Regenwald

Michael Sandler, der US-amerikanische Barfuß-Läufer, bekennt in seinem Buch „Barefoot Running“, dass er es liebt, wenn ihm der Matsch durch die Zehen quilt.

Ich hatte damit immer meine Schwierigkeiten, denn in meinem Laufrevier gibt es keinen Matsch, der nicht kleinere oder größere Steine verbirgt. Einfach so in ein Schlammloch treten verbiete ich mir daher genauso wie das eigentlich lustvolle „in die Pfütze tappen“, denn auch am Grund von Pfützen liegt manchmal scharfkantiges Zeug, auf das man niemals barfuß treten möchte.

Heute war es unmöglich, Matsch und Pfützen zu vermeiden. Wir wurden zwar von den schlimmsten Auswüchsen der heftigen Regenfälle verschont, die zur Zeit unser Land überziehen, aber für eine komplette Durchwässerung meines Waldes hat es gereicht.

Der lange und oft auch heftige Regen spült alle erdigen, weichen Teile des Weges weg, so dass nur noch eine harte, steinige Oberfläche bleibt. Dort, wo die Erdpartikel von den Wassermassen hingespült werden, entstehen sumpfig-nasse Wegesränder, deren Grund aber nach wie vor steinig ist. Bis man den Grund spürt, spritzt der Matsch durch die Zehen senkrecht hoch und paniert die Beine, so dass man eher aussieht wie ein aussätziger Leopard.

Nasse, matschige Verhältnisse kannte ich auch schon, als ich noch mit Schuhen unterwegs war. Der Unterschied zum Barfußläufer: Schuhe verspritzen den Dreck wegen der geschlossenen Sohle zur Seite hin, so dass man sich jeweils das freie Bein oder aber einen parallel mitlaufenden Kollegen paniert.

Verständlich, dass jetzt jeder Nicht-Barfüßler sich fragt: „Wenn das alles so unangenehm ist, warum läuft der denn dann nicht mit langen Hosen und wasserdichten Trail-Schuhen?„. Ganz einfach: für lange Hosen ist es zu warm und für Trail-Schuhe haben sich meine Füße schon viel zu sehr an die Freiheit gewöhnt, die sie ohne Schuhe haben.

Der Preis der Freiheit ist, dass ich nicht immer so schnell vorwärtskomme, wie ich es bei einem freundlicheren Untergrund könnte, und so mutiert das Laufen streckenweise zu einer schnellen Aneinanderreihung von Tippelschritten.

Und jetzt der finale Grund für die scheinbare Mühsal: vor 5 Jahren hätte ich im Wald
bei diesen Verhältnissen gerade mal Spaziergänger-Tempo ertragen. Vor 3 Jahren konnte ich schon langsam traben. Letztes Jahr gings schon schneller, aber höchstens eine 5 km-Runde. Dieses Jahr schaffe ich 2 – 3 Runden in einer Geschwindigkeit, die schneller ist als die der meisten Hobbyläufer im Wald.

Das Wachstum ist deutlich zu erkennen, und wenn ich mir vorstelle, wie das in 2 – 3 Jahren wird, wenn das so weitergeht, dann war keine einzige Einheit umsonst, bei der ich den Boden als unangenehm empfand. Es ist ein langer Weg zurück, aber ich habe das sichere Gefühl, dass er nach Hause führt.

Was die Ursache der typischen Läufer-Wehwehchen betrifft, bin ich mir inzwischen hochgradig sicher, dass diese vom Laufen in Schuhen verursacht werden: seit ich barfuß unterwegs bin, kenne ich Achillessehnenprobleme und verhärtete Waden nur noch vom Hörensagen.