unschuldig

Das Laufen ist für mich im Laufe der Zeit viel mehr geworden als ein Sport, der mich fit hält. Es ist in vielerlei Hinsicht eine Analogie zum gesamten Leben, weil man dabei immer wieder andere Aspekte und Prinzipien des Seins erkennen kann, genau wie man das ganze Bild schon in einem kleinen Hologramm-Bruchstück sehen kann, wenn man es nur von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet.

Heute geht es mir um das Erstarren, wenn wir unsere Erfahrung nicht als sanften Ratgeber benutzen, sondern wie ein Schutzschild zur Verteidigung der Komfortzone vor uns her tragen.  Aufs Laufen komme ich erst am Ende des Beitrags wieder zurück, also Geduld!

Wir sind Erinnerung – Erfahrung und Persönlichkeit

Mein erster Kontakt mit der Hirnforschung kam über das Buch „Wir sind Erinnerung“ von Daniel L. Schacter zustande. Es überraschte mich damals, dass unsere gesamte Persönlichkeit durch unsere Erinnerung gebildet wird. Gebildet, nicht nur geprägt. Ohne unsere Erinnerungen bestehen wir aus nichts mehr. Selbst die 90% Hirntätigkeit, die wir nicht bemerken, weil sie außerhalb unserer Wahrnehmung geschieht, basiert weitestgehend auf Gelerntem und Erworbenem. Wer das für übertrieben hält, schaue sich Demenzkranke an, bei denen die Auslöschung der Persönlichkeit mit der Zerstörung des Hirngewebes einhergeht. Mmh, blödes Thema, bei dem ich da gelandet bin…

Die Pros und Cons des Lernens

Wenn wir aufwachsen, saugt unser Hirn Informationen auf wie ein leerer Schwamm das Wasser. Man muss das gar nicht fördern, man darf es nur nicht behindern. Das sage ich allen Frühförderungs-geilen Helikopter-Eltern, die ihre Kinder aus Sorge um deren spätere Karriere gleich in den Chinesisch-Kurs stecken, sobald sie die Mozart-beschallte Zeit im Mutterleib hinter sich haben. Man kann die wunderbare natürliche Leistungsfähigkeit des Schwamms auch stören, wenn man das Wasser mit Hochdruck reinpresst. Oops, schon wieder negativ, dabei wollte ich doch schwärmen…

…schwärmen von Kindern, die begeistert sind von allem, was sie morgen mehr können werden als heute. Und die tatsächlich heute mehr können als gestern. Und mehr wissen. Alles wächst, und Wachstum macht glücklich. Man erlebt sich immer weniger als der Doof, der nix kann, sondern ein bis ins (gefühlt) Unendliche wachstumsfähiges Wesen.

Der Haken dabei? In einer Welt voller Gefahren lernen wir leider nicht nur Angenehmes (noch bevor ich volljährig wurde, hatte ich Arm- und Beinbrüche, eine Hüftluxation und eine schwere Knieverletzung, ganz zu schweigen von Hautabschürfungen und eingeklemmten Fingern…). Und mit jeder Verletzung lernen wir, dass bestimmte Situationen nicht gut für uns sind. Je länger wir leben, umso mehr Erfahrung haben wir, aber auch umso mehr negative Erfahrung, die unsere Freiheit einschränkt, uns beliebig verhalten zu können. Nur um das Risiko einer weiteren Verletzung zu vermeiden. Am Ende des Lebens sind wir ängstliche alte Menschen, die so viel erlebt haben, dass sie sich kaum noch trauen, etwas anderes als ihre für sicher gehaltenen täglichen Rituale abzuhandeln. Starr und unfrei, aber scheinbar sicher. Nur scheinbar, weil starr nie wirklich sicher sein kann.

Wie fühlt sich das Erstarren der Freiheit an?

Unfreiheit ist immer ein Mangel an Entscheidungs-Alternativen. Man kann sie fühlen. Sie kommt als Widerwille in bestimmten Situationen, vermeidet Ungewohntes und fühlt sich hinterher ein bisschen feige an, wenn wir unserem Sicherheits- und Komfortdrang nachgegeben haben. Man gibt sich mit dem Spatz in der Hand zufrieden und trauert doch tief im Innersten der Taube auf dem Dach nach. Und im Wiederholungsfall erfindet man noch eine Erklärung, warum man die Taube auf dem Dach sowieso nie wollte. Anzahl und Häufigkeit solcher Rechtfertigungen sind ein gutes Maß für den Grad der Erstarrung.

Wie können wir wieder frei werden?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man – sobald man eine solcherart automatisierte Reaktion kommen fühlt – innerlich stillhalten oder auf seinen Atem achten sollte, um erst danach ruhig seine Alternativen zu sichten. Entscheiden wir uns danach für eine Aktion, die sich von unserer üblichen Reaktion unterscheidet, ist sie wieder da, die Freiheit des Kindes, das in Ermangelung eines Lebens voller Erfahrungen einfach erstmal alles ausprobieren will.

Und jetzt schauen wir uns endlich an, was das Laufen für unsere Freiheit tun kann.

Laufen wie die Kinder

Ältere Läufer fachsimpeln gerne über den richtigen Schuh für die gewählte Strecke. Straßenschuhe mit hoher Dämpfung für lange Strecken auf Asphalt, Trailschuhe mit GoreTex für den Winterlauf im Mittelgebirge, leichtere Wettkampfschuhe für den Volkslauf am Wochenende. Und wieder sind es die Erfahrungen, die uns starr werden lassen, uns Entscheidungen vorgeben („Beim Halbmarathon kann ich nur die XXX tragen, auf der Bahn nur die YYY…“), unsere Freiheit beschränken und – das ist das Schlimmste – unser Wachstum verhindern.

Der umgekehrte Weg ist viel viel geiler: immer weniger Ballast mitschleppen, sich immer weniger selbst einschränken, immer wieder auch ein Risiko eingehen. Unsere große Erfahrung kann dabei helfen, Risiken zu begrenzen, so dass uns nichts beliebig Schlimmes zustößt. Wenn sie aber nur benutzt wird, Risiken auszuschließen, werden wir alt, hart und klein.

Mein Barfuß-Laufen ist so ein kontrolliertes Risiko: mit der Tetanus-Schutzimpfung wende ich die ganz große Gefahr schlimmer Infektionen ab; die geringeren Gefahren wie kleinere Verletzungen nehme ich in Kauf, um dafür ganz reich belohnt zu werden: Wachstum, Freiheit, Flexibilität. Es hat etwas absolut unschuldiges, nicht von Schuhen geschützt durch die Welt zu laufen. Genau wie ein Kind: verletzlich, aber frei und gaaaaaanz neugierig.

6 Gedanken zu: unschuldig

  1. Danke für diesen Post, der mich zum Nachdenken anhält.

    Du sprichst von älteren, eingefahrenen Läufern, die scheinbar nicht (mehr) flexibel sind, was das Schuhwerk betrifft. Das ist mir zu allgemein, auch ich zähle mich zu den älteren, erfahrenen, aber nicht eingefahrenen Läufern, die durchaus bereit sind und waren, sich auf neues Material – und nicht nur das – einzustellen, habe auch aus Fehlern gelernt, bin seit langem – mit Erfolg – offen für das Wenig !

    Gruß von der Ostsee 😎

    1. Liebe Margitta,

      willkommen auf meinem Blog!

      Ja, du hast recht: ich habe da sehr allgemein von den älteren Läufern gesprochen.
      Es war nicht beabsichtigt, alle über einen Kamm zu scheren; ebensowenig sind alle älteren Menschen ängstlich.
      Mir lag eher daran, eine fast zwangsläufige Tendenz zum erstarren zu beschreiben.
      Wer sie erkennt und wer – wie du – bewusst offen ist für neue Erfahrungen, den können auch negative Erlebnisse nicht alt und hart machen.

      Liebe Grüße vom Taunus
      Wolfgang

  2. Ich finde es ja immer wieder gut, wenn eigentlich simple und selbstverständliche Dinge schön in Worte gefasst werden, weil sie eben leider nicht simpel und selbstverständlich sind. So wie in deinem feinen Beitrag hier.
    Dass das Erstarren ein weit größeres Risiko für Leib und Seele beinhaltet als eine gesunde Experimentierfreude, das entgeht leider vielen Menschen.
    Für mich persönlich war und ist es eine echte Befreiung etliches an Lauf-Ballast abzuwerfen, sowohl mental als auch in Form von Dingen die mir angeblich das Laufen erleichtern sollen, aber eigentlich nur genervt haben (Pulsgurt, schwere Schuhe, …). Der Weg ist alles andere als abgeschlossen (hoffentlich ist er das nie) und ich bin gespannt wo mich meine Freude am Experimentieren noch hinführt.

    1. Hi Oliver,

      stimmt: ich schreibe hier wieder mal über Selbstverständliches. Es ist gerade das „selbst“ Verständliche, dessen Ursachen mich interessieren, schon allein deshalb, weil es mich schon als Kind genervt hat, wenn ich auf meine Fragen den abwehrenden Satz „Das ist halt so!“ hören musste. Dabei ist es oft gar nicht schwer, das „warum“ rauszufinden. Manchmal ist man mit seiner Vermutung auch auf dem Holzweg; bei Thema Erstarren bin ich mir allerdings ziemliche sicher, der Ursache schon recht nahe gekommen zu sein. Und siehe da: man ist dem scheinbar Unausweichlichen plötzlich nicht mehr ausgeliefert, weil es – bei Licht betrachtet – keine Macht über uns haben muss.

      Du experimentierst wie ich mit allerlei Themenrund ums Laufen (vielleicht auch auf anderen Gebieten) – und beugst damit bewusst dem Erstarren vor. Nicht aus Angst vor dem Erstarren, sondern aus Lust am Wachstum. Großartig!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  3. Hallo Wolfgang,

    Für mich ist ein Teil dessen, was Du hier ansprichst, tatsächlich ein treuer Begleiter: der ewige Kampf zwischen Freiheit und Sicherheit. Das eine schränkt das andere ein und umgekehrt. Und trotzdem wollen wir (ich) immer beides. Blöd – oder?

    Dieser Ziel-Widerspruch ist für mich aber auch ein Teil einer gewissen Grundgerechtigkeit (weißt Du was ich damit meine?). Der Beamte hat z.B. einen sicheren Job, weiß aber heute schon, was er beruflich alles nicht mehr erleben wird.

    D.h. Dieser Widerstreit macht das Leben wahrscheinlich irgendwie gerechter und besser – und zumindest wir Wohlstandsbürger haben weitestgehend die Wahl, in welche Richtung wir gehen.

    Mein Geist liebt die Freiheit – in meinen Taten verfolge ich die Sicherheit.

    Beim Laufen bin ich dennoch experimentierfreudig 😉

    Beste Grüße und bis Mittwoch
    Sebastian

    1. Hi Sebastian,

      ich denke, ich weiß, was du meinst: der Beamte wird mit „lebenslänglich beim selben Dienstherrn“ bestraft, der Experimentierfreudige vielleicht mit Arbeitslosigkeit. Das ist schon gerecht: jeder kriegt sein Fett weg 🙂

      Mehrere Ebenen unterhalb solch wichtiger Entscheidungen wie sie die Berufswahl darstellt, gibt es noch die vielen kleinen Entscheidungen, die wir täglich hundertfach treffen: wie reagiere ich auf meinen Partner, wie gehe ich mit (un)glücklichen Ereignissen um, wie und wo laufe ich und viele weitere… Mag die Existenz des freien Willens („Entscheidungsfreiheit“) auch von Hirnforschern und Philosophen unterschiedlich beurteilt werden, so ist eines unbestreitbar: je nach dem Grad der Bewusstheit können wir mehr oder weniger Entscheidungsalternativen erkennen; bei mehr Optionen fühlen wir uns freier als bei nur einer einzigen. Ich denke auch, jede Entscheidung ist die richtige, wenn man sie nicht aus Gewohnheit, sondern aus Überzeugung trifft. Und weil du beim Laufen experimentierfreudig bist: Laufen ist auch eine Tat. Ich bin sicher, das färbt ab!

      Ich freu mich auf Mittwoch!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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