Reine Zeitverschwendung

Laufen kostet Zeit. Wer regelmäßig läuft, weiß das. Umziehen, Laufen, wieder Umziehen, Duschen, Auswerten, Mitteilen usw.. Alles braucht Zeit. Zeit, die wir nicht haben, weil wir eine hoch entwickelte Vorstellung haben, wie wir unsere Zeit verbringen möchten, damit wir möglichst viel von ihr haben.

Die Vorstellung eines ausgeklügelten Zeitmanagements rund um das Laufen ist mir unsympatisch. Wenn mein Lauf so in den Tag eingebaut ist, dass die nächste Aktivität ohne Verzögerung begonnen werden kann, stimmt was mit dem Laufen nicht, oder?

Vielleicht ist ja gerade das Laufen dazu in der Lage, uns aus dem Sumpf der Zeiteffizienz rauszureißen. Zeit effizient nutzen steht heute über allem. Wir essen im Gehen, telefonieren während des Autofahrens, Simsen während des Essens, wetteifern im Multitasken und versuchen, immer mehr Aktivität in die vorhandene Zeit reinzupressen, als ob wir sie damit ausdehnen könnten. Am Ende eines solchen gepressten Jahres – zu Sylvester, wenn wir rituell über das abgelaufene Jahr reflektieren und die Erwartungspäckchen für das neue schnüren – fühlen wir, dass das Jahr nur so an uns vorbeigerauscht ist. Schlimmer noch: je mehr Erlebnisse wir in die Zeit pressen, umso weniger scheint es von ihr zu geben.

Ich wiederhole mich: gerade das Laufen kann uns die Zeit zurückgeben, die wir mit ihm verbrauchen. Das liegt einfach daran, dass es so langsam geht. Wenn wir 10 km im 6er Schnitt laufen, brauchen wir eine Stunde. Wollen wir diese Zeit komprimieren, müssen wir schneller laufen, was jedoch nicht beliebig steigerbar ist. Ein 4er Schnitt strengt schon ziemlich an, wenn wir ihn 10 km lang durchhalten wollen, und wir laufen dann immerhin noch 40 Minuten lang.
Wir können auch während des Laufens nicht beliebig andere Dinge erledigen, dazu wackelt es viel zu sehr und wir müssen auch tiefer und schneller atmen, so dass sich ganz lange Sätze einer Läufer-zu-Läufer-Unterhaltung von alleine verbieten. Wir laufen also einfach so weiter, bis die geplante Strecke zu Ende ist. Oder noch ein bißchen weiter, wenn es uns Spaß macht.

Die Langsamkeit des Laufens zwingt uns, das Hier und Jetzt zu akzeptieren. Und weil wir nicht so viel auf einmal, sondern eines ganz intensiv tun, fliegt die Zeit auch nicht an uns vorbei, als wolle sie uns schnell hinter sich bringen, im Gegenteil: sie ist für uns da, nimmt uns auf und lässt uns ganz langsam durch sie hindurch gleiten. Das tiefere, intensive und emotionale Erleben bleibt auch viel besser im Gedächtnis als die vielen kleinen hektischen Aktivitäten des Alltags. Manchmal lasse vor dem Einschlafen nochmal den morgendlichen Lauf Revue passieren. Ich bin erstaunt, an wie viele Eindrücke ich mich noch erinnern kann, wo mir welche Menschen entgegen kamen, und wie Wind, Wetter und Sonne an welcher Stelle wirkten. Und dann habe ich den Eindruck, ganz ganz viel erlebt zu haben an einem Tag, der vor Zeit nur so strotzte.

Beschenkt euch doch einfach reichlich mit Zeit, in dem ihr sie bei langen Läufen im Übermaß verschwendet. Je mehr, desto besser. Man kann nie zu viel Zeit auf diese Weise verschwenden, denn immer kommt – gefühlt – ein Vielfaches der Zeit wieder zurück.