Rauhes Pflaster Düsseldorf

Viel bin ich gelaufen in den letzten Monaten. Oft über 100 km die Woche. Weil es so viel Spaß gemacht hat und – wie ich dachte – eine prima Vorbereitung ist für einen Marathon.

Gestern war es dann so weit: die 42,195 km wollten schnellst möglich (!) gelaufen werden, also kein Genussmarathon wie mein erster ohne Schuhe und auch schneller als mein zweiter. Terminlich war der Marathon in Düsseldorf auch gut gelegen, und die Anreise mit dem Zug ging entsprechend flott.
Mein Lebenstraum – einmal barfuß unter 3 Stunden – schien zum Greifen nah. Das Training, meine Kondition, die Verfassung: alles war darauf vorbereitet, mich den 3 Stunden zu nähern. Sogar die Festigkeit meiner Sohlen hatte ich in den letzten Wochen bewusst in das Training mit einbezogen und gehofft, dass ich mir die Blasen im Training zuziehe, um beim Wettkampf davon verschont zu bleiben.

Wenn ich nun gleich verrate, dass ich mit 3:11:24 doch eher weit von meinem Traumziel gelandet bin, dann verrät das schon, dass irgendwas schief gegangen sein muss.

Aber alles der Reihe nach…

Pünktlich zum Start setzte Regen ein, der die Bedingungen für die nackte Sohle verschlechtert: glatter Boden wird rutschiger und die Sohlenhaut wird etwas weicher, was bei langen höheren Belastungen schon mal in Rissen enden kann. Dennoch fand ich es auf den ersten Kilometern nur für die Füße anstrengender als im Training, mit den Zugläufern mit  dem 2:59er Fähnchen mitzulaufen. Die Geschwindigkeit kam mir nicht sehr fordernd vor. Ich dachte mir einfach, wenn ich dran bleibe bis wenige km vor dem Ziel und dann nur wenig nachlasse falls es zu anstrengend wird, kommen die 3 Stunden in greifbare Nähe.

Leider wurde mir schon etwa nach 10 km klar, dass der Asphalt viel rauher ist als ich ihn z.B. von Frankfurt kenne, und deshalb nicht nur die Füße mehr arbeiten müssen. Die Quittung habe ich dann etwa bei km 14 bekommen, wo ich die 2:59er Fahnen davonziehen lassen musste. Ab km 17 habe ich dann zunehmend die ungewohnte Muskelbelastung gespürt und durfte ab da eine harte Lektion in Durchhalten lernen. Meine Kopf-internen Diskussionen erspare ich euch hier; erstens weil sie jeder kennt, der in längeren Läufen irgenwann auf dem Zahnfleisch läuft, und zweitens, weil sie niedergeschrieben jedes Blog-Format sprengen würden. Nur eines kam immer wieder vor: es wird nicht aufgegeben, basta!

Die letzten 25 KM (darin 2 Steh- und Gehpausen von ca. je 1 Min.) waren in dieser Art einzigartig und werden meine Marathonerfahrungen nachhaltig prägen.

Als ich dann ins Ziel kam, stand 3:11:27 auf meiner Uhr (offiziell: 3:11:24) und ich war unendlich glücklich, nicht aufgegeben zu haben. An meinen Sohlen hat der Asphalt je Fuß 3 Blasen hinterlassen, die wunderbarerweise nicht aufgerissen sind. Bis zum Abend sind sie aber so prall geworden, dass an ein Auftreten nicht mehr zu denken war. Im Pulsrhythmus pochten die Füße und ich habe lange wach gelegen, weil das Pochen sehr schmerzhaft war. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen und heute früh war der Schmerz – im Liegen – weg. Stehen und vor allem Gehen ist dann schon wieder ’ne andere Nummer, vor allem wenn man nicht auf die Blasen treten will, die blöderweise genau an den Stellen sind, mit denen man als erste den Boden berührt. Ein erstes kurzes Gassi mit Emily ging aber schon wieder.

Wenn die Heilung so weitergeht wie seit gestern abend, werde ich morgen wieder unauffällig gehen können und bis zum Wochenende ist alles ausgeheilt.

Die Story neben der Story

Am Vorabend des Laufs habe ich mich mit Oliver (https://immerweiterlaufen.de/) getroffen. Wann hat man sonst eine so gute Gelegenheit, sich außerhalb der Blogs mal über alles auszutauschen, was das Läuferherz so antreibt. Und über vieles mehr…
Wir haben uns dann alles Gute gewünscht, wohl wissend, dass wir uns in dem Gewimmel am Start sicher nicht sehen werden.

Umso schöner war es, als wir uns dann hinter dem Ziel wiedergesehen haben und erzählen konnten, wie das Rennen bei uns so gelaufen ist.

Hat Lust auf eine Wiederholung gemacht, vielleicht mal in Frankfurt – auf weicherem Pflaster 🙂

Fazit

Alles in allem bin ich zufrieden, vor allem wegen der Durchhalterei. Vielleicht wäre es ja besser gelaufen, wenn meine Sohlen im Winter öfters mal den Boden direkt abgekriegt hätten, aber weil’s oft Schneematsch gab und die Leute bei uns viel Salz gestreut haben, wollte ich mir das nicht antun.

Hätte – wäre – wenn!

Es ist wie es ist, und so ist es gut. Und ganz besonders wegen Oliver hat es sich richtig gelohnt!

7 Gedanken zu: Rauhes Pflaster Düsseldorf

  1. Lieber Wolfgang, nach wie vor: mein dicker Respekt für Deine Leistung! Einfach der Hammer dass Du unter diesen Bedingungen so eine Zeit laufen konntest. Unterwegs sind Läufer aus ganz anderen Gründen eingeknickt, nur der Barfußläufer zieht „einfach“ durch. Man könnte das Rennen nun auch als „Generalprobe unter widrigen Bedingungen“ ablegen, ich bin mir sicher Du knackst die 3:00 noch unter normalen Bedingungen. Und genau „hätte-wäre-wenn“, spielt keine Rolle, es Deine bisherige Barfußbestzeit auf der Distanz. Das zählt.
    Mich hat es wahnsinnig gefreut Dich im Zielbereich wieder zu finden und gemeinsam die letzten Meter zum „Buffett“ zu trotten, danke fürs Warten 🙂 Und falls Frankfurt klappt, dann legen wir beide noch eine kleine Schippe drauf.
    Erhol Dich gut, Deine Füße und Seele haben es reichlich verdient.
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      bei so viel Lob werd ich ganz rot. Und auch ein bisschen stolz, aber nur ein bisschen, weil ich einfach zu spät gemerkt habe, was da mit mir passiert.

      Jetzt – mit zeitlichem Abstand von ca. 30 Stunden nach Zieleinlauf – hört der innere Läster-Drecksack endlich auf mit seinem andauernden „wärste mit Schuhen gelaufen, hättste jetzt keine Blasen“. Und warum: weil ich jetzt – nach dem 2. Gassi mit Emily – schon flotter unterwegs bin und man der Heilung fast zusehen kann, so schnell geschieht sie. Und so was passiert mir tatsächlich erst seitdem ich komplett auf natürliche Strukturen setze. Auch das ist – neben reichlich anderen – ein Grund für meine Liebe zum Laufen ohne Schuhe.

      Lass es dir gutgehen in den kommenden Tagen, genieß‘ den Feiertag und bis demnächst!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang,
    ich finde die Zeit, egal mit welchen Schuhen, ganz beachtlich. Aber dann auch noch barfuß auf Asphalt? Das wäre mir definitiv zu heftig, da ich bei Strecken über 20 Kilometer grundsätzlich mit Schutz an den Sohlen laufe…da fehlen mir noch ein paar Jahre Barfuß-Erfahrung 😉
    Schön, dass das Treffen mit Oliver geklappt hat und ihr euch auch noch im Ziel getroffen habt. So was ist dann immer noch das i-Tüpfelchen.
    Alles Gute für Deine Sohlen

    Salut

    1. Lieber Christian,

      vielen Dank für die guten Wünsche für meine Sohlen. Jetzt – 2 Tage nach dem Lauf – bin ich mit der Regeneration der Sohlen etwa zur Hälfte durch. Schätze, dass ich in zwei Tagen wieder völlig normal gehen kann. Ein erster Lauf wird dann Anfang nächster Woche drin sein. Auf den freu‘ ich mich jetzt schon wie ein Kind aufs Weihnachtsfest.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  3. Lieber Wolfgang, war ein paar Tage unterwegs, habe aber euer Abenteuer via Smartphone verfolgt. Erst einmal ganz herzlichen Glückwunsch zu deinem Ergebnis, mehr noch zu deinem Durchhaltevermögen, so manches Weichei wäre aus dem Lauf ausgestiegen, dafür einen Extra Bonus für DICH, das gefällt mir, aussteigen kann jeder, du hast dich durchgebissen. Ganz schön mutig, barfuß an den Start zu gehen, und du hast dafür leider auch büßen müssen, ganz schön hart, ich glaube, das hätte ich nicht getan, aber – wie sagt man so schön : Schmerzen lehren Denken und Denken macht weise !! 😉

    Erhole dich gut, und in Frankfurt, das schrieb ich gerade bei Oliver, wird es noch besser, vorausgesetzt, ihr bleibt so fit wie jetzt, denn – aber das weißt du ja – der genialste Zieleinlauf erwartet euch .

    Liebe Grüße an deine Füße, sie habe ein besonderes Lob verdient ! 😎

    1. Liebe Margitta,

      vielen lieben Dank für deine Zeilen (und deine Anteilnahme). Hinterher ist alles ja nicht mehr so schlimm, und wenn ich mich jetzt wieder an den Lauf erinnere, dann fallen mir die ersten 10 km ein (ein geniales Gefühl trotz des rauhen Asphalts) und im weiteren Verlauf mein Dauer-Argument gegen den Aufgebe-Schweinehund: „wenn ich einfach nur immer weiter laufe, bin ich garantiert irgendwann im Ziel. Und gegen drohende Krämpfe hilft ‚runter vom Gas‘„.
      Das hat doch prima hingehauen, und tatsächlich kam ich dann irgendwann an.

      Die Grüße habe ich ausgerichtet, meine Füße haben sich sehr gefreut. Und schon heute können sie es kaum noch abwarten, wieder losrennen zu dürfen, aber das hab ich ihnen bis Ende der Woche noch verboten.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  4. Sehr vernünftig, dass du es ihnen verboten hast, aber hoffentlich in einem angenehmen Ton, damit sie dir danach die Dienste nicht verweigern !! 😉

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