Schweiß? Igitt!

Schon mal Gedanken darüber gemacht, welchen Wert das Schwitzen für uns hat? Ein Schnell-Scan quer durch unser Gedächtnis bringt bei den meisten von uns eher negativ besetzte Assoziationen hervor: Angstschweiß, Schweißflecken, Schweißfüße, und Scheiß klingt ja auch so ähnlich. In der Jägersprache steht Schweiß für aus dem Tierkörper austretendes Blut, das klingt zwar nicht so blutrünstig (dafür aber schweißrünstig?), führt aber auch nicht zu angenehmen Assoziationen.

Dank einer ganzen Armada von Produkten ist man diesem körperlichen Phänomen nicht wehrlos ausgeliefert: Deo (mit oder ohne Aluminium-Partikel), atmungsaktive Klamotten, Duschen und Klimaanlagen, wohin man schaut. Kampf dem Schweiß, diesem so unangenehm empfundenen Begleiter. Hat er das denn wirklich verdient?

Es ist an der Zeit, dem Schweiß seine Ehre zurückzugeben. Wir Läufer verdanken ihm viel, vor allem natürlich in Hochsommerphasen wie der, die wir aktuell erleben.

Stellen wir uns einen Ingenieur vor, dem die Aufgabe gestellt wurde, für einen im stundenlangen Dauerbetrieb fahrenden Motor eine Kühlung zu konstruieren. Seine Rahmenbedingungen sind:

  • Schnelle Anpassung der Kühlleistung
  • Geeigneter, kostengünstiger und großer Kühlmittelvorrat
  • Kühlung möglichst nah am Motor (zur Vermeidung störungsanfälliger Lüftungswege)
  • Keine Verwendung von Elektrizität
  • Geringer Energieverbrauch.

Übersetzen wir Motor in Muskeln und gehen wir davon aus, dass unser Ingenieur den geringen Energieverbrauch einfach durch den Verdunstungskälte genannten physikalischen Effekt erreichen möchte, dann bleibt als Problem nur noch die Frage, wie er die zur Verdunstung vorgesehene Flüssigkeit an die Oberfläche bringen kann. Nach gründlichem Nachdenken kommt ihm die Idee, D(r)üsen nahe der Hautoberfläche zu konstruieren. Damit die Flüssigkeit so fein wie möglich austritt (und nicht heruntertropft; verdunstendes Wasser kühlt den Motor nicht!), baut er die unvorstellbare Zahl von ca. 3 Millionen Drüsen ein, die aber jeweils nur einen Durchmesser von 0,4 mm haben. Er verteilt die Drüsen nicht gleichmäßig, sondern dort besonders viele, wo ein Luftstrom infolge der Bewegung entsteht: an den Füßen (geniale 600 Stück pro cm2) und an den Handflächen. Auch die Stirn bekommt viele verpasst, damit unser Zentralorgan gut gekühlt wird.

Den maximalen Output dieser vielen Drüsen dimensioniert er mit 4 Litern pro Stunde großzügig, aber nicht zu groß, denn der Vorrat an Körperflüssigkeit darf auch nicht zu schnell verbraucht sein. Wenn nicht gekühlt werden muss, bleibt es bei der winzigen Menge von etwa 150 ml pro Tag.

Beim Test des Systems stellt unser Ingenieur mit Befriedigung fest, dass sein Kühlungssystem wunderbar funktioniert. Allerdings nur, so lange Luft um den Körper strömt und der Wasserdampfdruck der Umgebung nicht zu hoch ist. Also nix für das Laufen bei Rückenwind oder die Sauna. Aber diese kleinen Einschränkungen nimmt er gerne hin, denn der Saunagang ist freiwillig und Rückenwind wird zum Gegenwind, wenn man die Laufrichtung umkehrt.

So weit der Ingenieur, der im realen Leben unter der Berufsbezeichnung Evolution agiert und uns Menschen mit einer im Tierreich unerreichten Anzahl von Schweißdrüsen ausgestattet hat, damit wir bei unseren langen Läufen nie in Gefahr geraten, den Hitzetod zu sterben, anders als unsere traditionellen Opfer, siehe mein Beitrag Hetzjäger.

Alles gut, könnte man denken, hätte da nicht noch jemand ein Interesse, uns jeden möglichen Schnickschnack (Deo, Spezialklamotten, Klimaanlagen) zu verkaufen, was aber nur funktioniert, wenn wir den Schweiß als Gegner fürchten und nicht als lebenswichtige Funktion ansehen. Und so kommt es, dass die Menschen bereits in Panik verfallen, wenn sie bemerken, dass unter ihren Achseln die Schweißflecken aufeinander zu wachsen. Oder dass sie stechend riechen, wenn der Schweiß schon länger auf der Haut liegt und von Bakterien zersetzt wurde. Oder dass die dunklen Flecken auf der Kleidung als Angstschweiß interpretiert werden könnten.

Wer aber – wie wir Läufer – die ausgezeichnete Kühlwirkung des Schweißes zu schätzen weiß, ist froh und dankbar, dass wir einen so leistungsfähigen Mechanismus abgekriegt haben. Viel mehr noch: wir können es kaum erwarten, bis ein paar Minuten nach dem Loslaufen die Haut endlich feucht wird. Und die Barfuß-Läufer dürfen sich darüber freuen, dass die von der Sohle produzierte Flüssigkeit für einen engen, geschmeidigen Bodenkontakt sorgt und bei trockenem, saugenden Untergrund die Sohle vor dem Austrocknen schützt.