Resonanz

Seit dem ich 2001 mit dem Laufen angefangen habe, gab es keine so lange Zeit des Nichtlaufens wie die vergangenen 4 Wochen. Und wenn ich nicht müde werde, von der Stärkung des Immunsystems durch Barfuß-Laufen zu berichten, so ist es doch umso unangenehmer für mich, dass es ausgerechnet eine Virusinfektion war, die mich die letzten Wochen lahmgelegt hat. So durfte ich das volle Programm über Schluckbeschwerden, Schnupfennase, Kopfschmerzen, unstillbarem Hustenreiz, zermürbender Schlappheit und unruhigen Nächten erleben.

Immerhin konnte ich während der Liegephasen ein 800 Seiten starkes Soziologiebuch lesen: der Jenaer Professor Hartmut Rosa hat es verfasst. Es hat den Titel „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“ und es hat auf der Rückseite des Einbands die absolute Kurzzusammenfassung: „Resonanz bleibt das Versprechen der Moderne, Entfremdung aber ist ihre Realität.“

Warum schreibt ein Barfuß-Laufen-Blogger wie ich über ein Soziologie-Buch?

Weil es mir aus der Seele spricht

Noch ganz am Anfang (S. 84) geht Rosa auf das Verhältnis ein, im dem schon die Jüngsten in (oder auf) der Welt stehen und damit eine Beziehung zu ihr begründen:

Gewiss macht es einen Unterschied, ob wir barfuß oder beschuht in die Welt gestellt sind. Und während sich die „nackte Erde“ dem Fuß bereits als hart, spröde oder kalt und abweisend, ja als feindlich, oder aber als weich und feucht, „entgegenkommend“ und federnd – also kurz: als responsiv oder aber als repulsiv entgegenstellen kann, werden alle diese Beziehungen durch festes Schuhwerk nivelliert und auf Distanz gebracht.

Es geht beim Thema Resonanz darum, wie wir auf die Welt zugehen und wie sie uns antwortet: responsiv, wodurch wir eine lebendige, Energie-reiche Beziehung aufbauen können, oder repulsiv – zurückweisend, was nicht nur für die Allerkleinsten ein psychisches Desaster sein kann. Das Buch beschreibt alle wesentlichen Ebenen, auf denen wir Beziehungen zur Welt suchen und auch die Gründe, warum wir sie in der heutigen Zeit, in der es mehr um die Beherrschung der Welt als um den Aufbau befriedigender Beziehungen (zum Nächsten, zu Hobbies und Leidenschaften, zu Politik und Geschichte, auch zu den Dingen, die wir konsumieren), immer weniger finden.

Für mich als Läufer, dem die Körperlichkeit extrem wichtig ist (maximales Spüren des Bodens, intensives Genießen der Bewegung durch immer feinere Propriozeption) beschreibt Rosa sehr präzise, nach was ich mich sehne und was mich intensiv glücklich und zufrieden macht, aber auch die vielen entfrendenden Momente unserer heutigen Zeit, die von misslungenen Versuchen zeugen, stabile Resonanzachsen aufzubauen.

Weil es die unangenehme Dynamik unserer Zeit analytisch erklärt

Wie schon öfter in meinen Blog-Beiträgen, die sich nicht nur mit dem Laufen beschäftigen, kritisiere ich Entwicklungen, die meinem Empfinden nach in die falsche Richtung gehen:

  • Die zunehmende Benutzung von Smartphones mit dem Versprechen, uns immer mehr Welt zu erschließen, bei offensichtlicher Verschlechterung so vieler Beziehungen zur Welt (zu uns: Handynacken; zur Gegend: Verlust der Orientierungsfähigkeit dank allgegenwärtiger Navis; zu unseren Nächsten: verarmte Kommunikation über Texte statt über Gestik / Mimik / Berührung).
  • Der immer weiter fortschreitende Konsumismus, der vielen von uns als alleinige Quelle eines gelingenden Lebens erscheint, und der uns doch – je mehr wir konsumieren – wie einen Drogensüchtigen immer tiefer ins Elend stürzt, wenn der dauernde Konsum ins Stocken gerät oder unsere Mittel nicht mehr ausreichen, ganz zu schweigen von der mit dem wachsenden Konsum verbundenen Vernichtung natürlicher Ressourcen.
  • Die wachsende Orientierungslosigkeit, die immer mehr Menschen ihr Heil bei Populisten suchen lässt, die zwar nicht selten auf reale und drängende Probleme hinweisen, deren Lösungen aber immer nur ihre eigene Position und Machtgier stärken und letztlich zu Eskalation und Gewalt gegeneinander ausgespielter und aufgehetzter Menschen führen.

Hartmut Rosa beschreibt die Mechanik einer auf Wachstum angewiesenen Wirtschaft, die zu diesen entfremdenden Erscheinungen führt, als logische und zwangsläufige Resultate einer Entwicklung, die nur mit immer größerer Beschleunigung ihren Status quo und den materiellen Wohlstand halten kann. Was ich immer als unangenehme Begleiterscheinungen der heutigen Zeit empfand, bringt er präzise und analytisch auf den Punkt.

Weil es eine mögliche Perspektive aufzeigt

Wieder zurück zum Laufen: was mir dadurch gelingt, dass ich meine Beziehung zum Laufen nicht als Beherrschung („meinen Körper werd‘ ich schon bezwingen“), sondern als vibrierende Liebesbeziehung (es ist nicht schlimm, wenn man mal 4 Wochen krankheitsbedingt nicht läuft, aber es ist unendlich schön, nach dieser Zeit wieder die Welt unter den nackten Füßen zu spüren; das ist schon fast erotisch!) gefunden habe, könnte für sehr viele Themen des aktuellen Lebens ebenfalls funktionieren. Wie das gelingen kann, ist im letzten Teil des Buchs geschrieben, der für mich eine schöne Vision einer besseren Zukunft bietet: ohne unser Wirtschaftssystem durch andere Modelle zu ersetzen, die ihr Versagen bereits mehrfach bewiesen haben (Zentralverwaltungswirtschaft), muss aber die blindlaufende kapitalistische Verwertungsmaschinerie durch wirtschaftsdemokratische Institutionen ersetzt werden und – das liegt mir selbst sehr am Herzen – es muss ein bedingungsloses Grundeinkommen – finanziert aus den unendlichen Reichtümern, die jetzt und in naher Zukunft vererbt werden – geschaffen werden, um die Nöte der Menschen, deren Jobs immer mehr von Maschinen und Algorithmen vernichtet werden, auf ein Minimum zu reduzieren, damit auch sie an einem gelingenden Miteinander teilhaben und mitwirken können.

Ich habe nur dieses eine Leben, und ich möchte alles Lebenswerte, das ich durch meine so befriedigende Resonanzbeziehung zum Laufen erfahre, so gerne auf viele andere Menschen übertragen. Jeder hat gute Beziehungen zur Welt verdient, auch ohne irgendwelche Vorleistungen.

Ach ja: den ersten Lauf nach meinem Infekt habe ich schon wieder genossen. Ich liebe das Laufen und freue mich, wieder dabei sein zu dürfen!

2 Gedanken zu: Resonanz

  1. Lieber Wolfgang, ich bin ganz bei dir, am besten jedoch gefällt mir dieser Satz:

    “ Ich habe nur dieses eine Leben, und ich möchte alles Lebenswerte, das ich durch meine so befriedigende Resonanzbeziehung zum Laufen erfahre, so gerne auf viele andere Menschen übertragen. Jeder hat gute Beziehungen zur Welt verdient, auch ohne irgendwelche Vorleistungen.

    Danke dafür und ein DICKES JA !

    Hast sehr lange aussetzen müssen, aber die Zeit bestens mit dieser Lektüre genutzt – und man lernt sowieso alles erst recht schätzen, wenn man es nicht mehr hat, in deinem Fall zum Glück nur zeitweise !

    1. Liebe Margitta,

      ich hätte wetten können, dass du das genauso siehst, hast du doch auch eine liebende Beziehung zum Laufen, und das schon so viel länger als ich. Das mit dem Aussetzen – auch wenn es annähernd vier Wochen waren – war nicht so schlimm. Erstens hab ich mich sowieso nicht in der Lage gefühlt zu laufen und zweitens hatte ich NULL Zweifel, dass es mich gleich beim ersten zaghaften Wiedereinstieg wieder „“packen“ wird, genau so wie wenn ein geliebter Mensch nach einem längeren Auslandsaufenthalt wieder nach Hause kommt.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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