Verbundenheit

Wie war das mit den guten Vorsätzen zum Jahreswechsel? In der Rangliste der Versprechen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit gebrochen werden, stehen diejenigen ganz weit oben, die man sich selbst zu Sylvester gibt. Das mag zum einen an der lockeren Stimmung liegen, in der man sich und seine Lieben auf der Sylvesterparty befindet (bekannter Effekt: Promille führen zur Selbstüberschätzung), zum anderen daran, dass es einfach ein netter Brauch ist, ein paar Dinge im nächsten Jahr besser machen zu wollen als im letzten. Und so nimmt man sich nochmal vor, was schon im letzten Jahr nicht erreicht wurde (oder noch wildere Sachen).

Ich hatte mir daher vorgenommen, mir nichts mehr vorzunehmen, und hielt das für ziemlich schlau. Wer keine Ziele hat, reißt auch keine. Ein wirksamer Schutz gegen Enttäuschungen also? Weit gefehlt: wer keine Ziele hat, reißt nicht nur keine Ziele, er reißt gar nichts mehr, denn ohne Ziele keine Vision, ohne Vision kein Weg, und ohne Weg keine BeWegung, oder?

Die Frage lautet daher: wie schafft man Bewegung ohne Weg? Und wenn man sich ohne Weg bewegt, wohin kommt man? Simple Fragen am Anfang eines neuen Jahres, und ein paar Antworten, die – wider Erwarten – doch etwas mit Laufen zu tun haben 🙂

Bewegung ohne Weg?

Geht. Wer schon mal was von Parkour gehört hat, weiß das. Mir geht es hier aber weniger um eine bestimmte Art der Fortbewegung (auch wenn ich Parkour bewundere), sondern darum, seinen Bewegungsdrang auszuleben, ohne dies formal einzuschränken. Heißt: wenn ich Lust habe, zu laufen (nicht nur mit Laufklamotten), dann mach ich das. Kommt euch bekannt vor? Stimmt: Kinder machen das auch, vor allem, so lange sie noch nicht blöd angeschaut werden, wenn sie plötzlich losrennen. Ein Erwachsener würde schon mitleidige Blicke auf sich ziehen, wenn er eine Treppe so hochhüpft, dass er immer zwei Stufen hintereinander mit dem selben Fuß nimmt. Das erinnert dann schon ein wenig an Monty Pythons Ministerium für alberne Gänge…

Wohin kommen wir?

Wenn wir die gewohnten Pfade verlassen, kommen wir:

  • zu wunderbaren Trails (der geneigte Leser ahnt es: da kommt vielleicht in Kürze ein eigener Beitrag…)
  • in neue Welten (Star Trek: „to boldly go where no man has gone before“)
  • zum Arzt (wenn wir zu viel wagten)
  • zu neuen Erkenntnissen (Wachstum macht glücklich)
  • unter Umständen sehr weit von zu Hause weg (!)

Wir erschließen das Unbekannte, und je mehr wir davon in Bekanntes umwandeln, umso mehr Unbekanntes können wir erkennen. Je mehr wir wissen, umso mehr ahnen wir, was wir alles nicht wissen, aber: wir können gehen wohin immer wir wollen, wir werden immer verbunden sein mit dem Ursprung unserer Reise. Verbunden?

Verbundenheit

So lange wir einen Drang haben zu laufen / uns zu bewegen, sind wir mit unserem Ursprung verbunden: mit der Natur, die uns die Kraft und die Physis gibt, uns schnell und lange fortzubewegen; mit unserer Geschichte, die uns in Folge unserer wachsenden läuferischen Fähigkeiten zu dem gemacht hat, was wir heute sind (ich meine drahtige Ausdauersportler, nicht fettleibige Nerds); mit unseren Mitgeschöpfen, denen wir auf unserer Reise begegnen, und mit denen wir uns auseinandersetzen.

Nix wie raus!

8 Gedanken zu: Verbundenheit

  1. Lieber Wolfgang,
    keine Vorsätze sind auch ein Vorsatz und nach meiner Erfahrung kommen kleine Ziele von selbst, man braucht nicht zwingend einen Entschluss zur Veränderung. Ich hatte mich irgendwann in den letzten Jahren in einem Blogartikel damit beschäftigt.
    Bewegung findet meines Erachtens nicht nur statt, wenn man unzufrieden ist oder etwas ändern will, sondern genau dann, wie Du es beschreibst, wenn man Lust dazu hat, egal ob beim Laufen oder im Alltag. Gerade das macht es ja so interessant ohne formulierte Ziele etwas zu tun. Für mich stellt dies immer wieder aufs Neue eine Herausforderung dar 😉

    Salut

    1. Lieber Christian,

      „Bewegung, wenn man Lust dazu hat“ – wie du schreibst – entsteht von innen heraus. Das unterscheidet uns Läufer von Nicht-Läufern (die solch einen Drang nicht verspüren), aber auch von Gesundheitsaposteln (die deshalb laufen, weil man es für gesund hält). Ich habe einfach Lust (!), auch in diesem Aspekt mal tiefer in mich zu dringen und diesen schönen Antrieb bei der Arbeit zu beobachten. Und habe so ein Gefühl, dass dabei eine noch tiefere Verbundenheit mit unserer (menschlichen) Natur entsteht…

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  2. Lieber Wolfgang, aus dem Alter, mir für das kommende, neue, frische Jahr etwas vorzunehmen, bin ich längst hinaus.

    Was die Bewegung betrifft, auch hier musste ich mir – solange ich denken kann – nicht vornehmen, mich zu bewegen , ich tat es , und merkte schon in ganz jungen Jahren unbewusst, wie gut das tut, bis heute brauche ich sie, nehme sie mir, bewege mich, wann immer mir danach ist. Dazu ist und war es auch immer die Freude, draußen, naturverbunden zu sein.

    In diesem Sinne

    1. Liebe Margitta,

      du sagst es. Das Laufen und die Bewegung sind unsere Natur, in diesem Sinne ist deine Naturverbundenheit eine doppelte: Verbundenheit mit deiner eigenen Natur und mit der, durch die du läufst. Möge das immer (also: so lange wie möglich) so sein!

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  3. Lieber Wolfgang, da finde ich mich definitiv wieder, einerseits wegen keine guten Vorsätze machen, andererseits wegen laufen aus dem Drang heraus „jetzt“ laufen zu wollen. Mach ich. Oft sogar. Manchmal auch drinnen, die Büroflure entlang. Kennen meine Kollegen so langsam 🙂 Ich sags ja: immer weiter laufen.
    Liebe Grüße, Oliver

    1. Lieber Oliver,

      super! Falls du mal Lust hast, drinnen – die Büroflure entlang – nicht nur immer weiter, sondern noch viel weiter zu laufen: hier ist er, der TÜV Rheinland Indoor Marathon (in Nürnberg!!!). Nicht, dass ich sowas jetzt empfehle, das ist mir nur eingefallen, als ich „Büroflure“ las. Gefunden habe ich den Lauf vor ein paar Wochen, als ich bei der Laufschule Marburg (die auch passionierte Barfuß-Läufer sind), was über Wettkampf-Ergebnisse gelesen habe 🙂

      Liebe Grüße
      Wolfgang

  4. Hallo Wolfgang,

    ich mache mir schon lange keinen Druck mehr zum Jahresanfang, oder sonst im Jahr. Da setze ich mir eher Grenzen, an denen ich innehalten will um nochmal drüber nachzudenken, ob es in die Richtung weiter gehen soll. Z.B. habe ich aktuell die Grenze 100km von Sonnenaufgang bis Untergang zu schaffen, 21.06. ist erlaubt, aber nicht weiter in den Norden). Bis da hin, egal wie lange es dauern wird, trainiere ich einfach weiter, ohne mir Gedanken darüber zu machen. Erst ab dem Punkt halte ich mal kurz an und überlege, ob ich noch weiter machen will und ob es für mich noch Sinn ergibt.

    Ansonsten glaube ich dass es mal wieder der gute alte Carlos Castaneda war der gesagt hat, dass das Leben ein reißender Wildbach ist und der Versuch darin Eiswürfel zu machen vergeblich sein muss (oder war es Konfuzius?). Bewegung ist genug da, auch ohne (gute?) Vorsätze, man muss sich der Bewegung nur hingeben und nicht dagegen stemmen. Hmm, Wildwasser Kajakfahren ist also eine Lektion fürs Leben, wenn du nicht mit der Strömung arbeitest, dann wird die Strömung bald mit dir arbeiten 😉

    Wünsche euch allen einen guten Blick für die kommenden Stromschnellen, auf die wir alle unaufhaltsam zu treiben. Umso besser wir die Strömung erkennen, umso besser können wir mit ihr arbeiten.

    1. Hi Stefan,

      das klingt ja spannend mit deinen 100km in maximal 17 Stunden (so lange wird es im Norden Deutschlands hell sein, im Süden immerhin 16 Stunden). Ich selbst bin noch nie weiter als 50km gelaufen, bekomme aber langsam immer mehr Lust, auch mal richtig weit zu laufen. Aber auch das ohne Vorsätze, irgendwann kommt das mal von ganz alleine.

      Liebe Grüße
      Wolfgang

Kommentare sind geschlossen.