Selbstbild

Zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört das Beobachten von Lebewesen. Bin ich in der Natur, schaue ich gerne den Tieren zu. Sobald man beginnt, sie nicht von oben herab zu beobachten, sondern als gleichwertige Lebewesen, entdeckt man ganz wundervolle und oft auch staunenswerte Fähigkeiten und Verhaltensweisen.

Bin ich unter Menschen, beobachte ich ihr Verhalten. Ein wenig anders als das der Tiere, weil ich mir erlaube, von meinem Empfinden auf ihres zu schließen.

Bin ich allein, beobachte ich mich selbst. Eigentlich könnte das überflüssig sein, weil ich mich doch kenne. Kennen sollte? Nicht dass ich bei dieser Selbstbeobachtung öfters überrascht bin, aber das tiefere in-sich-hinein-schauen bringt oft auch tiefe Einsichten.

Eine dieser Einsichten betrifft mein Dasein als Läufer.

Konkret: wenn ich unterwegs bin, bewege ich mich zu Fuß, selbst wenn es nur  fürTeile der Gesamtstrecke ist. Der Fluß meiner Wahrnehmungen spielt sich dabei vor einem Hintergrund ab, der konstante Elemente hat. Beim Gehen schwingt immer mit, dass ich mich leichtes Fußes bewegen kann, weil ich ein Läufer bin. 200m im Hauptbahnhof zurückzulegen ist ein Mückenschiss im Vergleich zu der 42.195m Distanz eines Marathon. Der Läufer ist Teil meines Selbstbilds, das mich über weite Teile meines Wachbewusstseins begleitet. Positiv gibt mir dieser Teil des Wachbewusstseins jederzeit ein gutes Gefühl. Negativ lenkt er mich – wenn auch nur zu einem kleinen Teil, aber immerhin wahrnehmbar – von der Leere ab, die einen vollkommenen Kontakt zur Welt ermöglicht.

Zurück zu den Mitmenschen, die ich so gerne beobachte: wenn ich den 1,85m großen, ca. 160kg schweren Mit(t)fünfziger sehe, so vermute ich instinktiv, dass der Läufer kein Teil seines Wachbewusstseins ist. Vielleicht der Gourmet oder der sportliche Fahrer oder der Familienmensch. Fahre ich 2 Stunden mit ihm im selben Zugabteil, ahne ich, welches Selbstbild er in sich trägt, weil ich ihn einfach neugierig beobachte. Nein, ich starre ihn nicht an. Aber ich kriege mit, was er so alles macht, mit wem er telefoniert, mit wie vielen Gadgets er sich umgibt und wie er mit diesen umgeht. Würde er das nicht, bekäme er vielleicht auch über mich einige Infos, aber mangels ungerichteter Aufmerksamkeit ist ihm das höchstwahrscheinlich versagt. Vielleicht interessiert er sich ja auch nicht so sehr für seine Mitmenschen…

Und wieder zurück zum Läuferbewusstsein: ich bin froh, als Läufer von gaaanz wenig abhängig zu sein (als Barfuß-Läufer brauche ich im besten Fall nicht mal Schuhe). Und ich kann den Läufer in mir mit gutem Gewissen (er braucht kein Benzin und auch keinen Strom, kein Palmöl und auch kein Fracking) als Teil meines Hintergrundrauschens dabei haben. Teil meines Selbstbilds ist er sowieso.

Spürt ihr auch den Läufer / die Läuferin in euch, wenn ihr in der Welt unterwegs seid?

6 Gedanken zu: Selbstbild

  1. Lieber Wolfgang,
    der Läufer in mir ist allgegenwärtig, eigentlich bei allem was ich tue, ist der Läufer mitbeteiligt, sogar beim Radfahren vergleiche ich ständig die Herzfrequenzen und ich freue mich über den Bewegungsablauf meiner Beine, wenn ich durch die Praxis gehe, um von der Anmeldung zu meinem Untersuchungszimmer zu gehen…Menschen beobachten ist Teil meiner Aufgabe in meinem Beruf, deshalb mache ich das wahrscheinlich äusserst ungern ausserhalb der Praxis

    Salut

    1. Lieber Christian,

      da bin ich doch doppelt beruhigt: zum einen, dass du auch den Läufer in dir trägst, und zum anderen, dass ich keinen Beruf habe, in dem das Beobachten meiner Mitmenschen wesentlicher Teil meiner Arbeit sein muss, sonst würde ich das vielleicht auch in meiner Freizeit nicht so genießen können oder es zumindest nicht als so spannend empfinden.
      Vielleicht macht’s dir ja – gewissermaßen als kleiner Ausgleich – Spaß, den Tieren in der Freizeit zuzuschauen 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang, das hast du schön be-/geschrieben !

    Auch ich bin Läuferin aus Leidenschaft, wie jeder weiß, Laufen ist IMMER gegenwärtig, bestimmt mein Leben mit, wenn ich im Auto sitze, mit dem Zug fahre, entdecke ich Wege, die ich laufen würde, so ich könnte, würde am liebsten hinausspringen und loslaufen – Laufen allgegenwärtig, man könnte sagen Tag und Nacht !

    Beobachten anderer Lebewesen – Tiere und ja, sehr gerne Menschen. Mich in sie hineinversetzen, nachempfinden oder einfach Unverständnis, weil sie anders sind, anders als ich, entschieden anders als ich. Trotzdem reizt es, mich mit ihnen zu beschäftigen, so ich Zeit und Muse dazu habe, mich in sie hineinzuversetzen, sie versuchen, zu verstehen , manchmal ! 😉

    1. Liebe Margitta,

      das hätte mich auch sehr gewundert, wenn bei dir nicht so eine kleine Läuferin im Kopf sitzt, die ständig mitläuft. Was bei anderen der innere Schweinehund ist, der sie vom Laufen abhalten will, ist bei dir die innere Läuferin, die davon schwärmt, doch einfach loszulaufen 🙂
      Da ist es schon schwieriger, sie zu bremsen, wenn es mal sein muss, z.B. weil man krank oder verletzt ist.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  3. Lieber Wolfgang,

    ja, der ist wohl auch bei mir ein Teil meines Selbstbildes, neben dem Radfahrer, dem Wanderer, dem beginnenden Yogi, dem Naturliebhaber, Körperkundigen, Möchtegern-Intellektuellen und so weiter…

    Du sprichst von der Leere, die den vollständigen Kontakt zur Welt ermöglicht. Das gefällt mir richtig gut.

    Leider sind meine Läufe für diese Erfahrung derzeit wohl zu kurz und der Rest des Tages einfach zu voll (sogar mit überwiegend schönen Dingen). Jedenfalls sind mir die Momente der Leere gerade zu kurz, wenngleich ich sie regelmäßig zu erfahren meine.

    Ich liebe es, wenn mich Beiträge zum nachdenken anregen. Danke dafür 🙂

    Beste Grüße
    Sebastian

    PS: ich war diese Woche mal wieder in Eschborn, leider gänzlich ohne Zeit für ein Treffen.

    1. Lieber Sebastian,

      natürlich hast du recht, wenn du hier noch viele weitere Aspekte deines Selbstbilds nennst, und den größeren Teil deiner Typen trage ich auch in mir. Das mit der Leere scheint tatsächlich schwer erreichbar zu sein, vor allem wenn man danach strebt. Es widersetzt sich geradezu dem Streben danach, weil es nur ohne Kraft geht, und je mehr man es versucht, umso weniger erreicht man es (das sag ich nicht nur, weil es in 591 ZEN Büchern steht, sondern auch wegen zahlreicher eigener Erlebnisse dieser Art). Umso schöner wenn es trotzdem klappt, und da scheint es mir effektivere Wege zu geben als das Laufen, nämlich u.a. die Meditation. Vielleicht kann der beginnende Yogi ja die Abkürzung nehmen. Ich habe das für mich als Alternative – sollte es mal mit dem Laufen nicht mehr gehen – immer im Hinterkopf 🙂

      Lass es dir gutgehen, und irgendwann in nicht allzuferner Zukunft klappts sicher auch mal wieder mit einem Treffen!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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