nang belba!

Schon als kleines Kind konnte ich es nicht ausstehen, etwas nicht selbst zu können.
Ob es das Laufen war oder das Füttern der Enten, immer wollte ich auch können, was ich bei anderen gesehen hatte.

laufenNicht  immer entsprach das Ergebnis meinen Erwartungen, vieles konnten meine Eltern einfach noch sehr lange besser.

entenbrot_essenAm wichtigsten war mir immer ein kleines Erfolgserlebnis am Beginn meiner Bemühungen als Beweis der grundsätzlichen Machbarkeit. Der Rest durfte sich dann entwickeln.

Das Selberkönnenwollen hab ich auch gerne kommuniziert: als ich sprechen lernte, habe ich ziemlich oft „nang belba!“ gerufen, was nichts anderes heißt als „Wolfgang selber!“ oder einfach: „Lasst mich das selbst machen, ich traue es mir schon zu!“.

Ich denke, jedes Kind tickt so. Kaum vorstellbar, dass man auf andere Weise eine gewisse Unabhängigkeit erreichen kann. Unterschiedlich ist nur der Grad an Unabhängigkeit, den wir anstreben.

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Bei vielen Jugendlichen und Erwachsenen scheint die Lust am Selberkönnen inzwischen zu schwinden: immer mehr Menschen überlassen immer wichtigere Entscheidungen immer mächtigeren Algorithmen, die sie über ihren kleinen handlichen Zauberkasten nutzen. Sie glauben, die Welt mit dem Smartphone steuern zu können und merken gar nicht, wie sie selbst von den Algorithmen gesteuert werden – oder warum sonst wirken alle Smartphone-Junkies, die mich beim Entgegenkommen fast umrennen, so ferngelenkt in ihrer eingerollten Körperhaltung?

Ich fühle mich schon schlecht, wenn ich einem Navi vertrauen soll. Nicht weil die Dinger den Weg zum Ziel nicht perfekt fänden, sondern weil ich den Weg dann nicht selbst kenne.
Lieber schaue ich mir auf der Karte (muss kein Papier sein, geht auch online, ich bin ja kein Technikfeind!) die Strecke an, merke mir die großen Orte auf der Strecke und schaue mir dann das Zielgebiet im Detail an. Selten habe ich mich auf diese Weise verfahren, ganz im Gegenteil: ich habe dabei ein jederzeit orientiertes Gefühl, ganz anders als in meiner aktiven Navi-Zeit (ja, auch ich war mal begeisterter Nutzer).

Niemals würde ich einem Algorithmus erlauben, Entscheidungen für mich zu treffen, denn:
bestenfalls kennt er mich gut (auch ich produziere meinen Anteil an Big Data) und empfiehlt mir deshalb auch nichts Neues, sondern maximal das, was vergleichbare Personen (er weiß also, wer mir ähnelt!) wollen. So entsteht nichts kreativ Anderes und einer der wesentlichen Treiber der Evolution, der Zufall, wird eliminiert.

Lese ich den Anfang des letzten Absatzes nochmal, wird mir klar, wie illusionär bereits heute mein Anspruch eigener Entscheidungen ist. Jede Google Suche zeigt mir, was Google für mich als das Richtige bestimmt, und nicht, was es tatsächlich alles im Web gibt. Entscheide ich mich also nach einer Google-Suche für oder gegen etwas, so hat zuvor schon Google meinen Entscheidungsrahmen festgelegt.
Ich kann das nicht ändern, aber wenn ich’s weiß, kann ich das wenigstens berücksichtigen.

Die besten Erfahrungen mit Entscheidungen habe ich im Zusammenhang mit Menschen gemacht, die mir etwas bedeuten: ein für meinen Barfuß-Läufer-Werdegang entscheidendes Buch („BAREFOOT RUNNING“ von Michael Sandler und Jessica Lee) hat mir ein ChiRunning Instruktor empfohlen, nachdem wir schon einige gemeinsame Läufe und Gespräche hinter uns hatten. Unnötig zu sagen, dass diese Empfehlung ein ganz anderes Gewicht hatte als die Likes bei Facebook.

Direkte Kommunikation mit Menschen macht glücklich und befähigt uns zu erfüllenden, tragfähigen Entscheidungen. Damit es auch wirklich unsere eigenen sind. So wie die Entscheidung, barfuß ohne Ballast zu laufen: nang belba, was brauch‘ ich Schuhe, wenn ich Füße habe?

Ein Gedanke zu: nang belba!

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