Schlagwort-Archive: Wahrnehmung

Analoge Macht

Wir bauen die neue Welt. Aus digitalen Bausteinen. Weil wir uns seit Gutenberg auf schriftliche Informatiosübertragung spezialisiert haben, brauchen wir Augen = Kameras. Für die Information, was mit uns los ist, haben wir weitere Sensoren (Puls, Blutdruck, Lage, Atmung etc.). Eigentlich alles, was wir selbst auch schon mit unseren Sinnen wahrnehmen können, nur eben digital. Und damit technisch übertragbar und von Dritten verarbeitbar. Ob die Dritten nun Smartphone heißen oder NSA, ist völlig egal. Alles, was verarbeitet werden kann, wird verarbeitet. Wir müssen nur noch auf die Empfehlungen der Dritten warten. Für die Pulsuhr-Fans heißt das: „Mach langsam!“ oder „Gut gemacht, du läufst in deiner OwnZone“. Träger von Fitness Tracker-Armbändchen lassen sich morgens berichten, wie sie in der Nacht geschlafen haben. Alle Nutzer dieser Informationen aber teilen ein Schicksal: sie überlassen die Beurteilung ihres Zustands einem Dritten.

In diesem Beitrag werbe ich dafür, eine digitale Pause einzulegen und die analoge Macht wiederzuentdecken. Keine Angst, meine Botschaft lautet nicht: „zurück auf die Bäume“, sondern: „baue zwanglos auf das beste System!“. Natürlich am Beispiel Laufsport.

Analoge Macht weiterlesen

Locker lesen – locker laufen!

Eine Buchempfehlung für alle, die sich nicht gern selbst im Weg stehen

Ein wichtiger Grundsatz beim Laufen lautet: setze nur so viel Kraft ein, wie du wirklich brauchst. Gelingt es uns, diesem Grundsatz so weit wie möglich zu folgen, entsteht ein müheloses, leichtes, freudvolles und vergnügliches Laufen.

Ich vergleiche immer wieder gerne das Laufen mit dem Leben; mir fällt auf, dass die meisten Läufer so laufen, wie sie leben. Manche versuchen, mit hohem Einsatz bestimmte Ziele zu erreichen („train hard, win easy“). Nicht wenige verlieren dabei ihre Lockerheit und werden zu verbissenen Athleten, die sich von mächtigen Gegnern umstellt sehen („Der Job hindert mich daran, richtig zu trainieren“, „Die Scheiß Erkältung, genau jetzt…“, „Das Wetter hat einfach nicht gepasst“ etc.). Nur allzu gerne übersehen sie, dass sie selbst es sind, die es sich so schwer machen.

Patrick Lynen hat ein kleines Büchlein verfasst, welches uns in 33 täglichen Mini-Lektionen die ehrgeizig zusammengekniffenen Augen öffnet für eine Welt voller Wunder, wie wir sie mit kindlich-unvoreingenommenem Gemüt noch erleben durften…

Locker lesen – locker laufen! weiterlesen

Maschinelles Laufen

Wenn ich manchmal so sehr fasziniert bin von unserer Fähigkeit, auf zwei Beinen zu laufen,  beschleicht mich der Verdacht, dass ich nur einen Grund suche, nicht auf die viel schnelleren Vierbeiner neidisch zu sein.

Und tatsächlich: da unsere spezifisch menschliche Art der Fortbewegung nur den Trab, nicht aber den Galopp erlaubt (bei dem der Abstoß mit beiden Beinen geschieht), sind wir vergleichsweise langsam. Dass nicht alle Zweibeiner auf den Trab festgelegt sind, sieht man an den Känguruhs, die – sobald sie Gas geben – mit beiden Beinen springen. Oder – gleich 3 Nummern kleiner – an den Amseln, die für ihre Größe ziemlich schnell laufen (hüpfen) können, ebenfalls im Galopp.

Wir aber springen von einem Bein auf das andere und müssen dabei in erster Linie eine gewaltige Gleichgewichtsaufgabe lösen. Dies umso mehr, je unebener der Untergrund ist. Nicht, dass ich noch nie davon berichtet hätte, aber man staunt immer wieder über den Grund für diese nur auf den ersten Blick so ineffiziente Fortbewegungsmethode: in den weiten Steppen Afrikas (die Heimat unserer Spezies, auch wenn einige Ewiggestrige das aus ideologischen Gründen leugnen) boten wir dank der senkrechten Haltung der sengenden Sonne nur eine minimale Angriffsfläche. Verbunden mit der Fähigkeit zu schwitzen erlaubte uns dies, lange und ausdauernd hinter wesentlich schnelleren, aber Hitze-anfälligen Vierbeinern herzulaufen, bis diese schließlich den Hitzschlag erlitten oder erschöpft auf den erlösenden Speerwurf warten mussten. Wir waren (sind) eben hinterfotzige Raubtiere, die Werkzeuge benutzen…

Für uns hat sich also die Entwicklung starker, flexibler Füße, unglaublich strapazierfähiger Achillessehnen, perfekt aufeinander abgestimmter Gelenke und Muskeln und vor allem das Herausbilden einer ausgefeilten Propriozeption (Innenwahrnehmung aller Gelenkwinkel, Muskelspannungen, der Lage im Raum etc.) richtig gelohnt.

Wir haben irgendwann ein großes Gehirn entwickelt, das heute alle anderen Lebewesen auf dem Planeten beherrschen oder wenigstens vernichten kann. Wir haben Macht über Leben und Tod bekommen und in Folge dessen ein maßlos übersteigertes Selbstbewusstsein.

Inzwischen sind wir selbst in der Lage, Wesen zu erschaffen, die auf zwei Beinen laufen können und uns irgendwann einmal übertreffen sollen. Wir nennen sie Roboter und geben ihnen eine Gestalt, die unserer ähnelt, denn wir wollen zeigen, dass auch wir als Schöpfer taugen.

Wie weit wir damit bis heute gekommen sind, habe ich mir kürzlich angesehen und mich dabei ganz köstlich amüsiert. Ihr merkt schon: es macht mir verdammt viel Spaß, unsere Hightech-Errungenschaften durch den Kakao zu ziehen. Hier sind zwei meiner Fundstücke, die es anzuschauen lohnt:

Maschinelles Laufen weiterlesen

Wissen für Waldläufer

Wenn wir achtsam im Wald laufen, ahnen wir, von vielen faszinierenden Lebewesen umgeben zu sein. Die größten von ihnen – die Bäume – sehen wir (zumindest oberirdisch) so gut, dass wir dazu neigen, den Rest zu übersehen. In diesem Zusammenhang bekommt das Sprichwort „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ eine neue, tiefere Bedeutung. Das Treiben unter der Erdoberfläche bleibt vor unseren Augen versteckt, unabhängig davon, ob es sich um die Vorgänge im Wurzelwerk der Bäume, das Leben der Mikroben oder die komplexen Aktivitäten der Pilze handelt. Nicht, dass man all dies kennen muss, aber eine geballte Ladung neuer Informationen über das Leben im Wald kann die Augen öffnen und für ganz neue, erfüllende Lauferlebnisse sorgen.

Der Förster Peter Wohlleben hat jetzt ein Buch über Bäume geschrieben.

Wissen für Waldläufer weiterlesen

VerDINGlichte Welt

Wir leben in der Welt der tausend Dinge: Autos, Uhren, Häuser, Bücher, Blumentöpfe, Spülmaschinen, Apps, Bausparverträge, Fertiggerichte und 991 andere. Wir definieren sie, geben ihnen Namen und machen sie zum Objekt unserer Anschauung. Wir sprechen über sie und haben sie im Griff, die Dinge. Und wenn wir morgens rausgehen, ziehen wir die Asics-Dinger und das Garmin-Ding an, strippen die Odlo-Dinger über und machen ein Lauf-Ding. Und dann passierts…

VerDINGlichte Welt weiterlesen

Eins mit der Welt

Heerscharen von Meditierenden streben diesen seligen Zustand an: die Einheit mit der Welt, besser mit dem ganzen Universum, oder gleich mit dem höchsten Wesen. Heute weiß man – der Hirnforschung sei dank – dass diese Wahrnehmung keine Einbildung ist (das war den Meditierenden aber schon immer egal) und was das Besondere an diesem Zustand ist. Das macht ihn nicht schlechter, schon gar nicht wird er dadurch entzaubert. Vielleicht aber steht schon die Pharma-Industrie in den Startlöchern, um den Willigen die Erleuchtung per Pille ins Hirn zu drücken, wer weiß?

Wir Läufer erleben auch ohne pharmakologische Unterstützung manchmal so was wie „Erleuchtung light“ (klingt fast wie „Weißer Schimmel“, nicht wahr?), wenn wir uns mühelos bewegen. Und wir Barfuß-Läufer setzen noch eins drauf…

Eins mit der Welt weiterlesen

Glückspilze

Herbstzeit ist Pilzzeit. Nicht, dass die wundersamen Geschöpfe nur im Herbst zum Leben erwachen; nein, denn das Myzel ist ganzjährig aktiv. Was man im Herbst überall sieht, sind die Fruchtkörper der Pilze, die wir aber auch Pilze nennen.

Für uns Menschen können Pilze etwas ganz Wunderbares sein: der Feinschmecker kitzelt seine Geruchs- und Geschmacksrezeptoren mit dem reichen Aroma und Geschmack der Pilze. Der erlebnisreisende Psychedeliker lässt seine Serotonin-Rezeptoren durch Magic Mushrooms erregen. Der Läufer…

Ja, was hat eigentlich der Läufer von den Pilzen?

Glückspilze weiterlesen

Reine Zeitverschwendung

Laufen kostet Zeit. Wer regelmäßig läuft, weiß das. Umziehen, Laufen, wieder Umziehen, Duschen, Auswerten, Mitteilen usw.. Alles braucht Zeit. Zeit, die wir nicht haben, weil wir eine hoch entwickelte Vorstellung haben, wie wir unsere Zeit verbringen möchten, damit wir möglichst viel von ihr haben.

Die Vorstellung eines ausgeklügelten Zeitmanagements rund um das Laufen ist mir unsympatisch. Wenn mein Lauf so in den Tag eingebaut ist, dass die nächste Aktivität ohne Verzögerung begonnen werden kann, stimmt was mit dem Laufen nicht, oder?

Reine Zeitverschwendung weiterlesen

Der leise Motor

Menschen lieben den Schall. Meistens den angenehmen Schall wie Musik oder Naturgeräusche, seltener liebt auch einer mal den üblicherweise als Lärm bezeichneten Schall, den Laubbläser, Kettensägen, Rasenmäher oder kreischende Motorräder erzeugen.

Störender Lärm entsteht entweder in einem Motor (lateinisch: der Beweger), den man für die zu verrichtende Arbeit braucht, oder bei der Arbeit selbst. Im Fall der Kettensäge hat man beides, was besonders nervig ist.

Welchen Lärm macht eigentlich der Motor einer Läuferin (ich habe so oft in der männlichen Form geschrieben; es wird Zeit, auch mal die weibliche zu verwenden)? Hört man ihn oder was würde ein hochsensibles Mikrofon aufzeichnen, wenn es keine Störgeräusche wie Wind und Umgebungstöne gäbe?

Der leise Motor weiterlesen