Schaukeleffekte

Die Anfänge meines Schaukelns liegen im Dunkeln. Ich vermute, alles begann in einer Kinder-Sicherheitsschaukel, mit Stangen statt Seilen und einem Sitz statt einem Brett. Sicher haben mich meine Eltern in den Sitz verfrachtet und immer wieder sanft angeschubst. Und ganz sicher hat mir das einen riesen Spaß gemacht.

Irgendwann muss ich auf eine normale Schaukel umgestiegen sein. „Gut festhalten“ haben meine Eltern gesagt, wohl wissend, dass sie mir vertrauen müssen, auch wenn sie mit ausgebreiteten Armen um die Schaukel herum standen. Sicher beobachteten sie gespannt, wie ich versuchte, die Schaukel zum Schwingen zu bringen. Natürlich am Anfang mit der nächstliegenden Idee, mit den Füßen gegen den Boden zu schubsen. Bis ich merkte, dass man ja auch durch einfaches Ändern der Körperhaltung den Schwung erhalten und sogar noch verstärken kann. Ohne den Boden zu berühren! Ab da wurde das Leben interessant…

Wie immer: die Haltung macht’s

Eigenartigerweise kann ich mich noch genau an das seltsam-schöne Gefühl erinnern, als ich während des Schaukel-Schwingens mein Gewicht verlagerte. Ohne genau zu wissen, warum die Schaukel angetrieben wird, wenn man sich abwechselnd aufrichtet und dann wieder lang macht, fühlte ich die dadurch entstehende Beschleunigung. Und ganz schnell war ich mächtig stolz darauf, immer höher schaukeln zu können. Als dann ab einer bestimmten Höhe das Seil locker und das Schaukeln ruckelig wurde, merkte ich – ein wenig enttäuscht – die Grenzen der Physik. Für einen Überschlag hätte es schon ein an Stangen hängender Sitz sein müssen, aus dem ich wahrscheinlich kopfüber rausgeplumpst wäre. Aber das Prinzip, nicht nur durch die richtige Haltung, sondern durch die richtige Änderung der Haltung zur richtigen Zeit etwas antreiben zu können, war begriffen.

Schaukeleffekte beim Laufen

Ich hätte nicht so weit ausgeholt, wenn sich das Grundmuster des Schaukelns nicht bei unserer Lieblingsbeschäftigung – dem Laufen – erkennen ließe.

Als erstes kann man das Muster bei der Laufbewegung selbst erkennen. Durch Aktivierung bestimmter Muskeln zum richtigen Zeitpunkt treiben wir uns an. Egal wie dies von den verschiedenen Technik-Gurus jeweils interpretiert wird: ohne das rhythmische Arbeiten der Muskeln in Armen, Rumpf und Beinen kämen wir keinen Meter weit. Natürlich brauchen wir auch die Schwerkraft. Um unsere Sehnen und Muskeln zu dehnen. Ohne Schwerkraft klappts auch bei der Schaukel nicht, daher gab es auf der Mir auch keine.
Genauso schlimm wäre es, die Bewegung zum falschen Zeitpunkt auszuführen. Timing ist wichtiger als Kraft! Beim Schaukeln sind auch muskulär dürftig ausgestattete, schwere Menschen in der Lage, sehr hoch zu kommen, wenn sie ein gutes Timing-Gefühl haben. Das ist überhaupt keine Frage von Gewicht oder Muskelmasse.

Die zweite Erscheinungsform des Schaukelmusters steckt in allen guten Trainingsplänen. Auch hier ist es essentiell, im richtigen Rhythmus anzuspannen und zu entspannen. Ein Trainingsplan, der nur harte Einheiten enthält, wird den Athleten schnell auspowern. Die regenerativen Einheiten – auch die Pausentage – machen die eigentliche Qualität des Trainings aus. Mit gutem Timing schaukelt sich die Fitness immer höher. Bis die physikalischen Grenzen erreicht sind und das System beginnt, unstabil zu werden. Wie das Schaukelbrett am Seil.

Auch spezielle Anpassungen nutzen das Schaukelmuster: vorgestern z.B. habe ich meinen blanken Fußsohlen knapp 12 km zugemutet, davon 10 im matschig-nasskalten steinigen Wald. Wäre ich gestern wieder barfuß unterwegs gewesen, hätte ich den Anpassungsreiz sicher zu früh gesetzt und die maximal mögliche Anpassungsreaktion wäre dürftig ausgefallen. Heute früh hatte ich – obwohl der Boden deutlich kälter war als vorgestern – wieder Lust auf eine schuhlose Runde. Auch wenns kalt war: sie hat wieder richtig Spaß gemacht und ich hatte ein gutes Gefühl dabei. Hier liegt die letzte Gemeinsamkeit mit dem Schaukeln: man muss den richtigen Zeitpunkt fühlen, ab dem man wieder Gas gibt. Und man kann ihn fühlen! Jedes Kind kann das. Weil es noch nicht auf Ziele, Methoden und Pläne geprägt ist. Sondern auf sein Gefühl achtet. Genau da liegt der Unterschied zu manchen Trainierenden: sie trainieren sich kaputt, weil ihre Pläne und Ziele was anderes sagen als ihr Gefühl.

Mit der Schaukel als Bild kann man unmittelbar das Prinzip verstehen, nach dem man trainieren sollte. Und natürlich habt ihr recht: nicht die Schaukel ist das Muster für Laufen und Trainieren, sondern der Rhythmus ist das Muster für Schaukeln, Laufen und Trainieren.

Aber für das Bild im Kopf ist die Schaukel besser.

Finde ich.

4 Gedanken zu: Schaukeleffekte

  1. Find ich auch.
    Eine Schaukel ist ein Pendel. Und die Pendelbewegung kann man generell wunderbar auf gesundes Laufen adaptieren (Rhythmus, Atmung, Intervalle, …).

    1. Hi Oliver,

      das Bild vom Pendel gefällt mir auch gut. Ich habe jetzt länger überlegt, warum ich eigentlich die Schaukel im Sinn hatte, als ich den Beitrag geschrieben habe: es ist der empfindsame Organismus – nicht nur Menschen schaukeln, mich begeistern Gibbons, seit ich sie zum ersten Mal sah – der das ganze antreibt. Und schon wieder hast du recht: eigentlich pendeln Gibbons, wenn sie schwingen…
      🙂

  2. Hallo Wolfgang,

    Das Gefühl für den richtigen, Moment, die richtige Intensität – ja, das ist auch, was ich gerne zuverlässiger spüren will. Und Barfußlauf ist sicher ein Teil auf dem Weg dorthin, aber nur ein Teil. Was braucht es Deiner Meinung nach denn außerdem, um das Gefühl wieder zu entdecken? Hast Du weitere Trainingstipps dafür?

    Die Schaukel empfinde ich als Bild nicht so passend. Sie ist mir zu sehr +/- im Wechsel, wenn Du verstehst, was ich meine 😉

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Hi Sebastian,

      zur Frage mit den Trainingstipps: wir haben in meinem Verein versucht, das Thema „ergonomisches und effizientes Laufen“ über Videoanalysen zu behandeln. Um allen gerecht zu werden, haben wir einen kleinen Kriterienkatalog erarbeitet, was gutes Laufen ausmacht. Der Inhalt deckte sich mit den Punkten 3,4, 6 und 8 deiner 11 Schritte zum leichteren Lauf. Zusätzlich hatten wir noch ein paar DOs und DON’Ts drin, die sich mit Becken- und Schulterrotation, Hüftknick, Kopfhaltung und -bewegung befassten. Bei der Zeitlupen-Präsentation im Plenum haben alle „Beurteilten“ von außen erkennen können, woran sie arbeiten sollten. Wir haben das ganze ein Jahr später wiederholt, um die Veränderung erkennen zu können.
      Um es kurz zu machen: es haben sich genau diejenigen verbessert, die eine Leidenschaft dafür entwickeln konnten, die Bewegung in ihrem Körper wahrzunehmen und damit zu spielen. Leider war das der weitaus kleinere Teil, und ich behaupte, sie hätten gar kein Video gebraucht, sondern nur einen Anstoß, stärker in sich hineinzuhorchen.
      Genau so ein Anstoß kann ein Bild sein, aber das beste Bild taugt nichts, wenn es nicht passt. Und deshalb bin ich dir dankbar, dass du geschrieben hast, das Schaukel-Muster findest du nicht so passend. Ich glaube, das passende Bild kommt von alleine, wenn man bereit und offen ist. Und dann stellt sich die Frage nicht mehr, ob es richtig ist. Man fühlt es. Bei mir ist es übrigens auch nicht das ganze Schaukel-Muster, sondern nur der kurze Moment des Beschleunigens durch eine kaum merkliche Änderung von Haltung und Spannung, der mich auch beim Laufen begleitet.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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