unverpuppt

Lange schon habe ich den Eindruck, mich beim Thema Laufen in einer Matrjoschka-Puppe zu befinden.

Kennt ihr diese Puppen? Sie sind aus Holz gefertigt, bunt bemalt und bestehen aus zwei Teilen. Öffnet man sie, kommt eine kleinere Puppe zum Vorschein. Öffnet man die kleinere Puppe, sieht man, dass eine noch kleinere Puppe darin steckt und so weiter. Die innerste Puppe ist der unteilbare Kern der Matrjoschka. Unteilbar (griechisch: atomos) erschien auch zum Zeitpunkt der Wortschöpfung das Atom, und so darf man gespannt sein, wie das innerste Püppchen aussieht.

Als notorisch neugieriges Kind wollte ich schon immer wissen, was wirklich in den Dingen steckt. Was liegt da näher, als auch dem Laufen mal durch Entfernung der Puppenhüllen auf den tatsächlichen Grund zu gehen?

Ganz außen: die Gadget-Puppe

Als erstes kam die Gadget-Puppe dran. Sie bestand aus zwei Puls-Uhren, darunter ein GPS-Gerät, einer Excel-Tabelle, in der ich nach Herzenslust Auswertungen betreiben konnte, und Kartenmaterial, in dem meine Läufe abgebildet wurden.

So wie äußeren Puppen der Matrjoschka für die inneren, so stellte auch die Gadget-Puppe einen Schutzmantel dar, der verhinderte, dass mein Laufen etwas anderes wurde als der Rest meines Lebens, das – wie bei jedem ordentlich sozialisierten Mitteleuropäer – weitgehend aus Kopfkino besteht.

Ich würde der Sache nicht gerecht werden, wenn ich nicht auch von den Vorteilen der Gadget-Puppe berichten würde. Der größte messbare Vorteil lag darin, mich bei meinem bislang schnellsten Marathon bezüglich der Pulswerte kontrolliert zu haben und somit erfolgreich ein zu schnelles Angehen verhindert zu haben. Die Endzeit von 2:53:42 (2007 in Hamburg) war allerdings auch nicht so sehr weit von meiner zweitbesten Zeit von 2:55:41 (2008 in Frankfurt, ohne Pulsuhr) entfernt, so dass ich sagen muss: der Preis hat sich nicht gelohnt, da mir die Beschäftigung mit der Puppe viel Zeit geraubt hat.

Vorteil des Verzichts auf diese Hülle (zuerst weg mit dem Puls Messen, später dann mit den Laufuhren, schließlich auch weg mit meinen Aufzeichnungen) war neben dem Gewinn an unbeschwerter Zeit eindeutig viel viel mehr Freude am Laufen: es entstand eine Lust am spontanen Ändern von Strecken und die Freiheit, ohne ständigen Blick auf die Daten unterwegs sein zu können, natürlich auch ohne später etwas dokumentieren zu müssen.

Weiter drinnen: die Schuh-Puppe

Die zweite Hülle war die der Schuhe. Auch sie habe ich nicht schlagartig entfernt, sondern allmählich abgetragen. Ich fing 2007 an, mit Nike Free zu laufen und verringerte über verschiedene Minimal-Schuhe kontinuierlich Dämpfung und Sprengung bis zu jenem Punkt, an dem ich ganz ohne Schuhe lief. Das war am 28.07.2011. Nicht, dass ich seitdem nie mehr ohne Schuhe unterwegs gewesen wäre, ich habe lediglich Anzahl und Umfang der Barfuß-Läufe Jahr für Jahr gesteigert. Auch bei dem barfuß erträglichen Terrain gab es große Fortschritte.

Wie bei der ersten Puppe, so war es auch hier ein vordergründig spürbarer Verlust von Schutz, der mit dem Auspacken verbunden war. Wie ein frisch geschlüpfter Schmetterling war ich einige Zeit noch empfindlich und verletzbar. Das hat sich seitdem gegeben;
nicht dass mir gar nichts mehr passiert wäre, ganz im Gegenteil: ich habe mir an Zehen und Sohle schon recht viele kleinere Blessuren geholt, als da wären:

  • Blasen
  • Blutergüsse
  • Invasoren (Splitt, Glassplitter, ein Dorn etc.)
  • Schmerzhafte Begegnungen mit größeren Steinspitzen.

Wer sich daran gewöhnt, erlebt eine wundersame Veränderung: alle Blessuren heilen schnell, ich habe sogar den Eindruck, dass dies immer schneller geht; schlimme Verletzungen werden reflektorisch vermieden: man kann sich vorstellen, mit den Mittelfußknochen auf Höhe des Längsgewölbes im schnelleren Lauf auf eine Steinspitze zu treten, was sicher zu einer erheblichen Belastung, ggf. sogar zum Bruch des Knochens führen kann, aber die Reflexe werden mit der Zeit immer schneller und schützen den barfüßigen Läufer.

Vorteil des Verzichts auf diese Puppe ist ein sehr robuster Laufapparat, der von den üblichen Läuferwehwehchen so weit entfernt ist wie der Regenwald vom Mond. Weiterer Vorteil ist ein ungeheuer freies Gefühl beim Laufen und schließlich auch die tolle Wahrnehmung, das wichtigste Laufutensil immer dabei zu haben, auch wenn man ganz ohne Schuhe unterwegs ist.

Schließlich: die Barfuß-Puppe

Nach dem Entfernen der Schuh-Puppe entsteht schon bald das glückliche Gefühl, jetzt zur innersten Puppe vorgedrungen zu sein und den wahren Kern in Händen zu halten. Sie ist so schön bemalt und fühlt sich so gut an, dass man niemals auf die Idee kommen würde, sie öffnen zu wollen.

Als nach wie vor notorisch neugieriges Kind habe ich jetzt doch angefangen, den Kopf dieser Puppe gegen den Unterleib zu verdrehen, und siehe da: auch die Barfuß-Puppe ist nur eine Hülle. Sie ist so fein verarbeitet und von solch reicher innerer Schönheit, dass man schon ziemlich bekloppt sein muss, wenn man sie zu öffnen versucht, besteht doch die Gefahr, sie unrettbar zu zerstören. Bei der Spaltung des Atoms ging ja bekanntermaßen auch einiges schief…

Und dann?

Die Barfuß-Puppe ging nicht kaputt, sondern ließ sich sogar freiwillig öffnen und gab ein Objekt frei, dessen Form gerade erst anfängt zu entstehen; vielleicht wird es selbst einmal eine Puppe, die sich weiter öffnen lässt. Zur Zeit jedenfalls fühlt es sich an, als wollte dieses Objekt sagen:

Gut, dass du mich befreit hast, jetzt, wo ich den Schutz der anderen Puppen nicht mehr brauche. Du brauchst auch die Barfuß-Puppe nicht mehr, aber du sollst sie auch nicht wegwerfen. Halte sie nur bitte nicht für den inneren Kern. Der innere Kern ist die Freiheit, alles tun und lassen zu dürfen, was sich für dich gut anfühlt.

Lauf, wenn du laufen willst, gerne auch barfuß, aber mach es nur, wenn du Lust hast. Mach andere Dinge, wenn sie dir im Moment wichtiger scheinen.

Und wenn dir einmal danach ist:  öffne mich und schau nach, was drinnen ist!

4 Gedanken zu: unverpuppt

  1. Wow.

    Lieber Wolfgang,

    sehr schön Dein Bild mit den Matrioschka-Puppen.

    Wende ich es auf meine Sportlaufbahn an, dann bräuchte ich wohl ein paar mehr, allerdings weniger umfangreiche. Befreit habe ich mich auch schon von so mancher und manche begleitet mich auch noch – wie bei Dir die Barfuss-Puppe. Vielleicht wird eine weggeworfene auch irgendwann wieder entdeckt. Egal, ich bin jetzt echt gespannt, was in Deiner aktuellen noch steckt…

    Beste Grüße
    Sebastian

    1. Lieber Sebastian,

      das ist eine gute Strategie: die Guten ins Töpfchen („irgendwann wieder entdeckt“), die Schlechten ins Kröpfchen („Befreit habe ich mich…“).
      Einige Puppen werden zu Begleitern auf dem Weg nach Innen, andere erweisen sich als Hindernisse. Ich denke, vollkommene Freiheit bedeutet, die guten Puppen nutzen zu können, ohne sich von ihnen abhängig zu machen. Und: die schlechten erkennen und loswerden. Das ist der Lohn für den Mut, den ein Entdecker braucht.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Hallo Wolfgang. Die Metapher mit den Puppenhüllen find ich ziemlich interessant, hab ich so noch nie gesehen. Meine Variante ist die Abzweigung eines Weges. Manchmal waren es größere Wege, da dauerte die Überquerung an sich schon mal etwas, manchmal aber sind es kleine Feldwege mit einer kurzen Entscheidung ab jetzt in „diese“ Richtung weiterzulaufen. Aber wo auch immer ich hinlaufe, es geht halt immer weiter. Und manch eine Entfernung zu einer alte Abzweigung ist mittlerweile so weit weg, ich weiß überhaupt nicht mehr wie dieser „alte Weg“ aussah 🙂
    Beste Grüße, Oliver

    1. Hi Oliver,

      bei vielem, was ich bislang mit meinem Laufen so angestellt habe, fühlte es sich genau so an, wie du es beschreibst: da waren Techniken (Feldenkrais) und Methoden (ChiRunning), Technik (GPS-Uhren) und Moden (Selfie-Videos mit der GoPro), und immer dort, wo es mir Erfolg versprach, bog ich auf einen anderen Kurs ein. Mit meinen Puppen fühlt es sich tatsächlich etwas anders an: sie sind Schutz und Ballast zugleich, aber wenn ich mir selbst ganz nah kommen möchte, muss ich den Ballast abwerfen und auf den Schutz verzichten. Der Unterschied zwischen der Wege-Navigation und den Puppen ist der zwischen Erfolg und Freiheit (und zwischen Hirn und Herz). Letztere(s) hat inzwischen bei mir absolute Priorität und ich beginne, mich damit sehr wohl zu fühlen.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

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