Maya – der (un)sichtbare Schleier

Im Hinduismus steht Maya für Wahrnehmungen, die uns hindern, die Welt (oder ihr wirkliches Wesen oder das Göttliche etc.) zu erkennen. Maya umschreibt damit mentale  – nicht leicht erkennbare – Aktivitäten, die uns vom Erleben der Einheit mit Welt/Kosmos/Gott (woran man auch immer als übergeordnete Existenz glaubt) trennen.

Meine Güte, was hat denn das jetzt bloß wieder rmit der Lauferei zu tun?

Nix! Wirklich nix?

Das verbindende Glied ist unser Gehirn, durch das wir die Welt inkl. uns selbst wahrnehmen und auch unser Tun (z.B.: Laufen) steuern. Dauernd schwätzt das komische Ding irgendwas. Wenn es etwas erkennen will, sucht es Bekanntes in der aktuellen Wahrnehmung. Wenn es den Wert von etwas rausfinden will, vergleicht es. Selten lässt es das Wahrgenommene einfach so stehen. Nicht mal bei unseren Innenwahrnehmungen (Was ist innen? Wo fängt außen an? Sind wir unser Körper oder besitzen wir ihn?) lassen wir die Vergleicherei sein, dabei ist es gerade das ständige Bewerten, das einen kaum zu unüberwindenden Graben zwischen dem Wahrnehmenden und der Wahrnehmung aushebt.

Wissenschafter haben nachgewiesen, dass Analphabeten die Welt (insbesondere die von Texten durchwirkte Umgebung, z.B.: Städte) intensiver erleben, weil ihre Aufmerksamkeit nicht dauernd von Text-Informationen abgelenkt und aufgezehrt wird. Wir Alphabeten (oder wie werden die Nicht-Analphabeten genannt?) erleben Dinge weniger unmittelbar, weil wir im Kopf ihre Bezeichnung vor uns hin murmeln. Die Bezeichnung ist nunmal nicht das Ding selbst, sondern bringt ihren eigenen Ballast mit und ihre eigenen endlosen Assoziationen, die nicht mehr viel mit dem in der Außenwelt Wahrgenommenen zu tun haben müssen.

gedankenwald

Und jetzt bringen gleich mehrere Hersteller hippe Datenbrillen, die unsere visuelle Wahrnehmung mit Zusatzinfos über die algorithmisch erkannten Objekte anreichern. Das führt zwar zum Anschein, die Welt immer mehr zu beherrschen, weil wir ohne Verzögerung alles Mögliche über das Gesehene lesen können, aber zu immer geringerem Enthaltensein in der Welt. Der Graben wird immer größer statt kleiner. Indem wir die Welt immer mehr beherrschen, entfernen wir uns von ihr. Wir nehmen uns die letzte Chance, uns in der Welt geborgen zu fühlen, weil wir uns nicht ihr gegenüber öffnen (und das Risiko zulassen, dass sie uns auch mal schadet), sondern sie unserem Kontrollzwang unterordnen.

Und was hat das jetzt mit der Lauferei zu tun?

Alles!

Geht raus in die Natur, so wie ihr seid, ohne kontrollierende Technik (GPS, Pulsmesser, Outdoor-Navi und Streckendoku im Web, fräsende Trailschuh-Profilsohlen und den ganzen anderen Müll von morgen); liefert euch der Natur aus und lasst euch von ihr aufnehmen. Und fühlt euch geborgen. Ohne Denkbrett vorm Kopf. Das ist gar nicht so leicht, denn das Denkbrett ist wie eine schwere runde Scheibe, die sich einfach weiterdreht, auch wenn man sie nicht mehr anzutreiben versucht. Am schlimmsten wird es, wenn man sie anhalten will; dann dreht sie sich einfach in die Gegenrichtung weiter. Denken durch Denken zu stoppen ist wie Abnehmen durch Völlerei.

Wenn man lange genug aufgehört hat, gegen das Denkbrett zu kämpfen, geht manchmal der Maya-Schleier auf und man sieht, was wirklich da draußen los ist. Beim Laufen geschieht mir das nicht so selten. Es ist ein Geschenk. Aber nicht danach grabschen (auch der Gedanke „das will ich öfters erleben“ ist Denken)! Es verhält sich so wie das Wasser in der Hand: je mehr man versucht, es durch Greifen festzuhalten, umso schneller rinnt es einem zwischen den Fingern davon.

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