monats beim Marathon in Frankfurt startet, ist gut beraten, ein paar lange Strecken in sein Vorbereitungstraining einzubauen.

Abweichend vom Sprachgebrauch in der Drogenszene bezeichnen wir Läufer lange, langsam gelaufene Strecken als LSD (Long Slow Distance). Mein heutiges Erlebnis bringt mich jedoch dazu, unter LSD noch was anderes zu verstehen, nämlich langsam (wegen) Schlamm (in der) Dunkelheit.

Vorgenommen hatte ich mir eine Strecke von ca. 40 km, die ich in der Frühe barfuß laufen wollte. Die Jahreszeit brachte es mit sich, dass es – wollte ich gegen 10:00 Uhr zum Frühstück wieder zu Hause sein – bei Dunkelheit aufbrechen musste. Dunkel ist ja nicht schlecht, wenn ein gewisses Restlicht die Wege wenigstens grob erkennen lässt. Wer jedoch barfuß unterwegs ist, erwischt hier einen der wenigen Nachteile dieser Fortbewegungsart: man sieht nicht, worauf man tritt. Die Jahreszeit brachte es dummerweise auch mit sich, dass in den letzten Tage viele Bäume ihre Früchte fallen ließen, was je nach Härte der Fruchtschale unangenehme Kontakte erzeugte. UND: die Jahreszeit brachte es mit sich, dass die Temperaturen nur etwa zwischen 6 und 9 Grad lagen.

Wie geht der Barfuß-Fan mit sowas um? Er läuft langsam. Das ist nicht verkehrt, ganz im Gegenteil: durch das bewusst langsame Laufen wird – bei entsprechender Laufdauer – die Kapillarisierung der Muskeln gefördert. Darüberhinaus trainiert man auch noch den Fettstoffwechsel und erreicht damit eine ökonomischere Energiegewinnung. Leider führt ein Laufen, bei dem man erst beim Kontakt weiß, ob man wo draufgetreten ist, zu einem sehr tastenden Laufstil, den man um Himmels Willen nicht im Wettkampf einsetzen sollte.

Es war wie es war, und nach ca. 75 Minuten begann der Tag heller zu werden. Die Sohlen hatten allerdings schon jede Menge Fruchtschalen verkraften müssen und schleppten diese Hypothek nun bis zum Ende des Laufs mit sich rum, was bedeutete: sie fühlten sich etwas empfindlicher an. Schwamm drüber!

Ganz unangenehm war jedoch, dass die bäuerliche Erwerbstätigkeit auf vielen Feldwegen zu einem unebenen Schlamm-Belag geführt hatte, der nicht nur die Gefahr erhöhte, auf verborgene Steinchen zu treten, sondern auch das Risiko mit sich brachte, auszurutschen. Aber auch das war nach 75 Minuten erledigt und dann hieß es nur noch: den Rest genießen.

Als ich nach dem langen Stück an der Nidda entlang in Frankfurt-Höchst ankam, schalteten sich in der Fußgängerzone der Königsteiner Straße automatisch die Alarmglocken an: nochmal wollte ich nicht auf was Gläsernes treten und mir einen Riss in der Fußsohle zuziehen, so wie dies am 18.09. passierte (hier steht Näheres darüber). Also Augen ganz weit auf und ganz langsam durch das Teilstück laufen. Lustigerweise lag etwa an gleicher Stelle eine große grüne Scherbe, die ich wegen ihrer Farbe allerdings auch am 18.09. erkannt hätte.

Der Rest der Strecke – noch ca. 15 km – war dann eigentlich nur noch ein geduldiges Warten, bis ich zu Hause wieder ankam. Wegen der langsamen Pace (ca. 5:50er Schnitt) fühlte ich mich anschließend weder erschöpft noch durstig. Und das, obwohl ich vor dem Lauf nur 3 Schluck Wasser getrunken hatte. Die Außentemperaturen ließen Schwitzen ohnehin nur in geringem Umfang zu und der Flüssigkeitsverlust über die Atemluft war wohl zu gering für ein spürbares Durstgefühl. Geatmet habe ich übrigens während des gesamten Laufs in einem angenehmen 5:4 Rhythmus: 5 Schritte einatmen, 4 Schritte ausatmen. Und nur durch die Nase, aber das versteht sich bei so langsamer Atmung fast von selbst.

Das Frühstück danach hat mir sehr gut geschmeckt. Und die Füße? Während des Laufs habe ich mal an einer Ferse, mal an den Zehen das Gefühl ein wenig verloren, es kam aber immer nach längstens 3 km wieder. Kein Grund zur Panik! Ein klein wenig brennen jetzt – 5 Stunden nach Ende des Laufs – die Sohlen noch, wenn ich mich darauf konzentriere. Also alles in Ordnung.

Dann warten wir mal ab, ob LSD heute wirklich was gebracht hat 🙂

4 Gedanken zu: LSD = Langsam Schlamm Dunkelheit

  1. Hallo Wolfgang,

    Na da kann der Barfuß-Marathon ja langsam kommen 🙂 Ich wollte Dir eigentlich ein bisschen Kompensationstraining mit mir anbieten, aber wenn Du nach 4 Std mit 5:50er Pace nicht mal Durst hat, dann sollten wir lieber zusammen Essen gehen 😉 Ich bin nächste Woche von Mi-Fr mal wieder in der Nähe, vielleicht klappt es ja wieder. Ich melde mich aber nochmal per Mail.

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hi Sebastian,

      ob das mit dem Marathon ohne Schuhe klappt, hängt aus heutiger Sicht im wesentlichen mit den Bodentemperaturen am 30. Oktober zusammen. Bei weniger als 5 Grad werde ich mich vielleicht nicht trauen, ganz ohne zu laufen. Und ob die Zeit, die ich mir in meinen 3 Projekten für 2016 vorgenommen habe, erreicht wird, kann ich jetzt auch noch nicht sagen. Eine 4:37er Pace ist halt doch was ganz anderes als ein 5:50er Schnitt. Mal sehen.

      Was aber auf jeden Fall klappen sollte, ist ein gemeinsamer Lauf in meiner Gegend, wenn du in der kommenden Woche hier bist. Ich freu mich drauf!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Hi Wolfgang, ich hab ja immer noch ein riesen Respekt vor allen Barfuß-Strecken länger als 15 Kilometer. Macht richtig Spaß zu lesen, dass es nicht nur möglich ist, sondern auch unter widrigen Bedingung funktioniert solche lange Strecken barfuß zu laufen. Bin sehr gespannt wie du Frankfurt durchziehst.
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Hi Oliver,

      auch 15 km barfuß sind schon eine ganze Menge. Schätze, dass 99,9 % der Bevölkerung nicht dazu in der Lage wären. Und wahrscheinlich könnten es auch 98 % der Läufer nicht, auch wenn viele meinen, mit Barfußschuhen schon barfuß zu laufen. Du gehörst damit ohne Zweifel zu dem exklusiven Kreis derer, die sich trauen, das zu machen. Der Sprung von deinen 15 km zur Marathondistanz ist tatsächlich viel kleiner als der vom vermeintlichen Barfußläufer mit Fivefingers zum richtigen ohne irgendwelche Sohlen.

      Von Frankfurt werde ich erzählen, versprochen 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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